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Libido Mania ist ein verwerflicher Film. Unter dem Deckmantel der Aufklärung zeigt er „sexuelle Verirrungen“, gibt vor, diese heilen zu wollen. Ein sogenannter Experte erläutert die pseudo-dokumentarisch gezeigten Perversionen, beruft sich auf zweifelhafte Quellen und diskriminiert die „Patienten“. Naturvölker werden als Barbaren dargestellt, alleine mit brutalen Ritualen in Verbindung gebracht. Dem Regisseur Bruno Mattei ging es nur um das Erzeugen von Schockmomenten. Zudem hat er einzelne Szenen ohne Skrupel aus bereits vorhandenen Filmmaterial geklaut.

Nun hat das Label Camera Obscura, das sich glücklicherweise einen Dreck um den „Guten Geschmack“ schert, den Film in einer gelungenen DVD-Edition herausgegeben. Sie enthält einen unterhaltsamen (auf Neuguinea aufgenommenen) Audiokommentar der „Filmgelehrten“ Christian Keßler und Ingo Strecker, sowie eine filmhistorische Einordnung von Dr. Marcus Stiglegger im Booklet, die auch zwingend notwendig ist, wenn der Film angemessen rezipiert werden soll. Libido Mania ist demnach ein exemplarisches Beispiel für die „tabulosen 70er Jahre mit ihrem rückhaltlosen Willen zur Grenzüberschreitung“. In Italien blühte das Genre der Exploitation. Mattei war einer der skrupellosesten Vertreter, er nutzte jede Gelegenheit um Geld zu verdienen. Dabei bediente er sich der Lust des Kinogängers am Schockierenden, die, wie Stiglegger anführt, bereits der frühe Filmtheoretiker Béla Balázs erkannt hat. Jedes Thema mit Potenzial für Schockmomente wurde ausgebeutet: Nazis, Zombies, Nonnen, Kannibalen. Und um den Schauwert noch zu erhöhen, stets mit Sex gemischt.

Libido Mania gehört dem Genre des Mondo an. Darunter sind Pseudo-Dokumentationen zu verstehen, die sich auf das Darstellen des Schockierenden und Skandalösen konzentrieren. Der Name ist auf  Mondo Cane (deutsch: Hundewelt) zurückzuführen, der 1962 am Wettbewerb um die Goldene Palme in Cannes teilnahm. Der Film stellt schockierende Rituale der Naturvölker vor, setzt sie aber stets in Verbindung mit Ritualen in der zivilisierten Welt. Um eine Kritik ist der, das Gezeigte begleitende, Off-Kommentar nicht bemüht, vielmehr versucht er mit seinem Zynismus die Schockmomente noch zu verstärken.

Auf den Erfolg von Mondo Cane wurde reagiert. Während der Namensgeber des Genres durchaus den Anforderungen einer Dokumentation gerecht wird, konzentrieren sich die Nachahmer auf das Aneinanderreihen immer heftiger Schockmomente. Das Dokumentarische ist nur noch Fake. Da sie billig produziert wurden, haben sie sie eine sehr niedrige Qualität.

Sicherlich können die Filme dieses Genres durchaus sehr unterhaltsam sein. Mit einer Moral an sie heranzugehen ist unsinnig, ebenso wenig wie eine Zensur (die ja in Deutschland auch nicht stattfindet). Einzige notwendige Forderung an den Betrachter ist, dass er sich bewusst ist, für seine Schaulust gnadenlos ausgebeutet zu werden.

Daher begrüße ich die Veröffentlichung, da sie zu einer reflektierten Betrachtung des Films einlädt. Zugleich bewahrt sie humorvoll den Charakter des Trashigen und richtet so die Aufmerksamkeit eines Underground-Publikum auf das kleine, aber sehr gute Arbeit leistende Label und ergänzt sich mit den dort bereits erschienenen Filmen. Camera Obscura wird beispielsweise bald Inferno des Altmeisters Dario Argento neu herausbringen. Größtes Lob verdient es für das Vorhaben, Alain Robbe-Grillets Eden et après ins Programm aufzunehmen.

Libido Mania – Alle Abarten dieser Welt / Sexual aberration – sesso perverso
R/B: Bruno Mattei
Italien, Panama 1979; 79 Min.
Verleih: Camera Obscura
FSK: ungeprüft
Format: 1.85:1, 16:9
Ton: Deutsch, Italienisch Dolby Digital 2.0 Mono
Untertitel: Englisch
Bonusmaterial: Audiokommentar der Filmgelehrten Christian Keßler und Ingo Strecker; Featurette „Mondo Fragasso“ mit Mattei-Mittstreiter Claudio Fragasso; Zusätzliche Szenen aus der zensierten italienischen Fassung; Fotogalerie; Booklet von Dr. Marcus Stiglegger

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