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Bei Centurion herrscht Krieg im Kino. Einmal mehr. Spektakel, Performance, Blut – digitales Blut. Die Frage, die sich bei vielen aktuellen Filmen zu dem Thema stellt, ist selten die nach der Fragwürdigkeit der Glorifizierung von Massenvernichtung, sondern scheinbar bloß noch die nach der Wahl der Waffen und der Ästhetik des Spektakels. Ob sich ein unterhaltungsorientierter Kriegsfilm dabei für Axt oder Atombombe entscheidet, hat dabei jedoch nicht nur Auswirkungen auf die Darstellung von Gewalt.

Vor allem fantasylastige und historische Szenarien dienen durch ihren meist geringen Bezug zu tatsächlichen Horrorszenarien heutiger Konflikte immer wieder als leicht konsumierbarer Kontext. Filme wie Der Herr der Ringe oder 300 demonstrieren wiederholt, dass so selbst ideologisch fragwürdige Stoffe und extreme Gewaltakte vom Publikum akzeptiert und goutiert werden können. Hier sind Helden noch an ihrem Auftreten erkennbar, Ideale und Tugenden bestehen eher in simpler, deutlich schematisierter Form. Werden sie korrumpiert, dann durch ein konkretes, oft absolutes Böses. Politische Wirren sind entsprechend an klaren, übergeordneten Konzepten orientiert, noch nicht – wie im aktuellen Geschehen – global vernetzt und vielschichtig. Somit bleiben Intrigen überschaubar und personengebunden. Im Zentrum steht, entsprechend dieser Simplifizierung, nicht der sinnlose, allumfassende Tod per Knopfdruck, sondern die Auseinandersetzung zwischen Individuen, zwischen konkreten Zielen. Opponenten besitzen ein Gesicht und begegnen sich, selbst in großen Heeren, auf vergleichbar humane Art und Weise. In der Neuzeit besitzt diese Form der Konfrontation kaum noch Relevanz, die Machthaber begleiten ihre Truppen längst nicht mehr in die Schlacht, zeichnen sich in den seltensten Fällen durch ihr kämpferisches Geschick aus.

Fiktionale Kontexte dagegen machen Konflikte greifbar, stilisieren Kampf und Krieg als Kunstform, erlauben gleichermaßen, sich von ihrer Tragik zu distanzieren. Ein bedenkliches Schema im Hinblick auf die reale Verachtungswürdigkeit des Krieges, allerdings ein – formal betrachtet – ehrlicher Ansatz, der der Unterhaltungsorientierung seiner Macher eher gerecht wird, sie weitaus weniger verklärt, als etwa moderner Kriegskitsch wie Pearl Harbor, wo konkrete, fassungslos machende Ereignisse der jüngeren Geschichte respektlos verkürzt und geschmacklos als reines Spektakel verkauft werden.

In Centurion nutzt Neil Marshall (The Descent, Doomsday) das altbewährte Konstrukt des distanzierten Historienszenarios und versucht sich daran, klassische Gut/Böse-Schemata zugunsten einer glaubwurdigen Handlung aufzubrechen. Der Protagonist des Films, Quintus Dias, dient in der römischen Legion, die sich bei der Eroberung nordbritischer Ländereien mit dem Volk der Pikten, einem schier unüberwindbaren Gegner, konfrontiert sieht. Nachdem seine Kompanie und zahlreiche weitere Mitstreiter dahingerafft und er vorübergehend gefangengenommen wurde, beginnt er mit einigen Angehörigen eines weiteren Eroberungstrupps einen Guerillakrieg ums Überleben zu führen und zieht nach einem Angriff auf die Pikten-Siedlung deren unbarmherzige Rache auf sich.

Centurion zeichnet ein sehr ambivalentes Bild eines Stammesvolkes, dessen Ablehnung gegen die römischen Invasoren wohl begründet ist. Gleichermaßen werden die römischen Soldaten als teilweise positive Figuren und teils gewöhnliche Zivilisten ohne böse Absichten dargestellt. Der Verzicht auf eine klare Verteilung der Sympathien ist durchaus ineressant gestaltet, der Film hält an diesem vielversprechenden Konzept jedoch leider nicht fest: Nach der Hälfte seiner Geschichte beginnt er eine Art Überhöhung und Stilisierung der Hauptakteure aufzubauen, die nicht wirklich funktionieren will.

Eine Pikten-Kriegerin verfolgt die überlebenden Soldaten ohne Gnade und wird dabei nach ihrer zunächst gelungenen Etablierung immer wieder aufs Neue als geradezu übermenschlich begabt und völlig unbarmherzig präsentiert. Der etwas konturlose Hauptcharakter, repräsentiert von Michael Fassbender funktioniert als Gegenpol zu dieser Schurkin absolut nicht, auch versagt er als Identifikationspunkt für den Zuschauer. Er wird ohne konkreten persönlichen Hintergrund vorgestellt und definiert sein Handeln fast ausschließlich über die Personen, mit denen er in Kontakt tritt. Die Hauptfigur, die bei der Verteidigung ihres Lebens nur reagiert und kaum wirklich agiert, vermag es – im Kontrast zur überstilisierten Widersacherin – nicht, das Interesse des Zuschauers zu halten und so den Film zu tragen. Das Element der korrupten, machtgierigen Politiker Roms ist einerseits nicht wirklich neuartig, andererseits wird es bloß angedeutet und entfaltet nie wirkliche Relevanz. Zu vorhersehbar und austauschbar sind alle Ereignisse, die mit den entsprechenden Akteuren in Verbindung stehen.

Was bleibt, ist ein Film mit interessanten Ansätzen, der sich leider nie wirklich zwischen Anspruch und Spektakel entscheiden kann, es aber auch nicht schafft, beides zu verbinden und so letztlich beiden Elementen nicht gerecht wird. Dann doch lieber Gladiator.


Centurion
R: Neil Marshall
D: Michael Fassbender, Andreas Wisniewski, Dave Legeno, Axelle Carolyn, Dominic West
UK 2010, 97 Min.

Vertrieb: Constantin Home Entertainment
Veröffentlichungsdatum: 30.09.2010
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1 / DTS 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: Featurette, Outtakes, Deleted Scenes, Interviews, Trailershow, Behind the Scenes, Darstellerinfos