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Ein zwischen A- und B-Prominenz schwankender Entertainer mittleren Alters erhält den Auftrag, eine gastronomische Reisereportage über den Norden Englands zu verfassen. Als seine Freundin, die ihn ursprünglich begleiten wollte, ihn verlässt und er sich nicht allein auf die Reise begeben möchte, fragt er, mangels Alternativen, vielleicht auch mangels echter Freunde, einen losen Bekannten aus dem Fernsehgeschäft, ob er Lust habe, mitzukommen. Die beiden machen sich von London aus auf den Weg, durchqueren im Range Rover die trübe Landschaft des englischen Nordens, essen sich durch ein kulinarisches Spektrum von englischer Landhausmahlzeit bis französischer Avantgardeküche, übernachten in pittoresken Cottages, wandern gemeinsam durch zerklüftete Felsen, besuchen halbinteressiert Kulturstätten—und versuchen vor allem, die Zeit hinter sich zu bringen und Momente verlegener Betretenheit zu vermeiden.

Steve Coogan und Rob Brydon, zwei mittelalte englische Entertainer, zwischen A- und B-Prominenz, zwischen großer Bühne und peinlichen Quizshowauftritten schwankend, spielen die beiden Hauptfiguren der britischen Serie THE TRIP als nur leicht verzerrte Wiedergänger ihrer selbst. Innerhalb des losen dramaturgischen Rahmens eines monotonen, abwechslungslosen Road Trips porträtieren sie zwei Männer, die sich mehr aus Gelegenheit als aus Neigung als Reisegefährten zusammen getan haben. Die meiste Zeit nerven sie einander, versuchen sich gegenseitig auszustechen und das schauspielerische Talent des jeweils anderen in den Schatten zu stellen; es entspinnt sich ein immer absurderer Wettstreit, insbesondere um das bessere imitatorische Vermögen. Herzstück der Serie ist nämlich die Nachahmungsbesessenheit der beiden Protagonisten. Ständig spielen sie auf Filmszenen, Popsongs und popkulturelle Figuren an, parodieren unter anderem Michael Caine, Woody Allen, Al Pacino, Alan Bennett, Ian McKellen, Richard Gere und Liam Neeson, und das in einer derart obstinaten Weise, dass ihre Dialoge oft bloß reine Wettbewerbe des Grimassierens und Stimmenverstellens sind. Beide geben sich terrorisiert von den Versuchen des anderen, ohne jedoch selbst der Neigung widerstehen zu können, bei jeder Gelegenheit in eine fremde Rolle zu verfallen. Hierbei gelingt es der Serie, den Zuschauer gleichermaßen zu unterhalten wie mit planvollem, hintersinnigem Kalkül zu entnerven. Unter ihren gereizten Streitereien jedoch scheint Nähe, ja Freundschaft durch, die nur in wenigen stillen, sentimentalen Augenblicken angedeutet ist, aber ansonsten peinlich berührt verleugnet wird. Am Ende kehren sie zermürbt, müde und abgekämpft, aber auch auf heimliche Weise miteinander eng verbunden nach London zurück, um sich verlegen voneinander zu verabschieden. All das ist mit zarter Zurückhaltung in einem behutsamen, quasi-dokumentarischen Stil inszeniert.

Hauptthema von THE TRIP, einer manchmal kalauernden, manchmal schwermütigen, manchmal derben, manchmal feinen BBC-Produktion, ist die Männerfreundschaft im mittleren Alter. Bis zur Typenhaftigkeit wird zunächst ein Gegensatz der Charaktere aufgebaut: Steve Coogan gibt den grüblerischen Pessimisten, der über seine erlahmte Karriere verzweifelt, er ist der eitle, sich selbst überschätzende Tragöde. Rob Brydon hingegen stellt die durchweg optimistische, joviale, bis zur Penetranz gut gelaunte Frohnatur dar, die sich im angenehmen Mittelmaß niveauloser, aber solider Fernseharbeit zufrieden eingerichtet hat. Über den psychologischen Kontrast hinweg – die charakterliche Opposition von Melancholiker und Sanguiniker scheint zuweilen in die Nähe der ikonographischen Tradition des Democritus ridens, Heraclitus flens-Paares zu rücken – eint beide Personen jedoch ihre Einsamkeit und die verschämte Leugnung der eigenen Sensibilität. Wir begleiten zwei Menschen, die außer ihren Familien nicht viel haben, sich ansonsten auf ihren Karriereehrgeiz konzentrieren und zu Gefühlsäußerungen ein mehr als verkrampftes Verhältnis haben. Sie bringen es nicht übers Herz, ihrer Zuneigung zueinander Ausdruck zu verleihen, und flüchten sich in krampfhafte Albernheiten und abgeklärt witzelnde Abwehrmanöver, ohne indes verhindern zu können, sich dem anderen mehr zu offenbaren, als ihnen lieb ist.

THE TRIP zeichnet das Porträt einer überironisierten Generation, die zu kaum einer Äußerung fähig ist, ohne sogleich eine popkulturelle Referenz mitzuliefern, die kaum etwas sagen kann, ohne sich dabei zu verstellen, mit fremder Stimme zu sprechen und augenzwinkernd-distanziert eine spielerisch angenommene Rolle vorzuschieben (»It’s 2010, everything’s been done before«, so Coogan). Die beiden Protagonisten schöpfen aus dem Fundus einer inventarisierten Kultur, die zu jeder Situation und jeder inneren Empfindung das passende Zitat, die angemessene Anspielung bietet und in der Lage ist, jeden Verdacht der Ernsthaftigkeit zu entkräften und jeden Anflug von Melodramatik ins Travestierte, Ironisch-Gebrochene zu transponieren. Jedem Gedanken, jedem Ereignis ist die eigene Parodie schon eingeprägt – auf dass ja niemand auf die Idee komme, es könnte einem ernst sein. Indem sie vorführt, wie ununterscheidbar Kitsch und Pathos, Komik und Tragik in der zeitgenössischen Kultur oftmals geworden sind, enthüllt die Serie – eine überraschende und scharfsinnige Erkenntnis – romantische Ironie als die Kerneigenschaft postmoderner Weltanschauung.

Unter der oft furios komischen Oberfläche zeigt uns THE TRIP zwei Menschen, die sich, in der Tiefe ihres ironiesüchtigen Herzens, nach Eigentlichkeit, nach dem wahren Gefühl, nach ehrlichem Sentiment sehnen, und dessen Unmöglichkeit uneingestanden als traurigen Mangel empfinden. Und so ist der dichten Gagfolge behutsam ein elegischer Kontrapunkt eingewoben. Die nordenglische Landschaft wird in bester Tradition melancholischer Romantik in Szene gesetzt und scheint metaphorisch auf die tatsächliche Gemütsverfassung der beiden Witzbolde zu verweisen – die Serie gerät jedoch dann an die Grenze zum Prätentiösen, wenn sie den Dichter Coleridge als Leitmotiv aufzubauen versucht. Jede Folge ist in stille Tristesse gerahmt, sie beginnt mit der Rückschau auf den einsamen Coogan in seiner Londoner Wohnung und endet mit den getrennt voneinander zu Bett gehenden Gefährten, in seufzerschwerer Nachtstimmung, mit minimalistischem Erik-Satie-Moll unterlegt.

Die verzweifelte Komödie, die uns Coogan und Brydon aufführen, unterhält genauso, wie sie betrübt. Der Zuschauer lacht und fühlt sich im selben Moment ertappt. Er erkennt zuletzt niemand anderen als sich selbst in dem verschämt-sentimentalen Ironiker, dessen präzise Studie THE TRIP ist.

Bilder: ©BBC TWO

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