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Gutes Fernsehen wird vom breiten deutschen Fernsehpublikum konsequent vermieden. Solange dieses Gesetz gilt, sollten Kritiker nicht müde werden, weiter ein Paralleluniversum herbeizuschreiben, in dem Qualität, Innovation, Mut und Aktualität belohnt werden. Ganz besonders dann, wenn es sich um einheimische Serien handelt, da diese von der internationalen Szene in der Regel sowieso nicht wahrgenommen werden. Für amerikanische Serien sind die Einschaltquoten, seitdem sie sich oft über die DVD-Verkäufe rentieren, nicht mehr unbedingt ausschlaggebend. Deutsche Serien hingegen werden auch am Verkaufstisch gemieden, was bei den meisten verständlich ist, für die vielfach ausgezeichnete Krimiserie KDD- Kriminaldauerdienst hingegen ist es schlichtweg unbegreiflich.
Im Sommer erschien die dritte und letzte Staffel auf DVD, seit der letzten ausgestrahlten Folge geht bei neuen Konzepten im ZDF angeblich die Devise um: „Aber nicht so was wie KDD.“ Im Paralleluniversum, das weiterhin herbeigeschrieben werden sollte, zählen keine Einschaltquoten, sondern zum Glück die Sache selbst. So ist, seit Dominik Grafs Im Angesicht des Verbrechens für Begeisterung (aber natürlich auch nicht für gute Einschaltquoten) sorgte, die deutsche Krimiserie wieder etwas in den Fokus gerückt und Krimifans stellen fest, dass doch schon hin und wieder qualitativ anspruchsvollere Sendungen über die Mattscheibe flimmerten. Da man sich an das schlechte Programm gewöhnt hat, haben sich die meisten Kinofans das Fernsehgucken wohl ganz einfach abgewöhnt. Wozu auch, wenn man die besten TV-Erlebnisse ohne Werbung zu beliebiger Zeit haben kann.
Hier soll die Serie KDD nach Staffeln geordnet analysiert werden, anhand einer repräsentativen Folge pro Staffel. Den Anfang macht der Anfang – der Pilotfilm Auf schmalem Grat.
Eine Detailaufnahme eines Auges. Damit beginnt die Krimiserie KDD und ihre Titelsequenz. Doch während sich das berühmte Auge mit dem Fadenkreuz aus dem Tatort Zeit lässt, sieht man dieses hier noch nicht einmal eine Sekunde lang, dann kommen schon die Darstellernamen mit jeweils drei Bildern. Dazu beunruhigende, anonyme Stadt- und Krimibilder, sich schnell überlagernd. Der Score, der die Serie von Anfang bis Ende zu sezieren scheint, ist dramatisch-melancholisch, elektronische Klänge unterstreichen die Kälte, die das Grün-Motiv ausstrahlt. Sonst steht Grün für die Hoffnung, man kann sie auch mit den Farben der Polizei in Verbindung bringen, doch der Score zwischen den Notwist-Arbeiten für Hans-Christian Schmid und Babel macht sofort unanzweifelbar, dass alle Hoffnung Heuchlerei sein wird.
Das Auge taucht wieder auf, wir sehen den Titel und dann, nun im Zentrum des näherkommenden Auges: Eine Serie von Kathrin Breininger & Orkun Ertener. Dass dies zu sehen ist, zeigt die Orientierung an den amerikanischen Serien mit ihrem Posten des Creators. Dieser ist dort nicht nur die einflussreichste Position, sondern inzwischen auch die prestigereichste, mit der man neue Serien bewirbt. Die deutsche Fernsehlandschaft scheint sich durch eine derartige Autorenhandschrift nur bereichern zu lassen, wenn sich Autor und Produzent wie in diesem Fall zusammentun und zusammen ausdauernd für die gleiche Sache kämpfen. Während die erste Polizistin dem ersten Verdächtigem fluchend hinterher rennt, setzt der Score dezent ein: Das Spiel beginnt, genüsslich darf von nun an dabei zugesehen werden, wie Krimi-, Familien- und Seriendrama –Elemente vermischt und variiert werden.
Die erste Polizistin auf der Wache – der Kriminaldauerdienst ist dafür zuständig, kontinuierliche Polizeibereitschaft zu jeder Zeit zu gewährleisten – ist Kristin Bender (Saskia Vester). Symptomatisch für die Serie, führt sie gerade ein Privatgespräch, in dem sie versucht dem Partner klar zu machen, dass sie am Abend keine Zeit hat. Noch in der Pilotfolge taucht der Zuschauer tiefer in die privaten Probleme Kristins ein: Ihr Lebenspartner ist eine Frau, doch ihre Kollegen sollen nichts davon wissen, was die Beziehung zunehmend gefährdet. Während in The Wire die Beziehung der lesbischen Polizistin nur angerissen wird, entwickelt sie sich bei Kristin schnell zum zentralen Thema, um das ihr Charakter ringt und das ihre Konzentration im Beruf stark beeinflusst. Wie bei allen Figuren verdeutlicht das Drehbuch immer wieder, dass die Menschen ihre Geschichten und Persönlichkeiten nicht ablegen können und sie überall mitnehmen, ganz egal ob in der Polizeiarbeit oder im Verbrechen.
Das erste kurze Gespräch an der Wache offenbart gleich mehrere potentielle Kampfzonen der Polizisten: Die neue Verstärkung Sylvia (Melika Foroutan) und Kristin sind sich auf Anhieb unsympathisch, Jan (Manfred Zapatka) und Leo (Barnaby Metschurat) sind noch auf einer Beerdigung, Mehmet (Billey Demirtas) muss seine Braut vom Flughafen abholen und Dienstgruppenleiter Helmut Enders (Götz Schubert) hört sich die Abwesenheitsliste seines Teams mit einem abgelenktem Lächeln an, er scheint mit den Gedanken schon abwesend zu sein. Viele Probleme für eine kurze
Zeit, alle werden vertieft werden und noch zahllose Probleme werden hinzu kommen. Wer nicht gut aufpasst, Schwierigkeiten mit vielen Handlungssträngen hat, oder gar umschaltet oder zwischendurch auf Toilette geht, wird hier nicht lange dabeibleiben. Ganz zu schweigen davon, dass hier nicht einfach nur ein bis zwei Fälle pro Folge geklärt werden und in der nächsten Woche neue Fälle serviert werden. In der Regel gibt es mehrere Fälle pro Folge und die sieben (!) Haupthandlungslinien der Polizisten auf der horizontalen Erzählebene vom Anfang bis zum Ende, die sich selbstredend bald kaum noch von den Kriminalfällen auseinanderhalten lassen. Die Polizisten verstricken sich in Lügen und Verbrechen, wissen selbst nicht mehr wann sie auf der Arbeit und wann sie im Privatleben sind.
Serienvorbilder wie The Shield sind bei KDD unverkennbar. Ein rauer Ton, schnelle Schnitte, eine klare Verortung mit gesellschaftlichen Problemen und Menschen statt Polizisten, immer auf die Lösung ihrer persönlichen Krisen bedacht, auf einem schmalen Grad zum Verbrecher wandelnd. Allen voran Jan Haruska, der im Piloten Geld mitgehen lässt, um es seinem Enkel – nun ein Halbwaise, daher auch die Beerdigung – geben zu können und die Schuld seiner bisherigen Abwesenheit auszubügeln. Jans Alkoholismus kommt erschwerend hinzu. Ähnlich wie der Polizistenmord in der ersten The Shield–Folge, lösen sich Plots nicht schnell und einfach auf, sondern bleiben an den Figuren teilweise bis zum Ende haften. KDD legt den Fokus dabei zunehmend auf das vermeintlich Private, die Fälle geraten immer mehr in den Hintergrund. Damit weicht die Serie von The Shield ab, die vom Teamcharakter der Sondereinheit lebte und konzentriert sich stärker auf Einzelschicksale und einzelnen Charaktere, die den Kern bilden. Autor Orkun Ertener orientiert damit an seiner „All-Time-Favourite“–Serie Six Feet Under, bei der die kuriosen Sterbefälle immer mehr in den Hintergrund geraten und die Darstellung des Personendramas zur eindeutigen Priorität wird. Aber von einem zentralen Thema ausgehen, wie vom Böser–Cop–Szenario in The Shield, vom Thema Tod in Six Feet Under oder vom russischen Mafiamilieu in Im Angesicht des Verbrechens, von dem man baumartig zu anderen Themen abzweigen kann? In KDD ist das Fehlanzeige. Allein im Piloten werden unter anderem Vergewaltigung, Religionskonflikte, Emanzipation, Korruption, arrangierte Hochzeiten, Pluralisierung, Polizeiarbeit, moralische Zwickmühlen, Kinderbetreuung thematisiert. Die Vielfalt wird Fluch und Segen zugleich.    
Jeder Charakter für sich genommen ist reizvoll, engagiert gespielt und in der deutschen, aktuellen (Medien-)Wirklichkeit verwurzelt. Zusätzlich zu den schon angerissenen, Kristin und Jan, sind dies die folgenden Charaktere:
Helmut Enders, dessen zerrüttete Ehe am Tod einer seiner beiden Töchter endgültig in die Brüche geht und der durch Schuld- und Trauergefühle (die Tochter verunglückt bei Drogeneinfluss tödlich am Ende des Piloten) sich kaum noch um sein Team kümmern kann.
Sylvia Henke, alleinerziehende Mutter, die verführt und streitet, um zu sehen, mit wem sie es zu tun hat, immer getrieben vom Wunsch nach Anerkennung und Liebe.
Leo Falckenstein, Sohn eines reichen Verlegers, der gutes Bewirken will und bei dem es fraglich scheint, ob und wann er aussteigt um seinem Vater zu helfen.
Maria Hernandez (Jördis Triebel), die einzige Streifenpolizistin der Hauptcharaktere, die sich mit Jan einlässt und sich immer wieder gegenüber ihren männlichen Kollegen beweisen muss. 
Und schließlich Mehmet Kilic, ein Grenzgänger, der zu Beginn vor allem mit seiner kulturellen Identität hadert und erst noch herausfinden muss, ob die im Piloten geschlossene, von den Eltern arrangierte, Ehe mit einer Türkin das Richtige für ihn ist.
KDD lässt jeder dieser Figuren Raum, viel von sich preiszugeben und sieht für alle über die komplette Dauer große Entwicklungen vor, die in jeder Folge weiter getrieben werden. Dabei wird klar, dass der omnipräsente Druck keine Alternative zu moralischer Ambivalenz zulässt. Dies wiederum bedeutet, dass dem Zuschauer kaum Identifikationsmöglichkeiten an die Hand gegeben werden, aber gleichzeitig Verständnis eingefordert wird. Zwischen gut und böse wird bald nicht mehr unterschieden. Vor allem in der ersten Staffel, das macht der Pilot unmissverständlich klar, verschwimmen die Grenzen: Jan steckt Geld ein, das ihm nicht gehört und der Verbrecher Han (Jürgen Vogel) handelt eigentlich nur für seinen Lebenspartner. Das Konzept, Publikumsliebling Jürgen Vogel dabei über mehr als nur eine Folge mit an Bord zu behalten, brachte dabei vermarktungstechnisch leider nicht den gewünschten Erfolg, inhaltlich geht es auf: Die Sympathien des Zuschauers werden auf beide Seiten des Gesetzes verteilt, eine intensivere Auseinandersetzung mit den Figuren wird erforderlich.
Insgesamt gesehen hat mit KDD eine moderne Form des Erzählens Einzug ins deutsche Fernsehen gehalten. Wenn Mehmet und Sylvia menschliche Knochen in Plastiktüten verpacken, unterhalten sie sich dabei über die anstehende Hochzeit. Das alltägliche Grauen gerät zur Beiläufigkeit und wird damit auch Teil der Persönlichkeiten. Qualitiy TV nach amerikanischem Vorbild, vielschichtig und temporeich ist die Folge, immer darauf bedacht aktuelle Themen einfließen zu lassen. Wie das Jonglieren mit den vielen Biografien in Staffel Zwei gelingt und ob es weiterhin derart fordernd für den Zuschauer ist, erfahren Sie im nächsten Artikel anhand Folge 19 – Scham.    

>KDD – Kriminaldauerdienst Staffel 1
Schöpfer: Kathrin Breininger und Orkun Ertener
R.: Matthias Glasner, Lars Kraume, Filippos Tsitos
D.: Götz Schubert, Manfred Zapatka, Saskia Vester, Barnaby Metschurat, Melika Foroutan, Billey Demirtas, Jördis Triebel, Jürgen Vogel, Johanna Gastdorf, André Hennicke, Tom Schilling
Deutschland 2007, 525 Minuten
Universum Film GmbH
Erscheinungstermin: 26. November 2007
FSK 16
Bildformat: 16:9
Ton: Deutsch Dolby Digital 2.0