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Birdman

Apokalypse Showgeschäft: Alejandro Gonzalez Innaritus furioser Mostra-Auftakt „The Birdman

Der Sommer ist doch noch da, dafür muss man einfach nur nach Italien fahren: Schon vor drei Tagen ist es am Lido losgegangen, bisher konnte ich noch nichts schreiben, weil es diesmal hier auch andere Dinge zu tun gibt (dazu bald mehr), aber jetzt geht es endlich los mit dem diesjährigen Venedig-Blog.

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Mit einer rasant inszenierten, sehr unterhaltsamen Geschichte aus der Welt des Showbusiness wurden die Internationalen Filmfestspiele von Venedig am Mittwochabend eröffnet. Zum 71. Mal findet alles auf auf dem Lidostrand vor der Lagunenmetropole statt. „The Birdman“ heißt der neue Film des Mexikaners Alejandro Gonzalez Innaritu, dessen Karriere hier 2001 mit „Y tu Mama tambien!“ im Wettbewerb begann, beim letzten Festival der ersten Amtszeit von Festivalchef Alberto Barbera, der jetzt seit 2011 wieder die Mostra leitet – und an das ich mich deshalb so gut erinnere, weil es mein allererstes Venedig-Jahr gewesen ist.

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Tote Riesen-Quallen an einem Strand sind das erste rätselhafte Bild, das noch einmal später auftauchen wird, so wie der Meteor am Himmel. Apokalypse.
Der Film ist eine ebenso intelligente wie kurzweilige melancholische Komödie über das Showgeschäft. Michael Keaton spielt in der Hauptrolle gewissermaßen sich selbst: Einen alternden Schauspieler, der einmal als Comic-Superheld weltberühmt wurde (so wie Keaton als „Batman“ in Tim Burtons zwei Verfilmungen Anfang der 1990er), und seitdem versucht, diesem Rollenimage zu entkommen, und wieder als Künstler ernstgenommen zu werden. Keatons Figur ist während er am Broadway ein Raymond-Carver-Stück inszeniert, in dem er auch die Hauptfigur spielt, von Selbstzweifeln geplagt. An seinem Spiegel hängt der Spruch „A thing is a thing, not what is said of this thing.“; er hört Stimmen: „The keys of the kingdom. … You know I am right.“
In furiosen Traumsequenzen spricht er mit seiner früheren Filmfigur, dem „Birdman“ – „You are birdman. Without me it’s just you.“ -, fliegt er durch New York, rettet die Welt, oder begeht Selbstmord. Dazwischen muss er sich um seine Exfrau kümmern, seine schwangere Geliebte, seine labile Tochter, die hysterische Hauptdarstellerin und um einen so prätentiösen wie manipulativen Kollegen, der ihm die Show stehlen will, und mit seiner Tochter was anfängt. Dieser wird von Edward Norton gespielt, in weiteren Rollen sind unter anderem Naomi Watts und Emma Stone zu sehen.

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„The Birdman“ ist ein großartiger Film, weit besser als die letzten Eröffnungsfilme in Cannes oder Berlin. Eine reine Komödie ist der Film nicht, sondern eher eine apokalyptische, geistreiche Reflexion des Showgeschäfts und der Frage, wo die Kunst aufhört und der Populismus anfängt. Die ersten Sätze geben den Ton vor: „How did we end up here? This place is horrible. We don’t belong in this shitroom.“
Die Handlung dreht sich um die letzten zwei Tage vor einer Premiere. Theaterluft, Theaterpathos. Witze über die Spleens der einzelnen Typen, der jeweiligen Gewerke. Ein Hauch von „Die Amerikanische Nacht“.
Und eine Reflexion der Rolle der Öffentlichkeit: Die Tochter hält dem Vater nicht etwa vor, dass er sich nie um sie gekümmert habe, sondern dass ihm die Maßstäbe für Relevanz fehlten: „You wanna feel relevant again? But you play your piece for just 1000 rich white people. You hate blogger, you mock twitter, you don’t even have a facebook page – you don’t exist. Face it.“

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Gespickt ist alles mit weiteren bissigen Sentenzen wie „Popularität ist der dreckige kleine Cousin der Anerkennung“ oder „Wir leben gerade in Zeiten des kulturellen Genozid“.
Oder über den Schauspielbetrieb: „Why don’t I have any self-respect?“ – „You are an actress, honey“
Als ein Darsteller ausfällt, und man einen anderen sucht, kommt es zu folgendem Dialog: „Call Woody Harellson“ – „He is shooting hunger games.“: „So ask Michael Fassbender“ – „He is doing the prequel for the X-Men-Prequel“; „Jeremy Renner?“ – „Who’s that?“

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Getragen wird „The Birdman“ vom Spiel der Darsteller und der wunderbaren Kamera des Polen Emmanuel Lubetzki, der seinen Bilder in schwindlerregegenden langen Einstellungen einen eigenwilligen Sog gibt.

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„The Birdman“, nach „Gravity“ von Alfonso Cuaron im letzten Jahr zum zweiten Mal in Folge der Eröffnungsfilm eines mexikanischen Regisseurs, ist der erste von 19 Filmen, die noch über eine Woche lang im Wettbewerb um den Goldenen und diverse andere Löwen kämpfen. Dort begegnet das Publikum einer Mischung aus neuen Gesichtern, guten Bekannten und ernsten Themen: Gespannt erwartet wird der deutsche Beitrag am Sonntag: Fatih Akins „The Cut“, ein vielschichtiges Drama über die Ermordung hunderttausender Armenier in der Türkei während des Ersten Weltkriegs.

Bildrechte: Fox Searchlight Pictures