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Das 22. Kinofest in Lünen ist am Sonntag zu Ende gegangen. Drei Tage voll starkem Tobak.„Lünen ist die Härte“ steht im Kino des Festival für deutsche Filme praktisch überall, wo man hinschaut. Es ist seit Jahren der Slogan des Kinofestes. Für das Programm ist das eine passende Unterzeile. Schließt man sich nicht gerade einer großen Schar vorfreudiger Kinder an, die sich Oliver Dieckmanns Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel ansehen, erwaten hier durchaus Geschichten, die man als hart bezeichnen kann – in mehrfacher Hinsicht. Bei Andreas Dresens Halt auf freier Strecke und David Wnendts Kriegerin (hier unsere Kritik) erkennt man auf den ersten Blick, dass einen hier schwierige und wohl auf tragische Schicksale erwarten. Es gibt aber auch Filme, die erst bei genauerem hinschauen ihre Problematik entlarven. Die Vaterlosen von Marie Kreutzer ist so ein Film. Er lief schon vor einiger Zeit in deutschen Kinos, ist als eine Art „Austauschfilm“ der Bozener Filmtage in Südtirol im Programm. Dort hat er gewonnen. Kreutzer erzählt die Geschichte von erwachsen gewordenen Kindern einer Kommune in Österreich, die in ihre Heimat zurückkehren, um ihren Vater zu beerdigen. Das sie nicht erst durch den Tod ihres Oberhaupts vaterlos sind, lässt Kreutzer dabei nach und nach ans Licht kommen. Bei dieser Familie stimmt gar nichts, schon bei der Kindheit angefangen. Eine Filmhochschule in Deutschland stellte vor Jahren als Bewerbungsanforderung für künftige Studenten die Aufgabe, einen Film zum Thema „Das Gespenst der Freiheit“ zu drehen. Kreutzers Film wäre ein Musterbeispiel gewesen. Was nützt die grenzenlose Freiheit, wenn niemand da ist, der einem sagt, dass es überhaupt Grenzen geben könnte.

Bei den vier mittellangen Filmen des Festivals liegen die Probleme nicht in der Kindheit, sondern im Hier und Jetzt. Long Distance Call von Grzegorz Muskala, der auch die Sektion gewinnt, versucht ein Vertrauensverhältnis übers Telefon zu charakterisieren. Vater, Mutter, Kind und die Mutter ist vereist auf einem Ärztekongress. Ihre betrunkenen Anrufe vom Strand macht ihren Mann misstrauisch, er steigert sich in Verdächtigungen hinein, missbraucht als er sie nicht mehr selbst sprechen kann sogar einen Hotelrezeptzionisten als Spitzel. Am Ende belehrt die Frau ihren Mann. „Ich glaube nicht, dass du mich aus so einem Moment der Schwäche angerufen hättest“. Dann schlafen sie beide ein. Arno Frisch ist Muskalas einziger Schauspieler, der auch zu sehen ist. Dieser große Arno Frisch, der einst unter Haneke nicht nur Ulrich Mühe und Susanne Lothar das Fürchten lehrte. Er kann hier kaum ein Bruchteil seines Potentials zeigen. Als undurchschaubarer Sadist, der dem Zuschauer den Spiegel vorhält bleibt er deutlich eindringlicher, als besorgter Familienvater. Das exzessivste, was ihm Muskala erlaubt: Das Wurstbrot vom Tisch fegen.

Einen solchen Gefühlsausbruch würde sich Anna Stieblich von ihrem Mann wahrscheinlich wünschen. Er ist depressiv und größtenteils apathisch in Ulrike Vahls Film. Unter Null bezieht sich nicht auf die Temperaturen in diesem Winteralptraum. Jörg Schüttauf gibt den lebensmüden Mann, dem schon ein totes Tier auf der Straße reicht, um wieder an der Welt zu zweifeln. Vahl wählt einen klaren, ruhigen Ton für ihren Film, Stieblich und Schüttauf tun ihr übriges, um ein überzeugend unangenehmes Familienbild zu zeichnen. Der Klinikaufenthalt ist hier nur der Tropfen auf den heißen Stein.

Lucky Seven von Claudia Heinel ist ein konsequentes Jugenddrama, angesiedelt in Nordirland. Der Titel beschreibt das beängstigende Spiel. Sechs Passanten lässt man passieren, schreit ihnen nur ihre Nummer zu. Der siebte wird brutal verprügelt. Heinel hat sich lange mit dem Thema beschäftigt, zuvor zwei Jahre für einen Dokumentarfilm recherchiert. Das Spiel soll es wohl wirklich so gegeben haben. Ihr Film ist feinfühlig gezeichnet, mit glaubhaften Darstellern.

Der letzte der Reihe heißt Alle Tage meines Lebens ist ein Film von Lena Stahl über zwei Pärchen am Rande einer Hochzeit. Auch hier stimmt gar nichts, das altbekannte Spiel „Wahrheit oder Pflicht“ deckt die großen Lücken in den Beziehungen aus. Ein gutes Drehbuch und passende Charaktere entschuldigen ein viel zu dramatisches und überspitzes Ende.

Samstagabend läuft Dicke Mädchen von Axel Ranisch im Wettbewerb. Der vielleicht interessanteste Film des Kinofests. Ranisch hat auch den Trailer zum Festival gedreht, Star ist hier und auch zu großen Teilen in Dicke Mädchen die 89 jährige Ruth Bickelhaupt mit einem Leinwanddebüt. Sven wohnt noch bei seiner dementen Mutter, die jeden morgen glaubt zur Arbeit zu müssen, obwohl sie längst keinem Job mehr nachgeht. Wenn Sven zu seinem Job muss, kümmert sich Daniel um dessen Mutter. Über sie kommen die beiden sich irgendwann näher. Der Inhalt und vor allem das Poster versprechen grotesken Klamauk. Der Film, so stellt sich schnell heraus, ist im Grunde genommen nicht mal eine Komödie. Ranisch schafft beeindruckendes. Ohne Budget und mit Home-Video DV Optik erschafft er eine glaubwürdige und vor allem melancholische Stimmung. Die Hauptdarsteller, neben Bickelhaupt noch Peter Trabner und Heiko Pinkowski sind so echt, dass Dicke Mädchen stellenweise, wie ein Dokumentarfilm wirkt. Die absurde Grundsituation, dass Sven noch mit seiner Mutter in einem Bett schläft nimmt Ranisch nicht nur als Ausgangspunkt für Unterhaltung, er weiß, dass dies keine gesunde Beziehung ist. Seinen Figuren ist das immer wieder anzumerken. Wenn man mal lacht, dann immer mit, nie aber über die Charaktere. Es gibt eine großartige Sequenz an einem See, wo Sven Daniel erzählt, dass es sein Traum ist nach Australien zu gehen. Dann folgt ein höchst eigenes Ritual, was den Kinosaal zum johlen bringt. Einen Moment später liegen die beiden wieder im Gras und Daniel sagt „Du machst dir das alles viel zu einfach mit deinen Vorstellungen“. Schon ist es wieder still. Solche Momente des auf den Boden holen hat Ranisch unzählige und es gibt seiner Geschichte eine wundervolle Glaubwürdigkeit. Er gewinnt am Ende in zwei Kategorien, eine davon ist sogar der Preis für das beste Drehbuch. Das ist sicherlich zu viel des guten, aber das Lob in Zeiten der Blödel-Klamotten einen herrlich ernstzunehmenden aber immer leichten Film zu machen hat sich Ranisch redlich verdient.

Das Festival endet schließlich am Sonntag nach der Preisverleihung mit Züberts viel zu konventionell gehaltenem Dreiviertelmond. Elmar Wepper tut, was er kann und harmoniert durchaus mit der großartigen Mercan Türkoglu, beide scheitern aber an Züberts viel zu arglosem Drehbuch und seiner Ideenlosigkeit, was die Bilder angeht. Ein Mittwochsfilm der ARD hätte wohl kaum anders ausgesehen.

Doch auch dieser Film passt in den Zyklus der Filme, in denen wenig bis gar nichts stimmt. Da ist es eine schöne Idee, Sonntagmittag zur Entlastung einen alten Loriot wieder auszugraben. Denn in Pappa ante Portas freut man sich mit kindischem Vergnügen, dass hier natürlich am allerwenigsten stimmt.

Die Preise:

LÜDIA 2011
Der mit 10.000 Euro dotierte Publikumspreis LÜDIA geht an den Dokumentarfilm Berg Fidel von Hella Wenders

ERSTE HILFE
Shopping Tour von Vera Zimmermann und Alexander Meier

ERSTER GANG
Long Distance Call von Grzegorz Muskala

RAKETE Kinder- und Jugendfilmpreis
Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel von Oliver Dieckmann

PERLE – Preis für Frauen in der Filmbranche
Szenenbildnerin Jenny Roesler für ihre Arbeit in dem Spielfilm Kriegerin (Regie: David Wnendt)

PREIS FÜR DAS BESTE DREHBUCH
Dicke Mädchen von Axel Ranisch, Heiko Pinkowski und Peter Trabner

PREIS FÜR DIE BESTE FILMMUSIK
Stefan Schulzki für seine Arbeit im Spielfilm Unter Nachbarn (Regie: Stephan Rick)

BERNDT-MEDIA-PREIS für den besten Filmtitel
Dicke Mädchen von Axel Ranisch

RUHRPOTT-Leserfilmpreis
Ein Tick anders von Andi Rogenhagen

SCHÜLERFILMPREIS 10+
Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel von Oliver Dieckmann

SCHÜLERFILMPREIS 16+
Kriegerin von David Wnendt

Bildmaterial: Kinofest Lünen

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