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Kindliche Unschuld zwischen Religion, sexueller Obsession, aufkeimender Liebe und einer übernatürlichen, diabolischen Bedrohung durch Vampire: Vítězlav Nezval erzählte 1935 die Geschichte von Valerie, einem Mädchen, das zur Frau wird, als durchweg außergewöhnliche Kombination aus Elementen der Pulp-Literatur und der Poetik. Nezval hat eine lange Geschichte in der tschechischen Avantgardebewegung und war dort einer der wegbereitenden Anhänger des Surrealismus, der auf seine Romane und Gedichte einen sehr großen Einfluss ausübte. 1959 verstarb er und hinterließ ein teils kommunistisch beeinflusstes, aber dennoch weitreichend geschätztes Werk. Valerie – Eine Woche voller Wunder (Valérie a týden divů), eine seiner populärsten Arbeiten, genießt in seiner Heimat bis heute hohes Ansehen.

Rund 10 Jahre nach seinem Tod begann im Zuge der New Wave-Bewegung des tschechischen Kinos die filmische Adaption des Stoffs. Wie der Autor der Vorlage hatte auch Regisseur Jaromil Jireš eine wegbereitende Funktion für die ästhetische Entwicklung der Künstler des Landes. Parallel zu Miloš Formans (Einer flog übers Kuckucksnest) und Vera Cyntilovás Einstieg ins Filmhandwerk drehte er 1963 seinen subversiven Erstlingsfilm Der Schrei (Křik) und zählte damit zu einer visionären Generation von Filmemachern mit großen Ambitionen. Valerie – Eine Woche voller Wunder entstand zwischen 1969 und 1970, als die New Wave in Filmen wie Märtyrer der Liebe, Tausendschönchen oder Marketa Lazarová bereits zahlreiche Einflüsse der frühen Avantgarde und des Surrealismus umgesetzt hatte. Der Film unterschiedet sich entsprechend deutlich vom sozialrealistischen Ansatz, den Jireš in früheren Filmen wählte. Er hielt sich hier eng an die traumartig strukturierte, symbolbeladene Vorlage, die mit ihrem umfassenden sexuellen Subtext deutlich an Märchenstoffe erinnert. Dennoch ist der Film keineswegs ohne Realitätsbezug. Insbesondere kirchliche Machtstrukturen und Praktiken werden hier als zynisches Zerrbild aufs schärfste kritisiert.

Valerie (entwaffnend: Jaroslava Schallerová) lebt nach dem Verlust der Mutter mit ihrer streng gläubigen, herrischen Tante zusammen und befolgt fügsam die asketischen Lebensprinzipien, die ihr aufgezwungen werden. Als sie sich mit ihrer ersten Blutung konfrontiert sieht, beginnen die Verlockungen der Umwelt sie allerdings immer stärker anzulocken. Eine Gruppe von Schauspielern reist im Dorf an und schnell sieht sie sich nicht nur mit dem einfühlsamen Orlík konfrontiert, sondern auch mit einer dunklen Gestalt, die ihrer Tante seltsam bekannt ist und später nur als Iltis bezeichnet wird. Zunächst blickt er – oder es – unauffällig in der Menge hinter einer Maske hervor, scheint jedoch schon bald überall präsent zu sein. Valeries Tante wird kurz nach dem Eintreffen der Gruppe immer merkwürdiger und ist bald verschwunden. Im Keller des Hauses tut sich eine Krypta auf, Orlík scheint dem mysteriösen Fremden verpflichtet zu sein und erwacht immer wieder aufs Neue gefesselt und gequält. Valerie findet sich wiederholt in bedrohlichen Lagen, beobachtet mehrfach Sonderbares, doch durch ihre magischen Ohrringe sowie die Hilfe von Orlík überwindet sie Verwirrung, Gefahr und sogar Tod. Die Geschichte, oder besser die episodischen Ereignisse um Valerie sind zwischen einem kleinen Dorf und der umliegenden Naturidylle, auf Dachböden sowie in finsteren Gothic-Katakomben situiert, entfalten sich im Sinne der Vorlage durch verschachtelte, assoziativ verbundene Sequenzen, die die Realität und die Fantasie des Mädchens immer enger miteinander verschränken.

Was sich hier abspielt erinnert zum Teil an Alice im Wunderland, der Iltis ist hingegen ein deutlicher Verweis auf Murnaus Nosferatu, den bereits Vitezlav Nezval als Inspiration nannte. Weiterhin nimmt der Autor explizit Bezug auf den Roman Der Mönch von Matthew Lewis sowie die Fantomas-Reihe und spricht in einem Vorwort des Buches von der Faszination, die derartige Geschichten mit ihren undurchsichtigen Blicken auf die Welt, ihrer Faszination für das Unheimliche und Übernatürliche, aber auch für gefühlsschwangere Romantik auf ihn ausübten. Entsprechend sind die teils etwas überbordenden Dialoge der Geschichte, ebenso wie seine teils klischeebeladenen Figuren als bewusster Verweis und ironische Anspielung auf die eingangs erwähnte Pulp-Literatur zu sehen. Das Grundgerüst des Films, welches sich aus derartigen Bezugsquellen nährt, wird ergänzt durch zahlreiche surrealistische Elemente, die hin und wieder verstörende Züge annehmen, jedoch nie die Überhand gewinnen (wie es dann etwa bei der späteren Alice-Adaption von Jan Svankmajer der Fall war). Denn verspielte, optimistische Verweise auf das Lebensgefühl der Counter Culture, welche für den tschechischen New Wave-Zeitgeist prägend war, erfüllen den Zuschauer regelmäßig und gerade zum Ende des Films hin mit einem verspielten Optimismus. Ein Optimismus, der alle düsteren Widrigkeiten von Valeries Vorstellungswelt letztlich zu einem versöhnlichen, harmonischen Gesamttableau zusamenfügt.

Für die Umsetzung des Films arbeitete Regisseur Jaromil Jireš mit einigen der bedeutendsten tschechischen Filmschaffenden seiner Zeit zusammen und hat so einen durch und durch einzigartigen Film geschaffen. Kameramann Jan Curík war wie Jireš eine Schlüsselfigur der New Wave-Bewegung und verlieh dem Film sehr reichhaltige, vieldeutige Bilder, welche das visuelle Gedächtnis des konventionellen Kinogängers durch ihre Ausdrucksstärke immer wieder irritieren und dabei selbst Freunde des Kunstkinos noch angenehm überraschen können. Die Sprache der Romanvorlage wird in zahlreichen ruhigen Einstellungen mit wunderschönen bis verstörenden, rohen Bildern in eine atemberaubende, visuelle Poesie übersetzt, welche zahlreiche Filmkenner zu euphorischen Fans des Films machte. Ebenfalls Erwähnung verdient Ester Krumbachová, die sich für das eindrucksvolle Production Design verantwortlich zeichnet, am Drehbuch beteiligt war und nach aussagen von Mitwirkenden die gesamte New Wave Bewegung durch ihre kreativen Einflüsse prägte.

Dass Valerie – Eine Woche voller Wunder vor einigen Jahren eine Wiederentdeckung erfuhr und nun in einer komplett neu abgetasteten Fassung vorliegt, ist zu einem nicht unerheblichen Teil der Verdienst des herausragenden Scores von Luboš Fišer, einem der bekanntesten Komponisten Tschechiens. Sein Soundtrack zum Film betont die traumartig verspielte Note der Geschichte nachhaltig, lässt die Bilder teils fließend, teils unvermittelt und irritierend ineinander übergehen und macht ihn als Gesamtkunstwerk zu einem absolut einzigartigen Erlebnis. Selbst Musiker wurden somit durch den Film inspiriert. So adaptierte die britische Elektroband Broadcast ein Stück des Soundtracks für einen Folksong. Im Zuge der Neuaufführung von Valerie – Eine Woche voller Wunder in diversen Kinos gründete sich 2006 ein eigenes Musikprojekt, um dem Film eine musikalische Hommage zu spendieren. Live zum Screening spielten die Beteiligten unter dem Namen The Valerie Project mit einer umfangreichen Instrumentierung live zum Film einen sphärischen und atmosphärisch ebenfalls überwältigenden Sound ein, der beim Publikum so euphorisch aufgenommen wurde, dass die Gruppe beschloss, ein Album aufzunehmen und mit dem Film auf Tour zu gehen.

Erneut beweist das Team des deutschen Labels Bildstörung den richtigen Riecher, indem es einen Film mit so großem Potenzial sowie einer derartig faszinierenden Vergangenheit wie Valerie – Eine Woche voller Wunder zu schätzen weiß und mit schier fanatischem Aufwand neu aufbereitet. Anders ist die vorliegende Veröffentlichung nicht zu erklären. Obwohl eine neue Abtastung in bestechender Bildqualität bereits durch die Arbeit des englischen Labels Second Run vorlag und Extras der entsprechenden DVD übernommen werden konnten, reichte dies Bildstörung noch immer nicht aus. Und so präsentiert sich das erste deutsche Release des Films in einem Paket, das Filmsammlern die Tränen in die Augen treibt. Neben dem Film und einer 20 minütigen Einführung mit dem Titel „Waking Valerie“ liegt zunächst eine Sountrack-CD bei. Die beiden Booklet-Texte der Second Run DVD wurden um weitere vier(!) Texte ergänzt, so dass nun ein 64-seitiges Booklet mit Artikeln von Giuseppe Dierna, Andy Votel, Peter Hames, Joseph A. Gervasi, Tanya Krzywinska und Daniel Bird eine beachtliche Informationsbreite abdeckt. Neben der Originaltonspur bietet ein Audiokommentar mit Peter Hames und Daniel Bird umfassende Hintergrundinfos zum politischen und künstlerischen Kontext, zu inhaltlichen Motiven, den Mitwirkenden, zu Einflüssen, Inspirationen und zu vielem vielem mehr. Als weitere Tonspur liegt die Soundinterpretation der zuvor angesprochenen Musikformation The Valerie Project vor, die erstmals im Rahmen einer Veröffentlichung mit dem Film synchronisiert wurde. Zudem findet sich der Videoclip „Valerie“ von Broadcast. Das kurze Feauture „Valerieholics“ konzentriet sich entsprechend auf die akustischen und designtechnischen Elemente des Films und lässt unter anderem besagte Musiker zu Wort kommen.

Valerie – Eine Woche voller Wunder ist ein Film, der bereits als schwer erhältlicher Geheimtipp zahlreiche Fans fand und weltweit Menschen inspirierte – etwa die Autorin Angela Carter, die die Romanvorlage zu Neil Jordans Zeit der Wölfe verfasste.

Diese DVD ist seine Heiligsprechung.


Valerie – Eine Woche voller Wunder (Bildstörung: Drop Out 008)
R: Jaromil Jireš
D: Jaroslava Schallerová, Helena Anýzová, Petr Kopriva, Jirí Prýmek, Jan Klusák
K: Jan Curík  
M: Luboš Fišer
CZ 1970, 77 Min.

Vertrieb: Alive
Veröffentlichungsdatum: 13.08.2010
Sprache: Tschechisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Separate Soundtrack-CD mit der Filmmusik von Luboš Fišer, Zusätzliche optionale Audiospur mit der Filmmusik von The Valerie Project, Audio-Kommentar vom Peter Hames & Daniel Bird, ”Waking Valerie” – Dokumentation über die Entstehung des Films (ca. 20 Min.), ”Valerieholics” – Andy Votel, Trish Keenan, Gregory Week & Joseph A. Gervasi im Interview (ca. 12 Min.), Musikclip zum Track “Valerie” von Broadcast, 64-seitiges Booklet mit Texten von Giuseppe Dierna, Andy Votel, Peter Hames, Joseph A. Gervasi, Tanya Krzywinska und Daniel Bird