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Immer wieder redet Călin Peter Netzer über die Sackgasse, die die Neue Rumänische Welle sein soll. Darüber, wie nach Auswegen gesucht werden soll, wie man diese überwinden muss. Der Regisseur hat mit seinem neuesten Film, POZIȚIA COPILULUI / CHILD’S POSE, eine sehr persönliche, intime Geschichte verarbeitet und einen Goldenen Bären nach Rumänien eingeflogen. Wie der Film, trägt der Preis auch viele Bedeutungen – etwa insofern, als er, dank neu entdeckter technischer Möglichkeiten, das durch die PR am meisten verwertete Symbol der rumänischen Kinoqualität ist. Dieser symbolische Wert hat viel zum verhältnismäßigen Kinoerfolg des Films im eigenen Land beigetragen. Natürlich stärkt der Bär auch die Analogie des Preisträgers, zwischen der Neuen Rumänischen Welle und einer Sackgasse.

Als ich den Regisseuren von POZIŢIA COPILULUI 2010 kennenlernte, anlässlich der Vorführung seines zweiten Langfilms, MEDALIA DE ONOARE / EHRENMEDAILLE, bei goEast, sagte er das Gleiche. Damals zeigte goEast, neben dem soliden FRANCESCA von Bobby Pӑunescu, auch Corneliu Porumboius POLIȚIST, ADJECTIV / POLIZEILICH, ADJEKTIV, der unumstrittene Beweis, dass das Potenzial der Neuen Rumänischen Welle nach einer ersten Salve international anerkannter Filme lange nicht erschöpft war. Ein Jahr später führte das Festival AURORA von Cristi Puiu vor, den bisherige Höhepunkt dieser Welle, dessen Auseinandersetzung mit der zentralen Frage einer jeden Realismus-Bewegung, nämlich wie nah sich Film Wirklichkeit annähern kann, zu den tiefgründigsten der Filmgeschichte zählt. Letztes Jahr bewies auch Cristian Mungiu mit DUPӐ DEALURI / BEYOND THE HILLS, dass seine Art, Filmrealismus zu denken, sich seit 4-3-2 um Welten verfeinert hat. Nicht zu vergessen sind auch Radu Jude, dessen CEA MAI FERICITӐ FATӐ DIN LUME / DAS GLÜCKLICHSTE MÄDCHEN DER WELT (2009) und TOATӐ LUMEA DIN FAMILIA NOASTRӐ / EVERYBODY IN OUR FAMILY (2012) eine vollkommen unterschiedliche Herangehensweise an das Filmemachen innerhalb dieser Welle zeigen, sowie RADU MUNTEANS Filme, HÂRTIA VA FI ALBASTRӐ / THE PAPER WILL BE BLUE, BOOGIE und MARȚI, DUPӐ CRӐCIUN / TUESDAY, AFTER CHRISTMAS, deren Entwicklung die stetige Auffrischung und Evolution der Neuen Rumänische Welle ebenfalls bestätigen. Die vielen Schwerpunkte und Perspektiven, mit welchen all diese Filmemacher den Realismus angehen und die implizite, auch wenn oft feine Vielseitigkeit der Werke dieser Welle sind nicht zu übersehen. Sie als Sackgasse zu beschreiben zeugt, milde ausgedrückt, von einem unkonzentrierten Blick und weist auf einen fehlenden historischen Bewusstsein hin.

Die Geschichte lehrt uns, dass eine Welle ungefähr zehn Jahre dauert, was nach wie vor, angesichts der finanziellen Hürden um das Filmemachen und den impliziten Möglichkeiten der Filmschaffenden, ihre Visionen zum Ausdruck zu bringen, geschweige denn des Festivalkreislaufs, unverändert bleibt. Was sich aber verändert, ist die Haltung des Publikums und seine zunehmend reflexiv-kritische Position. Zehn Jahre sind in vielen Bereichen des Lebens heute eine zu große Zeitspanne, als dass sie noch planbar sein könnten. Die Erneuerungszyklen, vor allem im technischen Bereich der Gesellschaft, sind längst viel kürzer, und, da sich das Verhältnis zwischen Technik und Kultur immer enger strickt, wird von letzterer dasselbe erwartet. Diese Erwartungen werden im Videospielbereich am ehesten erfüllt. Doch im Film – ein immer noch sehr teures Kulturprodukt, dessen finanzielle Verwertung zunehmend auf die Erschließung neuer Wege angewiesen ist – und besonders im Autorenfilm, dessen Kapital in der Regel kein finanzielles, sondern lediglich ein kulturelles ist, kann sich nicht viel verändern. Seine Entstehungszyklen werden weiterhin im Durchschnitt knapp zwei Jahre dauern und die Wellen, denen er angehört, werden auch nicht kürzer. Es erscheint mir paradox, diesen Aspekt zu ignorieren – gerade als Filmemacher – und stattdessen das Verhalten eines profilneurotischen Webexperten an den Tag zu legen, indem man den Tod eines Ereignisses (in diesem Fall einer Filmwelle) fordert, noch bevor es seinen dialektischen Höhepunkt erreicht hat.

Die Neue Rumänische Welle ist aber schon älter als zehn Jahre. Sie startete 2001 mit Cristi Puius MARFA ŞI BANII / STUFF AND DOUGH. Neigt sie sich also dem Ende zu? Diese Frage lässt sich nie im Voraus beantworten, sondern immer dann, wenn Filme erscheinen. Wir haben dieses Jahr bei goEast zwei neue Filme aus Rumänien gesehen, DOMESTIC von Adrian Sitaru und ROCKER von Marian Crişan. Beide haben eine fragile Relation mit dem Realismus, die, insbesondere im Fall von DOMESTIC, höchstens als Haltung gegenüber der Kamera als Erzählinstanz zu sehen ist. Darüber hinaus haben wir erfahren, das einige Filme kurz davor sind, zum ersten Mal auf ihr Publikum zu treffen: Corneliu Porumboiu hat seinen neuesten Film in Cannes eingereicht, wurde aber in der ersten Runde noch nicht angenommen, und Tudor Jurgiu, dessen Kurzfilm NUNTA LUI OLI / OLIS HOCHZEIT große Erwartungen weckt, fertigt gerade seinen ersten Langfilm. Darüber hinaus zeichnet sich durch Cristi Puius Lehrtätigkeit an der Bukarester Filmakademie die Möglichkeit einer Gruppe von zukünftigen Filmemachern ab, die seine Art, das Kino zu denken, auf ihre Weise weiterentwickeln werden.

Wie jede Welle, entwickelt sich die rumänische also weiter und findet zu neuen Formen. Eine Sackgasse ist sie lediglich, wie alle Bewegungen, in der Hinsicht, als dass sie eine Riege an Epigonen gelockt hat, welche sich unreflektiert ihrer Stilmittel bedient. Ein großer Unterschied zwischen Călin Netzer und den wichtigen Namen der Neuen Rumänischen Welle ist die Tatsache, dass er doch eine gewisse wirtschaftliche Relevanz mit seinen Filmen anstrebt und von diesem Standpunkt aus die kulturgeschichtliche Relevanz eines gerade entstehenden rumänischen Kinos ignoriert, weil dieses Kino darin versagt, die Zuschauer in die Kinos zu locken. Zwei Antworten könnte ich in dieser Hinsicht paraphrasieren:

Marian Crişan, Regisseur, während der Q&A zu seinem Film ROCKER:
Jeder hat seine eigenen Schwerpunkte, doch wir alle machen das, was früher aus politischen Gründen nicht möglich war: so viel Wirklichkeit wie es geht in unseren Filmen einzufangen.

Cosmin Asler, ehemaliger Schulfreund, momentan Bauarbeiter:
EU CÂND VREAU SĂ FLUIER, FLUIER / IF I WANT TO WHISTLE, I WHISTLE ist zwar ein rumänischer Film, aber er hält mit den coolsten großen Filmen aus Hollywood mit. Klar habe ich ihn gesehen.