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1. Ein Kopf drängt sich durch die Glassplitter einer zerbrochenen Autoscheibe.

2. Ein Körper wird aus dem Wagen durch die Frontscheibe geschleudert.

3. Eine Hand landet, gemeinsam mit den Splittern, auf der Motorhaube. Die Armbanduhr löst sich von der Hand.

4. Die Uhr fliegt durch die Luft.

5. Und landet auf dem unebenen Asphalt, die Scheibe ebenfalls zerbrochen.

6. Die Kamera ruht lange genug auf der Uhr, dass wir merken: sie blieb stehen.

7. Ein Körper – eine Frau liegt bewusstlos auf der Motorhaube des Wagens.

8. Das Auto, die Frau, fangen Feuer.

9. Totale. Der Ort des Unfalls

10. Yi ngoi / accident (Cheang pou-soi, Hong Kong, 2009)

 

Was diese Bilder leider nicht mittransportieren können, im Vergleich mit der entsprechenden Filmszene, sind die Bewegungsabläufe, die stattfinden, und, genauso wichtig, die Tonspur, die dem Gezeigten beträchtlich hilft, ein genuines Ereignis darzustellen.

Doch wir wissen: Der Unfall hat stattgefunden. Die Frau, die Uhr, die Glassplitter, das Auto die Flammen, all diese bürgen als materielle Beweise für die Authentizität des Unfalls. Die Kamera fängt sie auf ausgezeichnete Weise auf in ihrer Beweisführung.

Oder darf man daran zweifeln? Darf man der Kamera, dem Schnitt, der Tonspur als Gemeinsames vorwerfen, etwas nicht wiederzugeben, sondern zu konstruieren? ACCIDENT hinterfragt in seinem Verlauf genau diese Szene immer wieder.

Irgendwann, später im Film, erfahren wir, dass es sich hierbei um eine Erinnerung handelt. Eine Erinnerung des Hauptcharakters an den Unfall seiner Frau, eng verbunden mit seiner Vermutung, der Unfall sei fabriziert – von jemandem, der es in Wirklichkeit auf ihn abgesehen hatte. Diese Vermutung wird zur Beschäftigung, die Beschäftigung zum Beruf, der Beruf zur Obsession. Die Hauptfigur fabriziert seitdem Unfälle, in welchen Menschen sterben, auf Wunsch anderer Menschen. Und zwar bis ins kleinste Detail, unter höchster Konzentration und eine absolute Disziplin fordernd. Einer der Unfälle läuft jedoch schief, ein Partner verliert sein Leben – dieser Heist-Film verwandelt sich in einem Paranoia-Thriller aus Sicht der Hauptfigur. Ist der Tod des Freundes ein Unfall gewesen, oder ein Attentat? Vielleicht ein Werk der Konkurrenz?

Doch, ohne zu wissen, und uns interessiert das viel mehr als die Handlung des Films, wird die Hauptfigur zum Mittel der Auseinandersetzung mit einer der Grundfragen an die Filmkunst:

Kann Film Wirklichkeit wiedergeben?

 

Eine Erinnerung ist also diese erste Szene des Films – subjektiv, eine Interpretation einer von Zweifel geprägten Hauptfigur. Zuverlässigkeit wird ihr somit abgesprochen und ebenso ihren Einzelheiten, dazu zählen auch die Gegenstände, die in der Szene akribisch festgehalten werden. Sie sind nicht mehr Belege eines dagewesenen Unfalls, sondern Konstruktionen der Psyche eines Charakters. Ihre Verstrickung mit der Realität (denn die Uhr behält er als schmerzhafte Erinnerung) ist symptomatisch für den Rest des Films, der aus einer Umkehrung der Beziehung zwischen Realem, Gezeigtem und Konstruktion besteht. Wir werden wissen, dass die weiteren Unfälle im Film manipuliert sind, also nicht echt (ihre Entstehung wird uns in Bewegtbildern dargelegt), doch sind sie so gestaltet, dass sie genuin erscheinen.

Die Wirklichkeit wird also nicht Authentizität hinterfragt, sie kann erstmals nur authentisch sein. Aber über die Begriffe, mit welchen wir uns der Wirklichkeit nähern, die in Frage gestellt werden, ist sie doch selbst mit einem Fragezeichen versehen: Ein Unfall, nur weil er wie ein Unfall aussieht, ist kein Unfall. Denn dazu gehört auch, dass er sich wie ein Unfall ereignet, entsteht, und nicht nur wie ein solcher aussieht.

Weiterhin wird die mediale Darstellung der Wirklichkeit und ihre Relation zum Gefilmten hinterfragt, auf dieselbe Art: Ein Unfall, gefilmt wie ein Unfall, ist nur eine Konstruktion, die einem Unfall ähnelt. Umgekehrt: Als der Partner des Hauptcharakters stirbt, ist eine Attrappe eines Unfalls, gefilmt als solche, doch ein Unfall? Oder nicht? Für die Hauptfigur wie für den Zuschauer verschwindet der Unterschied zwischen Realität und Attrappe, zwischen Wirklichkeit und ihrer medialen Repräsentation. ACCIDENT wird zu einer Studie der These von Baudrillard, dass Wirklichkeit und ihre mediale Repräsentation nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind.

Doch kann ein Film Wirklichkeit wiedergeben? Laut ACCIDENT nicht, denn die Kamera, die Figuren, die Geschichte, der Schnitt fügen dem Gezeigten immer Bedeutung hinzu, und diese Bedeutung ist immer eine Kontextualisierung, eine Fälschung. ACCIDENT ist ein Genrefilm und operiert als solcher. Von vornherein im Rahmen von Konventionen gedacht, geht er von Film als einer Konstruktion nach Regeln aus. Eine Realität wird hier nicht wiedergegeben, sondern erschaffen. Und die Gegenstände dieser Realität (ob das Auto, die Frau, die Uhr, die Glassplitter, der Asphalt und die Flammen, wie in diesen Bildern) sind auf den ersten Blick da, nicht um diese Realität zu belegen in ihrer Authentizität, sondern als Zeichen, als Platzhalter, als Symbole – für die Gefühle der Figuren, für ihre Erinnerungen, für die Handlung, aber auch für das Wechselspiel mit dem Zuschauer, für die Regeln, die eine filmische Welt zwischen Heist-Film und Paranoia-Thriller errichten.