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Drei sind einer zuviel. Locarno-Blog, 3. Folge

von | 15 Aug 2014 | Locarno | 0 Kommentare

lucy besson locarno

Was bedeutet eigentlich Respekt? – Veganer, Latinos und ein deutscher Feelgoodfilm über den Tod

Der Festivalklatsch des Tages war der Auftritt des amerikanischen Regisseurs Alex Ross Perry. Aber nicht der im Kino, sondern der beim Abendessen zu seinen Ehren. Perry war eh schon zu spät gekommen, und kurz nach seiner Ankunft gab es dann eine Riesenschreierei. Wer da schrie war der Regisseur höchstselbst, und er schrie allein deshalb, weil es kein veganes Essen gab, er aber Veganer ist, und offenbar von Komplexen getrieben, das man das nicht genug würdigt.

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Einmal mehr ein Beispiel für den in der Gegenwart überall zu findenden falsch verstandenen Respekt. Man hat heute Respekt für jedem Schwachsinn; vor allem vor Glaubensriten, Allergien und vor Essensgewohnheiten. Als ob es etwas Besonderes wäre und irgendwie Respekt verdiente, dass einer noch oder wieder an irgendwelche Götter glaubt, oder keine Eier essen will, oder gegen Rote Beete allergisch ist. Im Umkehrschluss müssen sich Menschen, die gesund sind, gern Fleisch essen, und statt an den lieben Gott nur an sich glauben und ans Kino, dafür rechtfertigen. Dabei verdient das alles aber keineswegs Respekt, oder gar Förderung, es verdient allenfalls Toleranz, Duldung. Meinetwegen auch Akzeptanz. That’s it.
Dagegen besteht generell ein fehlender Respekt der Gäste vor den Gastgebern, vor ihren Bräuchen, ihren Sitten. Es geht hier jetzt, liebe Konservative, keineswegs um die Einwanderungsdebatte, sondern um Gäste, also Besucher, die vorhaben, nach absehbarer Zeit wieder zu gehen. Früher hieß es mal: „Was auf den Tusch kommt, wird gegessen.“ Der alte Erzieherspruch hat nicht nur die falsche Wahrheit der schieren Macht, die Repression bürgerlicher Zwangsapparate auf seiner Seite, sondern auch schlichten Pragmatismus – der Koch kann nicht für jeden ein Gericht nach subjektiven Vorlieben zubereiten -, die klassische Tugend der Höflichkeit und ein wohltuendes Absehen von sich selbst, die Einsucht in die Tatsache, dass man selbst bei einem gemeinsamen Abendessen, und sei es auch zur eigener Ehre, nicht die Hauptperson ist. Anders gesagt: Narzißmusverzicht.
In jenen vergangenen Zeiten, als fremde Seefahrer aus Europa im „Morgenland“ oder in „Westindien“ noch bei Strafe des Todes das essen mussten, was ihnen vorgesetzt wurde, gab es übrigens auch weniger Allergien. Davon aber mal angesehen, geht es aber um Ursprüngliches, Universales: Um intersubjektive Geschmeidigkeit, die Fähigkeit zur Diplomatie und zur Anpassung. Um Evolutionsvorsprünge.
Wenn Hegel in seiner Rechtsphilosophie die Kantische Unterscheidung von Legalität und Moralität aufsprengt und um ein drittes Element erweitert, und zwischen beide die Sittlichkeit zieht, meint er genau das: Es geht weder ums Recht an sich, noch ums Ich an sich, sondern um ein Zusammenspiel zwischen den Interessen des Allgemeinen und denen des Einzelnen, es geht also um Gemeinsinn. Kant kommt im Grunde nicht über den plumpen Spruch hinaus, der Luther zugeschrieben wird: „Hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir Amen.“ So spricht das reine Gewissen. So spricht aber auch die Grobheit. So spricht das heutige Amerika. So kann man Diktatoren besiegen, aber keinen Staat machen.

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Nach Roman Polanskis Absage wurde auch sein neuer Film vom Piazzaprogramm gestrichen – ein falscher Schritt, denn während Polanski für seine Absage auch selbst verantwortlich ist, ist dieser Schritt ein Einknicken des Festivals vor den Moralisten des Anti-Polanski-Lagers, und ein paar Lokalpolitikern, für die sich sonst niemand außerhalb des Tessin interessieren würde, hätten sie nicht das Sommerloch und den angesagten Besuch des Regisseurs genutzt, um sich selbst in Szene zu setzen. Stattdessen zeigte man ONE HOUR PHOTO mit Robin Williams. CLUB DER TOTEN DICHTER hätte besser gepasst mit seinem Appell an Zivilcourage.
Festivcalchef Carlo Chatrian versuchte vorgestern noch, eine Resolution für Polanski zustandezubringen. Erfolglos und das zu Recht. Denn wenn überhaupt müsste es eine Resolution für die Freiheit von Filmfestivals sein.

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Auch ohne Roman Polanski geben sich die Stars in diesem Jahr die Klinke in die Hand. Eigentlich ist es purer Wahnsinn, und der einzelne Gast verschwindet im täglichen Strom der Prominenz, wird nur noch durchgeschleust: Zuletzt Frankreichs Schauspielstar Juliette Binoche, davor bereits ihr Kollege, Truffaut-Muse Jean-Pierre Leaud, Mia Farrow, die Regisseurin und „Großmutter der Nouvelle Vague“ Agnès Varda, der italienische Horror-Meister Dario Argento, der Spanier Victor Erice und aus Deutschland Armin Mueller-Stahl. Das kann und wird auf Dauer nicht gut gehen, und bedient weder die Interessen des Publikums, noch die der Presse; es streichelt allenfalls die Eitelkeit der Sponsoren und des Festivalpräsidenten Marco Solar, obwohl der klug genug ist, zu wissen, dass man so ein Festival auch kaputt macht: Durch Überfülle.

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Alles begann am vorigen Mittwoch mit LUCY dem Eröffnungsfilm von Luc Besson, einem philosophischen Actionknaller in der Tradition von Bessons Frauen-Baller-Heldinnen-Epen LEON DER PROFI, DAS FÜNFTE ELEMENT und NIKITA. Diesmal nahm Scarlett Johannson die Pistole in die Hand, und mutierte vor gut 8000 Zuschauern auf Locarnos berühmter „Piazza Grande“, dem angeblich größten Freiluftkino der Welt, in eine Intelligenzbestie, in deren wohlgeformtem Körper eine von Drogenschmugglern eingenähte Super-Substanz knallige Effekte zeitigt. Dies war der einzige wirklich trockene Abend in einen verregneten Festival, das auf der Piazza – wo Filme außer Konkurrenz laufen. Der Regen der übrigen Tage trennte unter den Filmen die Spreu vom Weizen: Während man für Luchino Viscontis über dreistündigen Klassiker DER LEOPARD gelegentliche Schauer gern aushielt, war bei anderen Filmen der Regen vielen Zuschauern ein willkommener Vorwand, um in Scharen zu flüchten.

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Zum Beispiel HIN UND WEG, einer der wenigen deutschen Beiträge in einem Festival, in dem traditionell das italienische, das französische und in diesem Jahr auch das lateinamerikanische Kino stark vertreten ist. Christian Züberts Film erzählt von einer Handvoll Freunde auf Radtour in Belgien – im deutschen Kino wird der Urlaub in der Fremde gern zum Katalysator für Seelenschmerzen. In diesem Fall geht es um Handfestes: Einer der Radler ist todkrank und will in Ostende (!) sterben. Über 90 Minuten entwickelt sich das Drama in höchst berechneten und entsprechend vorhersehbaren Wendungen. Papierne Drehbuchsätze entfalten Gefühlskitsch und Klischees zum Frendschämen – einzig die Schauspieler beleben diesen Feelgoodfilm über den Tod, der auf die Verdeppertheit und Abgestumpftheit des Massenpublikum setzt, sich hier aber offensichtlich verkalkuliert hat. Den Beifall der Piazzamasse gab es jedenfalls nicht.

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Im Wettbewerb wirken die Lateinamerikaner bislang am stärksten: VENTOS DE AGOSTO von Gabriel Mascaro aus Brasilien ist mal ein schöner brasilianischer Film. Selten genug. Es beginnt mit einer jungen Frau auf einem Boot im Meer, die eine Cola-Dose öffnet – um sich die Cola dann auf Beine, Bauch und Busen zu schmieren. Das wäre mal ein guter Coca-Cola-Spot! Der Film erzählt in erlesenen, halbdokumentarischen Bildern von dieser jungen Frau, die in eine heruntergekommene Küstenstadt gekommen ist, um ihre Großmutter zu betreuen, und sich dort ins Leben der Fischer integriert, sich in einen von ihnen verliebt, und allerhand Abenteuer erlebt. Man sieht großartige Bilder von Tauchgängen, erinnert sich an den Berlinale-Film ALAMAR. Dann findet der Taucher statt Fischen einen Totenschädel auf dem Meeresgrund – super Moment!
Die beiden fragen alte Leute nach dem Schädel und er wird tatsächlich identifiziert. So mäandert der Film weiter in sommer-sonniger Stimmung, und geht doch auch um das Leben, und darum, wie man mit den Toten umgeht. Ein Friedhof am Meer, wo sich im Sommer die See die Toten holt.

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„Es gab mehr Freiheit damals in den 70ern.“ – „Bullshit“
„Sexuell, politisch, kulturell“ – „Bullshit“

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DOS DISPAROS vom Argentinier Martin Rejtman wirkt, als hätte ein Klon aus Lubitsch und Kaurismäki einen Film gemacht: Eine absurde Komödie um eine Mittelstandsfamilie. Ein Pool, ein Schäferhund, ein alter Rasenmäher, ein Gartenschlauch. Der Sohn des Hauses schneidet aus Versehen (?) das Elektrokabel durch und findet zufällig beim Reparieren im Gartenschuppen eine Pistole, schießt sich ohne Grund eine Kugel in den Bauch, und überlebt aber wundersam ohne schwere Folgen – mit der Ausnahme, dass sich die Kugel nicht entfernen lässt. Der Bruder verliebt sich in die Verkäuferin einer Burgerkette, die „seit zwei Jahren“ mit ihrem Freund Schluss macht. Die Mutter geht zum Analytiker und macht irgendwann mit der Flötenlehrerin ihres Sohnes Ferien am Meer. Der Sohn ist nämlich Mitglied eines Barock-Flöten-Quartetts, dem immer wieder der vierte Musiker ausgeht.
Man müsste jetzt auch über die alte Wohnungen, die Häuser der 50er-, 60er-Moderne sprechen und die Möbel aus Holz und Stoff, die eher aus den 70ern und 80ern stammen – doch all diese Beschreibungen streifen nur den Kern dieses ungewöhnliches, sehr vergnüglichen Films, der von Dialogwitz ebenso lebt, wie vom Running-Gag dauernden Mobiltelefonklingelns mit absurden nervigen Klingeltönen.
Immer wieder bringt der Film Personen in 3er Konstellationen. Eine Absage an jede konventionelle Dramaturgie, die Texte von Argentiniens großem Autor Cortazar erinnert.
Der Film bietet eine sehr interessante Seherfahrung: Man weiß nie, wohin der Film führt. Er lässt alles völlig im Vagen, hat keine Hauptfigur, keine konventionelle Dramaturgie, könnte jederzeit aufhören. Gerade diese Offenheit ist seine Stärke.

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Im Gespräch antwortet Reijtman auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Literatur und Kino: „Timing“. Er habe seine Zuschauer an einen Ort führen wollen, mit dem sie nicht gerechnet hätten. Sein Ziel sei gewesen, dem Film einen Rhythmus zu geben. Und wenn man ihm vorwerfe, dem Film fehle es an Emotion: „Preston Sturges had as well a lack of emotion.“

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Ähnlich parabelartig ist FIDELIO, L’ODYSSEE D’ALICE“ in dem die Französin Lucie Borleteau gleich drei Mythen verbindet: Alice, ein weiblicher Odysseus fährt auf einem Großdampfer namens „Fidelio“, ihr Freund wartet zuhaus, sie aber verliebt sich in den Kapitän, den sie von früher kennt. Schon nach zehn Minuten gibt es an Bord einen Toten, und die Frage stellt sich, ob es sich hier womöglich um ein Geisterschiff handelt, auf dem Dämonen walten? Alice untersucht den Tod des Matrosen. Die mysteriösen Unglücksfälle häufen sich, eine schwarze Schlange bringt Unglück und die Menschen reden über die Einsamkeit der Seeleute: „Auf Land bin ich blockiert.“ Alice will alles, sagt sie – sie ist eine Heldin wie aus den Filmen von Claire Denis. Das Schiff wirkt wie ein Labyrinth – eine großartige, eindrucksvolle Kinokulisse.
Und durch den Film schweben dutzende von Referenzen aufs Seemann/frau-Thema: Von Sindbad dem Seefahrer bis hin zu Marguerite Duras‘ MATROSEN VON GIBRALTAR, Yukio Mishima, Jorge Amado, Malcolm Lowry und natürlich immer wieder Melville.

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Der Leopard, das Wappentier des Festivals, ist die kleinste aller Großkatzen – wie das Festival selbst, das kleinste unter den großen fünf europäischen Filmfestivals. Am Samstag werden die Goldenen und Silbernen Leoparden ein paar Filme ganz groß machen.

 

Bild: LUCY, Copyright: Locarno Filmfestival 2014, Universal

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