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Die Verwendung von Film zum Ausüben von Gesellschaftskritik ist in der Filmgeschichte nie außergewöhnlich gewesen. Gar entwickelt sich ein Trend, dass Gesellschaftskritik oder politische Aktualität Film als Kunst in den Schatten stellt, wie unzählige Festivalbewertungen leider immer mehr beispielhaft bezeugen. Der Anspruch, diese Kritik in filmischer Poesie zu verkleiden, wurde zu einer vergessenen Tugend, der nur die wenigsten Filmemacher nachgehen. Unglücklicherweise hat sich aber auch der Geschmack des Publikums und der Filmkritiker entsprechend erziehen lassen, so dass die wenigsten noch bereit sind, sich auf diese erwähnte Poesie einzulassen, geschweige denn sie zu verstehen. Kim Ki-duk ist einer der Filmemacher, die es vermögen, den Raum zwischen dem beobachtenden Auge der Kamera und dem Geschehen wirken zu lassen, die eine ganze filmische Welt innerhalb dieses Raums erzeugen können. Eine Welt, die nicht vom Inhalt ablenkt, sondern eine, die die Perspektive des schöpfenden Regisseurs, vermittelt durch das Kameraauge, auf die Wirklichkeit erlaubt, und dadurch diesen als Künstler in Bezug auf das Gefilmte nochmal betont.

Hwal ist ein politischer Film, einer, der sich aktuellen Problemen vieler asiatischer Länder widmet. Er thematisiert nicht nur die Kollision zwischen Tradition und die sich vergleichsweise ruckartig entwickelnde moderne Gesellschaft, sondern geht sogar auf Tabuthemen ein, wie Kindesentführung und Pädophilie. Doch der Raum zwischen diesen Themen und was der Film als Fertigprodukt dem Zuschauer zeigt, ist das, was ihn als Kunst ausmacht. Und genau die Verweigerung, diesen Raum zu sehen, sorgte für eine gespaltene Rezeption des Films.

Ein Bogen in Nahaufnahme wird am Anfang des Films von einem alten Mann (Jeon Seon-hwang) gespannt, eine Waffe, die gleich in der nächsten Einstellung zum Musikinstrument wird, und somit zum Kommunikationsmittel. Ein Mädchen (Han Yeo-reum, die schon mit Kim Ki-duk in Samaria zusammengearbeitet hat) schminkt sich, ebenfalls in Nahaufnahme. Konventionell daraufhin folgt ein Establishing-Shot: ein Gleiten über Wasser kommt auf dem Bild eines Boots zum Stehen. Das Boot, mitten im Meer, ist die Welt des Films. Abgetrennt von der Gesellschaft, in einer eigenen Dimension existierend. Die einzige Verbindung zur Außenwelt sind die gelegentlichen Fischer, die das Boot als Angelort mieten, und die Welt der zwei Protagonisten jedesmal aufwühlen.

In dieser Welt, erschaffen allein durch die gemeinsame Existenz der Protagonisten, wird alles neudefiniert. Kommunikation durch Worte gibt es nur im sakralen Zusammenhang der Prophezeiung der Zukunft, Ritual im Rahmen dessen jedesmal, konventionell betrachtet, ihr Leben dem imminenten Tod ausgesetzt wird. Der Weg von Realität zur Metapher wird vom Regisseur dabei ikonoklastisch invertiert, die Worte werden durch Gegenstände und Rituale zur Poesie materialisiert. Der Bogen wird zur Kommunikationsmethode untereinander und mit der Außenwelt, mal als Waffe, als Musikinstrument, oder als Bestandteil eines Orakels. Das gegenseitige Waschen, das Schlafen Hand in Hand, oder die Übergabe der Einkäufe werden zu praktisch unnötigen, aber spirituell existentiellen Ritualen im Umgang der zwei Charaktere miteinander.

Ein Rhythmus des Zusammenlebens ergibt sich eben aus diesen Ritualen, sanft begleitet von den leisen Wellen des Meeres. Zeit im klassischen Sinne wird nur davon abhängig gemacht. Manifest werden in dieser Hinsicht vom alten Mann nicht nur die Eindringlinge aus der Außenwelt zurückgewiesen, sondern auch „ihr“ Zeitverständnis: der im Kalender vorgeschriebene Rhythmus wird nach und nach verformt, manipuliert, um schließlich außer Kraft gesetzt zu werden.

Doch die Welt außerhalb des Kosmos der zwei Charaktere dringt in diese Harmonie ein, und zerstört sie nach und nach. Aus einem gemeinsamen Lebensstrang entwickeln sich zwei unterschiedliche. Einerseits das traditionelle, verkörpert durch den alten Mann, der in seiner Weltvorstellung haftet. Das Mädchen ist für ihn die halbe Welt geworden, so kann er keinen anderen Weg zurück in die Natur gehen, als durch die zeremonielle Heirat. Eher will er sich durch ihr nicht darauf rücksichtnehmendes Weggehen das Leben nehmen, als ohne die Erfüllung dieses letzten Rituals weiterzuleben.

Sie hingegen lernt gerade durch die Besucher die Welt da draußen kennen und verkörpert so den Versuch, aus der mythisch-traditionellen Welt, in der sie mit dem alten Mann lebt, in die moderne Gesellschaft hinüber zu laufen. So steht sie zwischen zwei Welten, jede davon durch eigene Kommunikationswege definiert, und versucht diese zu verbinden. Sie lässt den jungen Mann, in den sie sich verliebt, an der Intimität ihrer alltäglichen Rituale teilnehmen, um ihre Empathie zu zeigen. Das Zuschauen beim Waschen, eine Handberührung, oder das Zusehen beim Urinieren werden somit zu ihren Kommunikationsmitteln, zum Beweis ihrer Hingabe.

Je mehr sie sich von dem alten Mann distanziert und sich dem Jungen annähert, desto konventioneller wird die Dramaturgie des Films, die dadurch in einem selbstreflexiven Statement zu Kim Ki-duks Autorschaft miteinbezogen wird, denn diese konventionelle Dramaturgie wirkt sich auf die Stimmung des Films auf dieselbe Art aus, wie die moderne Welt auf die mythische Welt der Protagonisten. Die Wiederherstellung der beiden erfolgt nur durch das Vollziehen des letzten Rituals am Ende. Das Heiraten wird zum Akt der Transzendenz, der alte Mann und seine Welt verschwinden in der Tiefe des Meeres, das Mädchen wird eine junge Frau und geht in die moderne Welt hinein. Der Bogen erfüllt das letzte Mal seine Rolle als Medium zwischen den beiden.

Die DVD gewährt neben dem Film einen hautnahen und detaillierten Einblick in die Arbeitsweise von Kim Ki-duk, und betont genau dadurch den Unterschied zwischen der abgefilmten Wirklichkeit und dem fertigen Film als Kunstform.

Weitere Titel aus der Edition Asien:
Izo – The World Can Never be Changed
Vital
Exte – Hair Extensions
Aragami – Hyper Samurai Sword Action
Blessing Bell
Cyborg She

Hwal – Der Bogen / Hwal
R: Kim Ki-duk
D: Jeon Seon-hwang, Han Yeo-reum
Japan / Südkorea, 2005(2010), 85 Min.
Rapid Eye Movies

Veröffentlichung: 21.05.2010
Bildformat: Widescreen (1.85:1 – anamorph)
Sprachen: Dolby Digital 2.0 (Stereo) in Deutsch, Dolby Digital 5.1 in Koreanisch
Untertitel: Deutsch
FSK:12
Extras: Making-of, Kinotrailer