Seite auswählen

Es gibt Filme, die man für ein großes Kunstwerk hält, obwohl man so gut wie nichts von ihnen verstanden hat. So geschah es mir mit Arrebato (auf deutsch etwa: Verzückung) des spanischen Regisseurs Iván Zulueta. In diesem Falle allerdings, weil der Film von einem eindringlichen, geflüsterten Voice-Over getragen wird, den ohne Untertitel zu verstehen ich außerstande war, als ich Arrebato vor einem Jahr in Spanien zum ersten Mal sah. Trotzdem schlugen mich die Bilder in einen Bann, in eben jenen Zustand der Verzückung, den der Protagonist Pedro empfindet, wenn er mit seiner Super 8-Kamera alles aufnimmt, was ihm vor die Linse kommt. Es geht in Arrebato um die Leidenschaft des Filmemachens bis zur Entzehrung, bis zur Verschmelzung von Mensch und Materie, bis zur Film-Werdung des Protagonisten.

„Nicht ich liebe das Kino, sondern das Kino liebt mich“, sagt José Sirgado, ein B-Horror-Regisseur, als er entnervt den Schnittraum verlässt, in dem sein zweites Werk gerade fertiggestellt wurde. Zu Hause erwarten ihn zwei Überraschungen: seine Ex-Freundin Ana, die im Heroin-Delirium nackt in seinem Bett liegt, und ein Päckchen von Pedro, einem flüchtigen Bekannten. Darin befinden sich Filmrollen von Pedros Super 8-Kamera und eine Kassette, auf die – krächzend, mit kaum noch hörbarer Stimme – eine Nachricht aufgesprochen ist. Während Pedros Stimme aus dem Kassettenrekorder tönt, wird in Rückblenden erzählt, wie sich die beiden so unterschiedlichen Filmemacher begegneten. Der eine, José, ein Madrilene, selbstbewusst und straight, hat gerade seinen ersten Film fertiggestellt und fährt mit einer Freundin aufs Land, um deren Familie zu besuchen. In der Finca wohnt auch ihr Cousin Pedro, ein abgemagerter Sonderling, der süchtig nach Bildern mit der Kamera in der Hand durch den riesigen Garten läuft, sich aber vor Schmerzen krümmt, wenn er seine eigenen Werke anschaut. Vor lauter Filmerei vergesse er fast zu essen, reden, ficken, sagt seine Cousine. Bei einem späteren Besuch wird José ihm eine neue Kamera mit Intervallzeitgeber schenken, mit der Pedro schließlich anfängt, sich manisch selbst zu filmen, auf der Suche nach dem vollkommenen Arrebato, der Verschmelzung seines ausgezehrten Körpers mit dem Film.

Arrebato war der zweite (und gleichzeitig der letzte) Kinofilm von Iván Zulueta, der häufig mit Pedro Almodóvar und der Movida Madrileña assoziiert wird. Die Movida war eine jugendliche Subkultur, die in der Post-Franco-Ära Ende der 70er bis Mitte der 80er Jahre all das versuchte auszuleben, was während der Diktatur verboten war. Drogen spielten natürlich eine Rolle, schrille, sehr bunte Klamotten und Popmusik, die sich ähnlich wie die NDW am New Wave orientierte. Eine in erster Linie hedonistische Bewegung also. Doch auch wenn die Movida-Sängerin Alaska auftritt und Almodóvar mit Kehlkopfstimme eine Darstellerin synchronisiert, ist Zuluetas Film weder ein Porträt der Movida noch beschreibt er deren Befindlichkeiten. Zuluetas Film blickt stattdessen in den Abgrund. Arrebato ist im Grunde ein verkappter Vampirfilm: Er handelt von zwei Kräften, den Drogen und dem Filmemachen, die den Protagonisten Lebenskraft aussaugen. Das Filmemachen ist dabei die weitaus bedrohlichere Kraft. Wenn Jorge den oben zitierten Satz spricht, dass das Kino ihn liebe, hat er plötzlich einen Vampirzahn im Mund. Und Pedro wird immer bleicher und verschwindet schließlich ganz, anscheinend verschluckt von seiner Kamera, lediglich ein einziges Filmstill auf der letzten Super 8-Rolle bleibt von ihm übrig.

Gegen Ende hin bewegt sich der Film immer wieder im Bereich des Horros und des Fantastischen. Das trägt zur beklemmenden Wirkung ebenso bei wie der absonderliche Synthie-Soundtrack. Pedros auf Band gesprochene Botschaft handelt plötzlich von Dingen, die sich ereignen, während José sich die Nachricht anhört. Die Kamera fängt an zu schwenken wie von Geisterhand. Und eine Betty Boop-Puppe fängt an zu reden. Es bleibt derweil meist unklar, ob dies die Wahrnehmung der berauschten Protagonisten ist oder nicht. Weniger auffällig dagegen sind die Anleihen aus dem Experimentalfilm, die in Form von Pedros Aufnahmen, die er José und Ana vorführt, nahtlos in die Erzählung eingebettet werden. Viel Zeitgeraffertes sehen wir da: Wolken, die vorbeifliegen, Menschenmassen in der Großstadt, einen erigierten Penis, Insekten, eine orgiastische Party. Magische, kaputte, verzückende Bilder. Die alles bedeuten, die nichts bedeuten. Darüber: Pedros zitternde Stimme, von der er wohl seit Wochen nicht mehr Gebrauch gemacht hat. Er benötigte sie nicht mehr, er wollte die Welt nur noch sehen, und zwar durch die Linse der Kamera. Er spricht von der Sucht nach Bildern und von ihrer Macht. „Haltet inne! Welt, sei still! Halt inne, Welt, ich komme!“ Als ob Godard einen Drogenfilm gemacht hätte.      

                                                                                                                                                    

Zur DVD-Veröffentlichung von Bildstörung:
Arrebato kam nie in die deutschen Kinos und ist wie viele Klassiker des spanischen Films in Deutschland wenig bekannt. Allein aus diesem Grund ist es eine schöne Sache, dass der Film erstmalig auf DVD veröffentlicht wird. Darüber
hinaus lässt sich aber auch nur Gutes sagen: Neben einem 20-seitigen Beiheft mit mehreren aufschlussreichen Essays über den Film und seinen Regisseur gibt es eine Bonus-DVD, die ein Making-of, eine Dokumentation über Iván Zulueta und einen seiner frühen Kurzfilme (Leo es pardo) enthält. Bild und Ton sind einwandfrei. Und die DVD sieht übrigens auch ganz nett aus. Wer also an Weihnachten zu kurz gekommen ist, kann sich hier selbst einen Gefallen tun. Für die DVD (und für den Film ohnehin) gibt’s eine uneingeschränkte Empfehlung.


Arrebato / Rapture
R: Iván Zulueta
D: Eusebio Poncela, Cecilia Roth, Will More
Spanien 1979, 110 Min.
Veröffentlichung: 26.11.2010 (Vertrieb durch Bildstörung)
FSK 16

Audio: Spanisch, Englisch 2.0
Untertitel: Deutsch
Specials: Making-Of, Iván Zulueta-Dokumentation, Kurzfilm, Beiheft