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David Cronenberg entführte seine Zuschauer schon oft in die menschlichen Abgründe, die sich allzu oft hinter provinzieller Gewöhnlichkeit verbergen. Ob nun in A History of Violence, eXistenZ oder Videodrome, seine Filme sind Ausflüge in die menschliche Seele. Sein psychologisches Kino wäre undenkbar ohne die Pionierarbeit Sigmund Freuds, der beinahe im Alleingang das Jahrhundert des Selbst eingeläutet hat. So ist es auch wenig verwunderlich, dass sich Cronenberg mit seinem neusten Film zu den Wurzeln der Psychologie begibt. Dabei schafft er ein so beeindruckendes wie subtiles Seelen-Kammerspiel zweier großer Geister, nämlich Freud und Jung.

Anfang des 20. Jahrhunderts ist Carl Gustav Jung (Michael Fassbender) Arzt in einer Schweizer Nervenheilanstalt als mit Sabrina Spielrein (Keira Knightley) eine junge Hysterikerin eingeliefert wird. Den Krampfanfällen der hochintelligenten Frau wird durch Jungs Methode Abhilfe verschafft und er beginnt sie als Psychotherapeutin auszubilden. Zwischen seiner Professionalität und seinen Gefühlen hin- und hergerissen, entschließt er sich doch zu einer Affäre mit ihr. Eine Affäre, die auch die Beziehung zu seinem Bekannten, Übervater und Freund Sigmund Freud (Viggo Mortensen) belastet.

Cronenberg, der in seinen früheren Filmen das Visuelle immer sehr pointiert hat, beschritt mit seinen letzten beiden Filmen ein visuell viel subtileres Terrain. Diesen Weg beschreitet er nun weiter, reduziert das Visuelle der Handlung auf das Nötigste. Die ausgeprägte Schriftkultur zu Beginn des letzten Jahrhunderts bleibt unangestastet. Die dadurch erreichte Fokussierung auf die Dialoge ist eine filmische Spiegelung der Freudschen Gesprächstherapie. Statt das Unbewusste der Charaktere zu offenbaren, gelingt es dem Film (stattdessen), das Bewusstsein des Zuschauers anzuregen und eigene Bilder zu evozieren. Eine dunkle Begierde ist somit ein beinahe schon literarisches Erlebnis, eines, bei dem jeder Satz Jungs und Freuds zitierwürdig ist. Cronenberg schafft es, den Streit der beiden Geistesgrößen so nervenaufreibend zu inszenieren wie die stark physischen Kämpfe seiner früheren Filme.

Natürlich stellt sich bei dieser archaischen Reduzierung des Bilds die Frage, warum Eine dunkle Begierde gerade ein Film ist, wenn er doch dessen Ausdrucksmittel so oft ignoriert und noch dazu auf einem erfolgreichen Theaterstück namens „The Talking Cure“ basiert. Dadurch dass Cronenberg die inneren Dämonen, die alle drei Hauptfiguren plagen, nicht zeigt, werden diese nicht entmystifiziert und behalten ihren enigmatischen Charakter – eine künstlerische Entscheidung, die in Zeiten von 3D- und CGI-Wahn geradezu beruhigend wirkt. So mutet Eine dunkle Begierde wie eine Literaturverfilmung an, die keine ist und die in der Darstellung der damaligen Mentalität so nur von Thomas Manns Roman Der Zauberberg erreicht wird. Auch hier kämpfen zwei Gelehrte um die Gunst des Protagonisten Hans Castorp gegeneinder, mit dem entscheidenden Unterschied, dass bei Cronenberg der Zuschauer selbst die Rolle des Schülers einnimmt.

Obwohl Eine dunkle Begierde gerade Jungs Verhältnis zu Spielrein fokussiert, sind es doch gerade die Begegnungen mit Freud, die das gefühlte Zentrum ausmachen. Es ist ihre Besessenheit für ihre Forschung, die sie letztlich entzweit. Während sich Freud auf das Feld der Sexualforschung beschränken will, versucht Jung die Wissenschaft in unerkundete Territorien weiterzutreiben. Beide scheitern an ihrer eigenen Besessenheit, sei sie nun sexuell oder wissenschaftlich. Faszinierend zeigt Cronenberg wie die Pioniere des Unterbewussten an ihren menschlichen Unzulänglichkeiten untergehen und schafft es gleichzeitig an diesen beiden Menschen die Mentalitätsgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts aufzuhängen. Die letzten Jahre des KuK-Reichs, die seine strahlendsten sein sollten.

Eine dunkle Begierde wirkt stellenweise wie ein Vermächtnis aus einer längst untergegangenen Welt, einer Welt, in der die Geisteswissenschaften noch alltägliche Bedeutung hatten, eine Welt, in der Gedanken und Antworten wohlüberlegt und elaboriert waren. Es ist eine Welt, in der das Kino noch Variete und Zirkusattraktion war, in der Geistestiefen, wie wir sie hier vorfinden, vom jungen Medium Film noch nicht aufgegriffen wurden. Dass Eine dunkle Begierde diese Welt wieder auferstehen lassen kann, ohne sich im Kitsch eines Kostümfilms zu verlieren, macht ihn zu einer beeindruckenden Kino-Erfahrung.

Eine dunkle Begierde – Pressespiegel auf film-zeit.de 


Eine dunkle Begierde / A Dangerous Method
R: David Cronenberg
D: Viggo Mortensen, Keira Knightley, Michael Fassbender
B: Christopher Hampton
Kanada / Deutschland / Großbritannien / Schweiz 2011 99 Min.
Verleih: Universal
FSK  12