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Wenn man ein Papier über Filmkritik schreibt und darin mehr Streitkultur fordert, ist es natürlich das Schlimmste, wenn dann keiner anfängt zu streiten. Manche haben in Anrufen etwas gemäkelt. In Gesprächen kam ebenfalls das eine oder andere zur Geltung. Und hier sind einige der Reaktionen zu lesen, die in Schriftform eintrudelten. Allerdings ist diese Liste dann doch recht statisch geraten. Denkanregungen sind das natürlich. Eine Debatte verdient ihren Namen aber erst dann, wenn auch Austausch stattfinden kann. Nur dann müssen die Gesprächspartner für das, was sie äußern, nämlich auch einstehen. Aktivistische Kritik muss daran unbedingt interessiert sein, an Prozessen, die zu Ergebnissen führen. Und sie muss sich auch angreifen lassen. Angriffe auszuteilen und auszuhalten, muss wieder eine zentrale Qualität werden. Ansonsten versteckt man sich und das, was man sagt, hinter Buchstaben. Gerade gab es ein Gespräch in Hamburg, das an unsere Argumentation anknüpft. In Berlin werden wir bald mit Revolver eine Veranstaltung machen.

Ich habe nach Oberhausen geschrieben, dass man das unmittelbare Umfeld braucht, wenn man Gespräche führen will. Also gehen wir nun auch dieser Spur einmal nach. Andreas Dosch, Filmredakteur des Stadtmagazins Journal Frankfurt, hat am gegenseitigen Angreifen scheinbar ein vergnügliches Interesse, damit kann man arbeiten. Spitzen wir die Ohren, seine kürzlich veröffentlichte Kolumne schimpft wie folgt:

Cineblascope

Auf der Berlinale belauschte ich ein Gespräch zweier Kollegen in der Reihe hinter mir. Sinngemäß lief es wie folgt: „Ich war gestern auf dem Jahrestreffen des Verbandes der Deutschen Filmkritik.“ „Und, wie war’s?“ „Oh Gott, ich kann dir sagen…“ „So schlimm?“ „Man hatte mich ja schon gewarnt. Eine Ansammlung von Wichtigtuern… unfassbar.“ Wahre Geschichte! Man sieht: Der VDFK ist für manchen Lacher gut. Auch jetzt wieder möchte man uns alle – aber vor allem wohl sich selbst – vor dem Untergang des (kulturellen) Abendlandes und damit verbundener Bedeutungslosigkeit retten und verfasste Anfang Mai während der Oberhausener Kurzfilmtage ein, äh, Manifest, in dem die Einrichtung einer Woche der aktivistischen Filmkritik bei der nächsten Berlinale ausgerufen wird. Hier findet man Formulierungen wie „Filmverleiher und Kinobetreiber haben in den letzten Jahrzehnten das Programmkino vergessen und es durch Arthouse ersetzt“ (Oha, Verschwörung!). Oder: „Aktivistische Kritik reflektiert ästhetische Programmatiken selbst dort, wo keiner danach fragt.” Hmmm. Sie merken schon: Jeder Satz eine Kanonensalve! Und was bleibt übrig? Viel heiße Luft.
(© Andreas Dosch / Journal Frankfurt)

Als Kritiker ist man ja auch Leser. Also dachte ich mir, warum nicht einmal einen Brief schreiben. Aber eben hier und nicht unter vier Augen. Damit alle mitlesen können.

Lieber Andreas Dosch,

mit großem Vergnügen habe ich Ihre Kolumne zu unserem Flugblatt für aktivistische Filmkritik gelesen. Offensichtlich hatten Sie großen Spaß daran, Ihren Text so schön blumig auszuschmücken. Man will sich ja, wenn man so etwas ließt, gerne auch zurückmelden. Auf die Gefahr hin, Sie zu enttäuschen, muss ich hier jetzt allerdings eingestehen, dass ich am liebsten über Inhalte streite und weniger um des Streitens willen. Für einen Kritiker ist das vermutlich entblößend, werden Sie sagen. Aber ich will auch auf etwas hinaus: Ein belauschtes Gespräch ist natürlich eine besonders fundierte Informationsquelle, aber wirkliche Argumente gegen unsere Position konnte ich in Ihrer Auseinandersetzung mit diesem so einprägsamen Berliner Moment so gar nicht finden. Und da sitze ich jetzt und schreibe und weiß nicht, über was Sie eigentlich sprechen möchten. Oder ob Sie überhaupt sprechen möchten. Auch Vorschläge zum tatsächlichen Handeln konnte ich nicht finden, obwohl Sie deren Ausbleiben ja bei uns so entschieden bemängeln. In der Hoffnung, dass Sie nicht nur A sondern auch B sagen, möchte ich also versuchen, Ihnen ein wenig mehr Kanonenfutter zu liefern.

Zum Verband der Deutschen Filmkritik kann man natürlich vieles sagen. Zum Beispiel könnte man diskutieren, welchen Sinn eine solche Organisation wohl haben mag. Wenn sich jemand wichtig tut, innerhalb oder außerhalb des VDFK, Herr Dosch, ist das auch eine Frage für sich. Das kann ja bekanntlich viele Gründe haben. In einem Verband von rund 300 Mitgliedern mit Schwerpunkt in der Filmkritik begegnet man so einigen Ansätzen zu diesen beiden Punkten. Sich wichtig zu machen, hat bei uns oft einen gemeinsamen Nenner, so weit könnte man schon gehen: Die Überzeugung, eine kritische Kultur auszuleben, die sich nicht alles sagen lässt. Manche erheben das zum Prinzip, manche sind bedachter, vor allem in der Wahl ihrer Positionen. Was in unserem Papier ein wenig angesprochen wird, ist auch eine solche Position. Die Position von uns als Vorstand des VDFK, der sich nun seit etwa einem Jahr engagiert. Dass wir damit nicht die Stimme von rund 300 Kollegen sind, sondern in erster Linie unsere Ansichten und Arbeitspläne vermitteln, scheint für Sie nur von geringer Bedeutung zu sein. Sonst hätten Sie vielleicht nachgefragt. Was ich sagen will: Thema ist hier nicht, was ein Verband will oder wer sich wichtig tut, sondern worüber man sprechen sollte.

Herr Dosch, die eigentliche Frage drängt sich mir zwischen diesen Erklärungen auf, ob unser Text, oder die Rolle der Kritik, für Sie überhaupt von Bedeutung sind. Ich hoffe es. Und sollte das tatsächlich der Fall sein, muss ich mich doch noch ärgern. Denn sich anzufallen wäre ja dann, wie soll ich es sagen, ziemlich kontraproduktiv. Dazu, dass es nicht sinnvoll ist, sich unter Kritikern gegenseitig zu zu bekämpfen, habe ich hier (http://www.eskalierende-traeume.de/die-filmkritik-meint-es-gut-mit-dem-kino/) vor kurzem auch etwas gesagt. Wir dachten beim Schreiben unseres Papiers eher konstrutiven Streit, an Inhalte, an gemeinsames Nachdenken und Handeln. Ihre Polemik macht Spaß, aber sie tut auch das, was wir überhaupt nicht mehr so gut finden: Sie attackiert einen Verband, aufgrund einer fixen Idee, basierend auf Eindrücken der Vergangenheit. Kann man machen. Aber Sie tun das ausschließlich, statt sich mit dem auseinanderzusetzen, was wir sagen möchten. Ihre Kritik verstehe ich nicht als Kritik, die etwas tun möchte, sondern als Kritik, die sich ganz mit einem passiven Zynismus zufrieden gibt. Wenn überhaupt, dann sollen die anderen etwas tun und sich gefälligst dabei lächerlich machen, das steht da. Und wenn wir es nun nicht hinbekommen, auf unser Papier spannende Taten folgen zu lassen, dann sind wir eben doof. Weil wir ja sowieso doof sind, daran scheinen Sie keinen Zweifel zu haben. Und auch keine Hoffnung auf spannende Ergebnisse.

Vielleicht fühlen Sie sich aber auch ein bisschen ertappt und zeigen lieber mit dem Finger, statt sich an die eigene Nase zu fassen? Ich sehe ihre Rolle als Filmredakteur und ihr Schreiben vielleicht als Verneinung eines Interesses, mit einer der sehr präsenten Medien im Stadtraum Frankfurt etwas Frischeres anzustellen, als Kinostarts mit kleinen Kommentaren abzubilden. Das ist im Grunde Service und das wissen Sie auch. Gerade im Kinojournal, wo wöchentlich ein erschöpfender Überblick zur hiesigen Kinolandschaft erscheint und auch in zahlreichen Kinos ausliegt, könnte man prima Gespräche anstoßen. Falls Sie Taten nicht nur als Verantwortlichkeit der Anderen sehen, falls Sie Spaß und Interesse an einer Filmkultur haben, die in Bewegung bleibt, helfen Sie doch einfach mit, an dieser zu arbeiten.

Wenn wir eine Woche der Kritik in Berlin veranstalten, ist das sichtbar, aber nicht allgegenwärtig. Man muss auch da ansetzen, wo die Leute ins Kino gehen: reinreden, anregen, überreden. Vielleicht freut sich dann jemand, einem überraschenden Film oder einer überraschenden Veranstaltung zu begegnen. Vielleicht wollen ja auch Sie mehr von sich geben, als heiße Luft. Bald will ich mit meinen Kollegen von NEGATIV ein Filmprogramm pro Monat ins Kino bringen, um ein bisschen zu kitzeln und sicherlich auch spannende Initiativen vorzustellen. Danach soll es Gespräche geben. Diese Programme ausgerechnet im Journal Frankfurt anzukündigen, wo es auch noch alle lesen können, wäre ein sehr schönes Unding. Ob Sie uns dafür Platz zur Verfügung stellen, verstehe ich als Antwort auf diesen Brief. Und vielleicht sehen wir uns dann ja auch einmal auf der Bühne. Oder Sie schlagen einen Programmbeitrag vor, nach dem wir dann den Untergang des Abendlandes diskutieren können.

Viele Grüße aus Frankfurt und auf gute Nachbarschaft,

Dennis Vetter