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Wie Thomas Arslans Im Schatten thematisiert auch Der Räuber eine Geschichte um die Oberhand der Natur im Menschen. Doch während Trojan im beträchtlichen Teil von Im Schatten als Projektion der anderen Charaktere des Films entstanden ist, lässt Benjamin Heisenberg Johannes Rettenberger sich selbst beschreiben. Der Räuber wird dadurch schlichter als Im Schatten, gleichzeitig schwieriger umzusetzen und schließlich näher einer sublimen Form des Kinos.

Inspiriert von Pumpgun Ronnie, einem sensationellen österreichischen Bankräuber der Achtziger, schuf Heisenberg einen Bankräuber unserer Zeit. Die Ronald Reagan-Maske wird von Zügen befreit, neutralisiert und somit in den Einklang mit Andreas Lusts Mimik und Interpretation des Charakters gebracht. Es geht ums Rennen, extensiv, um getriebene Bewegung und Raubüberfälle auf österreichische Banken. Eine Geschichte, die sich von Anfang an einem klaren Ende nähert, macht eben deswegen auf den Weg hin zu diesem Schluß aufmerksam. Doch bevor dieser Weg und die Bewegung thematisiert werden, soll ein Blick auf dieses Ziel geworfen werden. Die exzessive Natur, das Verhalten, die Kraft und Kombination von Ruhe und Katharsis in Johannes Rettenbergers Charakter und seine Kompromisslosigkeit alterieren die Frage nach dem Wohin um den Charakter. Es geht nicht darum, wo seine Reise endet, die Immanenz des Todes begleitet ihn über den ganzen Film, es wird vielmehr um die Frage gehen, wohin sich der Charakter bewegen will, umformuliert, um was für ein Ziel es sich handeln kann, das ihn zu einer der resolutesten nicht überzeichneten Figuren der Filmgeschichte macht. Nach und nach schleicht sich die Antwort an den Zuschauer heran, sie wird sogar (als Sicherheitsmaßnahme in einem Film abseits von Dialogen) von seiner Freundin Erika (Franziska Weisz) artikuliert: Es gibt kein Ziel, keine Entscheidung, sondern eine Ursache, einen Motor, eine Verankerung irgendwo im Menschen, ganz nah an seinen Ursprüngen – dies nennt sich Natur. Was dann als Platzhalter für ein Ziel übrig bleibt, ist das Ziel des Films – der schon am Anfang als bevorstehend erkannte Tod. Film, Handlung und Charakter werden sich auf das gleiche Ziel im Tandem hinbewegen, streng miteinander verbunden, und wenn Der Räuber auch als Actionfilm bezeichnet wird, dann soll doch diese durchgehende Harmonie seiner Elemente dafür zeugen, dass Heisenberg in der Kategorie Meisterwerk operiert.

Der Räuber überlässt dem Zuschauer wenige Alternativen. Die größte Schwierigkeit angesichts des Publikums wird für Heisenbergs Film der Weg hin zu diesem sein, was sich leider schon an der Kinoauswertung gezeigt hat und sich abseits von seiner Bedeutung für die Filmgeschichte weiter bewähren wird. Man stelle sich eine Welt vor, und dann die reinigende Dekonstruktion dieser Welt auf ihre elementarsten Elemente. Sprache findet im Film nur wenig Raum, ebenso Nebenfiguren, geschweige denn Humor oder direkte Ortungen des Geschehens oder der Protagonisten. Man könnte sogar behaupten, alles, was mit diesem Hauptcharakter zu tun hat, wird ebenso nicht im Film geduldet, wenn es keine definitorische oder beschreibende Relevanz für die Übermittlung des Seins-Zustands der Figur hat. Als eine martialische Vorgehensweise der Reduktion könnte man dieses Verfahren der Umsetzung einer Idee bezeichnen und dabei feststellen, dass es heutzutage ebendiese ist, die einen Film qualitativ hervorhebt. Und obwohl es nicht um Sensationelles, um Plot-Twists, um das Unerwartete, das sich auf den Puls und Atem des Zuschauers auswirkt, geht, ist eben diese Art von Film die Garantie für beste Unterhaltung. Denn mit der Entledigung vom Unnötigen werden auch die Wahrnehmungsmöglichkeiten beseitigt, es bleibt nur das Pure, der klare rote Faden, der den Zuschauer fesselt und zwingt, sich mit dem Geschehen zu bewegen, mit der Handlung, vor allem aber mit der Hauptfigur eins zu werden, ihre Bewegungen zu antizipieren, emotional zu fordern und auszuleben. Und rückblickend: Gab es je eine notwendigere Sexszene, als der zweite Liebesakt zwischen Johannes und Erika? Gab es je ein notwendigeres Schlupfloch als das neben dem Kreuz auf dem Berg, wo der Tod dem Hauptprotagonisten so nahe stand? Gab es je so viel Freude über das verlängerte Leiden einer Figur, nur weil diese Figur ihrer Natur konform sterben darf? Ist es nicht notwendig, darüber nachzudenken, dass diese Momente durch Szenen eingeleitet wurden, dass ihr Effekt fabriziert wurde?

Der Räuber gehört zu den Filmen, deren Kategorisierung nach Genre-Maßstäben nur ungerecht sein kann. Eben dieser Abschied von dem Großteil einer potenziellen Welt, der dem Film seine Schlichtheit verschafft, verleiht ihm die Eigenschaft, eine Betrachter-Position einzunehmen und die Gesellschaft von einer kritischen Ferne auf ihr Substantielles zu reduzieren. Der Trieb von Johannes Rettenberger und seine Raubüberfälle erzählen zum Beispiel mindestens ebensoviel über die Bankenwelt wie das in Unter dir die Stadt entfaltete Arsenal an Kadrierungen, Spiegelungen, Handlungssträngen und Figuren. Nicht weniger synthetisierend sind die Implikationen dieses Films auf die Exotik der Körperkultur heutzutage, auf ihren Ausschluss durch zunehmende Virtualisierung, alles ausgehend von dem Konzept, Johannes Rettenberger als Medium zwischen Urinstinkt und dem Geist der heutigen Zeit darzustellen.

Als Special Edition veröffentlichte Zorro den Film auf DVD, begleitet von einer Serie von Interviews mit dem Regisseur, den zwei Hauptdarstellern, aber auch des Produzenten und Drehbuchautors, vom Making of und dem kuriosen Filmklappe-Film. Die effektvolle Musik steht ebenso als MP3 auf der DVD zusammen mit Filmstills zur Verfügung.


Der Räuber
R: Benjamin Heisenberg
D: Andreas Lust, Franziska Weisz
Österreich, Deutschland, 2009, 98 Min.
Zorro Film

Veröffentlichung: 12.11.2010
Bildformat: 1.78:1 (Anamorph)
Sprache: DD 5.1 – Deutsch, DD 2.0 Stereo – Deutsch
Untertitel: Englisch
FSK: 12

Extras:
* Making of
* Interviews mit den D
arstellern und Regisseur