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Mit der vor kurzem erfolgten DVD/BluRay-Veröffentlichung von DRIVE bietet sich eine passende Gelegenheit, einen modernen Kultfilm mit etwas Abstand zu betrachten und die hypnotische Wirkung der Bilder und des Soundtracks erneut auf sich wirken zu lassen. (Warnung: Der folgende Text enthält viele Spoiler und sollte nicht gelesen werden, wenn man den Film noch nicht kennt)

High-Definition Noir und hyperrealistische Traumwelten

Jeder Hype lässt nach einer Weile nach und was bleibt, sind nostalgische Eindrücke, verursacht durch verzerrte Sinneseindrücke, die meistens das Urteilsvermögen trüben. Diese Ironie kommt auch bei DRIVE nicht zu kurz. Den ersten Hinweis gibt hierzu das (Original-)Filmplakat – nicht das Hauptmotiv jedoch, sondern der Schriftzug, der in pinkfarbenem Neon-Look gehalten ist. DRIVE ist eine Reminiszenz an die Neo-Noir-Filme der Achtzigerjahre, der Titel wirkt u.a. dem von Michael Manns THIEF nachempfunden. DRIVE – kurz und bündig. Genauso wie THIEF ist das Zentrum der Handlung die hingebungsvolle Ausübung des Berufs, ein Thema, das viele von Manns Filmen durchzieht. Und auch der Driver, gespielt von Ryan Gosling, ist die archetypisierte Hingabe an den Berufsethos. 5 Minuten, mehr Zeit gibt der Driver seinen Klienten nicht, wenn sie einen Überfall planen. In dieser Zeit ist er jedoch der beste Fluchtwagenfahrer in Los Angeles. Genauso archaisch und an die Technik gebunden wie der Fluchtwagenfahrer ist auch der Soundtrack, der gefüllt ist mit altmodisch klingenden Synthie-Popsongs, die trotz ihrer schmalzig-kitschigen Texte in Verbindung mit den Bildern genau das evozieren, was in den Filmen des Neo-Noir damals bahnbrechend war, nämlich die Perfektionierung des Videoclipstils im Zuge stilistisch prägender Serien wie MIAMI VICE (für die Mann aufgrund der Ästhetik von THIEF als ausführender Produzent hinzugezogen wurde). Die Verschmelzung von Technik und Ästhetik, Mensch und Maschine, dies ist das erste Motiv, dass im Vorspann von DRIVE ins Auge fällt: Top-Shots von Autobahnen, die Los Angeles durchziehen, Überblendungen, eine hypnotische Musik, die lichterfüllte Nacht, durch die der somnambule Protagonist nach seinem ersten Coup streift. Nicht der Inhalt selber wird zum Hauptmerkmal, sondern der Stil. Erstklassig daher auch der Kommentar des von Albert Brooks gespielten Gangsters Bernie in DRIVE: „Ich hab‘ in den Achtzigerjahren Actionfilme produziert. Die Kritiker fanden sie ‚europäisch‘. Ich dagegen fand sie scheisse.“ So wie THIEF, spielt auch DRIVE mit den Hollywood-Klischees und ist bei näherem Betrachten zwar in schicken Hochglanzbildern gehalten, aber auch zu clever, um als bloßes Popcornkino durchzugehen. Wilde Verfolgungsjagden gibt es ohnehin kaum. Eher würde einem der Vergleich zum PIXAR-Animationsfilm CARS in den Sinn kommen. Auch da ist eine ganze Welt von Autobahnen durchzogen, bestehen ganze Gebirgszüge aus Kühlerfiguren und riesigen Felgen. So ähnlich muss wohl der Driver die Welt betrachten.

Neben THIEF findet sich auch im Walter Hill-Film THE DRIVER ein Vorbild, wenn auch beileibe nicht das letzte. Nicht nur die Archetypisierung der Charaktere – von denen der Driver am offensichtlichsten an das, von Ryan O’Neill gespielte, gleichnamige Vorbild angelehnt ist – sondern auch das Spiel mit Genreerwartungen ist beiden gemeinsam. So beginnt DRIVE mit der Abholung eines Fluchtautos in der Werkstatt von Shannon (Bryan Cranston), dem einzigen Freund des stoischen Fahrers. Nach einer Kamerafahrt, die vorbei führt an den uramerikanischen Strassenboliden und Musclecars, kommt am Ende der Reihe die Kamera am eigentlichen Fluchtwagen zum Halt: Einem unauffälligen, modernen Chevy Impala, dem „beliebtesten Auto Kaliforniens“. Auch die typische Boy-Meets-Girl-Story wird ohne viel Erklärung inszeniert. Ein kurzer Augenblick beim Betreten des Fahrstuhls, aus dem gerade die hübsche, wenn auch unscheinbare Kellnerin Irene (Carey Mulligan) aussteigt, genügt, um die zentrale Figur einzuführen, die den Fahrer ins Verderben führen wird. Somit beginnt eine zum Scheitern verurteilte Beziehung, die fast ohne Worte auskommt. Denn als Irenes Ehemann Standard (Oscar Isaac) aus dem Gefängnis entlassen wird, nimmt das Liebesglück sein Ende und das Unglück seinen Lauf.

Der Driver, wie er in die Welt kam

Standards Knastschulden zwingen ihn zu einem verzweifelten Überfall, für den der Driver sich freiwillig als Fluchtfahrer zur Verfügung stellt. Und spätestens hier, ungefähr ab der Mitte der Handlung, scheint man es mit einem völlig anderen Film zu tun zu haben. Das Blut spritzt nicht nur, es strömt regelrecht, als der Driver in einen Hinterhalt gelockt wird und fortan einen Rachefeldzug startet, der ungeahnte Kräfte in dem stillen Einzelgänger freisetzt und eine nervenzerrende Gewaltorgie entfesselt, die trotz Drivers extrem stoischer Coolness eher abschreckend als bewundernswert wirkt. Zu extrem ist der Gegensatz zwischen träumerischen Nachtszenen und Gewaltausbrüchen bei grellem Tageslicht, durch das die Brutalität besonders real erscheint. Zudem wirkt die nihilistische Einstellung des Drivers bei seiner Aufräumaktion ähnlich den selbstzerstörerischen Antihelden in Takeshi Kitanos Filmen, die mit OUTRAGE einen Höhepunkt der stilisierten Dekonstruktion von Mafiastrukturen Kitanos Oeuvre erreicht. Durch die Zurschaustellung von gegenseitiger Zerstörung um ihrer selbst Willen wird die wahre Natur der Mafia vorgezeigt. In DRIVE wird die Fabel vom Skorpion und dem Frosch als Analogie für dieses Verhältnis der Figuren genommen. Nicht zufällig trägt der Driver auch fast den ganzen Film hindurch eine Rennfahrerjacke mit einem Skorpion auf dem Rücken, die sich im Laufe der Zeit immer mehr mit Blut tränkt. Der Einzelgänger und sein Bestreben nach geteiltem Glück dagegen muss auf der Strecke bleiben, ein Topos, der auch immer wieder in Michael Manns Gangster-Filmen auftaucht, denn das parasitäre Verhältnis unter den Gangster-Typen wird meist durch einen strengen Kodex intakt gehalten, in dem eine Liebesbeziehung keinen Platz hat. Wo bei Manns THIEF gegen Ende jedoch wieder existentialistische Töne aufkommen (auch unbedingt anschauen: EIN MANN KÄMPFT ALLEINE – THE JERICHO MILE, der Prototyp von Manns Filmen, der dieselben Themen bereits aufgreift), bleibt das Ende von DRIVE jedoch offen. Das heißt, wenn man vielleicht von der Romanfortsetzung von James Sallis absieht. Darin ist der Driver am Anfang glücklich verheiratet. Womit die Romanfortsetzung schlecht mit dem Film in Einklang zu bringen wäre, denn den Driver kann man sich nicht mit einer Frau in festen Händen vorstellen. Er ist mit seinem Beruf verheiratet, oder eher mit seinem Auto. Somit sollte man auch die ständigen langanhaltenden Blicke von Driver und Irene nicht als Schwärmerei verstehen. Eher ist es wie eine Mischung aus Neugier und Faszination, als ob der Driver zum ersten Mal ein menschliches Wesen erblickt. Aber es steckt vielleicht sogar mehr dahinter.

Die Frage ist nämlich: Was macht die Quintessenz des Drivers aus? Die völlige Hingabe zu seinem Beruf gleicht der von James Caan und Ryan O’Neill in THIEF bzw. DRIVER. Wohingegen beim ersteren jedoch existenzialistische Tendenzen den Hauptantrieb des Protagonisten ausmachen und bei letzterem die Sinnsuche im Verhältnis der Figuren – dem Driver, der Femme Fatale und dem Detective – zu finden ist, durch deren antagonistische Verhältnisse sich die Strukturen und somit das Weltbild der Hauptfigur am Ende kathartisch (und damit letztendlich: dramaturgisch) auflöst, wird das Equivalent in DRIVE von einem anderen Antrieb gesteuert. Und genau da wirken die Blicke, die Irene und Driver austauschen, anders als erwartet. Ist es nicht eher so, als würde Irene den Driver hypnotisieren? Der somnambule Driver scheint willenlos der Frau ausgeliefert und wandelt sich zum Schluß zum Golem – jener mythischen Gestalt aus jüdischer Sage, die in dem expressionistischen Film von Paul Wegener ihren berühmten Auftritt hatte. Und genauso wie in der Sage gerät das Wesen, das weder Gefühle noch Moral kennt, und einzig und allein dem Befehl des Meisters folgt, irgendwann außer Kontrolle. Selbst Irenes Entsetzen über den ungehaltenen Rachefeldzug des Drivers kann diesen nicht an seinem Vorgehen hindern. Am Ende setzt der Driver eine Maske auf, die er von einem Filmset klaut und ihn wie eine groteske und schemenhafte Figur aussehen lässt. Dies gibt ihm das grobe und emotionslose, fast wie aus Lehm geschaffene Erscheinungsbild, das typisch ist für den Golem. Das dürfte zumindest erklären, weshalb der Driver überhaupt die Maske aufsetzt, denn für sein Vorgehen ist diese eigentlich unnötig. Das augenfälligste Merkmal ist jedoch die Montage. Nicht nur Irenes Ausstieg aus dem Fahrstuhl am Anfang des Films wirkt wie ein flüchtiger Blick, der niemandem zu gehören scheint (man achte auf die Schuß-Gegenschuß-Einstellung, die keinen eindeutigen Point of View-Shot beinhaltet, auch wenn der Gegenschuß ein POV des Drivers zu sein scheint) und der vielleicht nur im Unterbewusstsein stattfindet. Auch während der Feier bei Standards Entlassung aus dem Gefängnis wird bei einer Parallelmontage – Naheinstellungen von Irene und Driver, die sich in verschiedenen Wohnungen befinden – ein dramaturgisch wichtiger Meta-Blick eingebracht, der doppeldeutig gemeint ist. Entweder sind Irene und Driver ein unglücklich verliebtes Pärchen. Oder aber Irenes hypnotischer Einfluss auf ihn belegt Driver mit einem Bann. Nicht zufällig läuft die Musik in diesem Moment auf dem Soundtrack, statt von einer diegetischen Quelle (d.h. sie wechselt, als der Driver die Wohnung verlässt, zu einem dumpfen Klang, der eindeutig Standards Party als Tonquelle zuzuordnen ist). Und nicht zufällig lautet der Liedtext: „You keep me under your spell…“

Wohlgemerkt, dies sind vielleicht nur Spinnereien. Die Vieldeutigkeit von DRIVE ist es aber auch schließlich, die den Film so sehenswert macht. Und es sollte nicht vergessen werden, dass der Driver die einzige Figur ohne Motivation ist, keine Vergangenheit besitzt. Selbst als Shannon die Vorgeschichte des Drivers erzählt, verrät sie mehr über Shannon als über seinen Protegé: „Er fragte mich nach Arbeit und ich merkte, dass er Talent besitzt. Also bot ich ihm erstmal nur halben Lohn. Er sagte ohne Zögern zu… seitdem beute ich ihn heimlich aus.“ Zwar spricht Shannon augenzwinkernd von „ausbeuten“. Aber es scheint tatsächlich in der Natur des Drivers zu liegen, für andere zu arbeiten. Deshalb sollte sein „Rachefeldzug“ in der zweiten Filmhälfte vielleicht eher als verrichtete Arbeit angesehen werden. Nachdem Shannon den Driver an Irene „weitergibt“ (damit er sie nach Hause fährt), von Irene an Standard und Standard schließlich umkommt, führt Driver den Arbeitsauftrag – nämlich Standards Familie zu beschützen – konsequent weiter. Auch wenn der Driver streckenweise naiv wirkt, sind diese Momente meistens eher seiner fehlenden Moral – im Gegensatz zu seinem Arbeitsethos, der in Wahrheit keiner ist – geschuldet. Somit bleibt die Hauptfigur in DRIVE weniger eine tragische als eine passive, die sich von Situation zu Situation hangelt und dabei in die Machtverhältnisse der Mafia gerät.

Bild-Copyright: Universum Film