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Außergewöhnliche Filme erfordern außergewöhnliche Entscheidungen: Steven Spielberg entpuppt sich als der Sozialliberale der er ist, und prämiert mit seiner Jury einen Lesbenliebesfilm im Geist der Aufklärung

„We take an extraordinary decision“, sagte Steven Spielberg, und man fürchtete schon Schlimmes, „we award three artists on stage…“ Eine konservative Jury habe konservative Preise vergeben – so glaubte man bis zu diesem Augenblick, bis zur Bekanntgabe der Goldenen Palme. Schließlich hatten in Cannes die Amerikaner schon immer gute Karten.

Und dann verkündete Spielberg: Der französische Regisseur Abdellatif Kechiche gewinnt für seinen Film BLUE IS THE WARMEST COLOR (LA VIE D’ADELE 1+2) die Goldene Palme, und zwar gemeinsam mit seinen Hauptdarstellerinnen Léa Seydoux und Adele Exarchopoulos. Mit dieser „außergewöhnlichen Entscheidung“ umging die Jury das Verbot, dass ein Gerwinner der Goldenen Palme noch weitere Preise erhält, etwa für Darsteller. Jetzt hat er sozusagen drei Goldene Palmen.

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Mit dieser überaus verdienten, für viele Beobachter gleichwohl sehr überraschenden Entscheidung ging am Abend die 66. Ausgabe des wichtigsten Filmfestivals der Welt zuende. Aber man hätte bereits durch den Regiepreis für den Mexikaner Amat Escalante gewarnt sein können.

Am Ende eines starken Wettbewerbs ohne klare Favoriten lautet das generelle Urteil der professionellen Besucher: Es war ein überdurchschnittlich gutes Jahr, aber kein absolut herausragendes. Es gab wenig richtig schlechte und viele gute Filme, aber Kechiches Film war der einzige, der auch hartgesottene Film-Beobachter verzauberte.

Die Silberne Palme für die „Beste Regie“ bekam wie gesagt Amat Escalante für sein hartes, aber auch ästhetisch gewagtes, sperriges Rachedrama HELI. Weitere Preise bekamen die Coen-Brüder („Großer Preis der Jury“ (Grand Prix du Jury) für INSIDE LLEWYN DAVIS), an Hirokazu Kore-eda (Jury-Preis für das Familienmelo LIKE FATHER, LIKE SON) sowie an den Chinesen Jia Zhang-ke für das „Beste Drehbuch“ für sein abgründiges, poetisches China-Portrait A TOUCH OF SIN. Berenice Bejo, die argentinischstämmige Hauptdarstellerin von Asghar Farhadis LE PASSÉ bekam den Preis für die „Beste Darstellerin“. Oder die hübscheste? „Bester Darsteller“ wurde Bruce Dern für Alexander Payne stinklangweiligen NEBRASKA und wohl vor allem für sein Lebenswerk.

Auch diese Preise gehen im großen Ganzen in Ordnung und zeichnen damit – von NEBRASKA abgesehen – tatsächlich die stärksten Filme des Wettbewerbs aus.

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In der Sektion Un Certain Re­gard gewann der Film L’IMAGE MANQUANTE von Rithy Panh den Haupt­preis. Der Spezialpreis der Jury ging an OMAR von Hany Abu-Assad, der Regiepreis an Alain Guiraudie für L’INCONNU DU LAC.

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Auch der Preis der internationalen Filmkritikerorganisation FIPRESCI ging an BLUE IS THE WARMEST COLOR (LA VIE D’ADELE 1+2).

In der Sektion Un Certain Regard gewann MANUSCRIPTS DON’T BURN (DAST-NEVESHTEHAA NEMISVOSAND) über den, was man so hört, der Titel schon das meiste sagt, vom Iraner Mohammad Rasoulof. Der Preis in den Parallel-Sektionen ging an BLUE RUIN vom Amerikaner Jeremy Saulnier, der in der Quinzaine gezeigt wurde.

Der zum zweiten Mal vergebene Preis der unabhängigen Filmkritik „Les Artisans“ gewann CRUSTÁCEOS vom Spanier Vicente Pérez Herrero:

Bild-Copyright: Festival de Cannes 2013