Seite auswählen
Hinter der Fassade der glücklich Vermählten tragen die Rose und der Löwe ihre Machtkämpfe aus. Die spektakulärsten Gefechte in GAME OF THRONES finden nicht auf dem Schlachtfeld statt, sondern am eigenen Hof. © HBO

Hinter der Fassade der glücklich Vermählten tragen die Rose und der Löwe ihre Machtkämpfe aus. Die spektakulärsten Gefechte in GAME OF THRONES finden nicht auf dem Schlachtfeld statt, sondern am eigenen Hof. © HBO

Mit THE LION AND THE ROSE schließt die Exposition der vierten Staffel GAME OF THRONES. Die Episode war in vielerlei Hinsicht ein Weichensteller: Jenseits der Mauer ist sich Bran über den Kurs seiner weiteren Reise sicher geworden, der anstrengende Plot zwischen Theon und seinem Folterer Ramsay hat endlich seinen Weg zur Haupthandlung gefunden und der Fingerzeig einer sterbenden Hauptfigur weist die Richtung für die kommenden Verwicklungen in King’s Landing. In einem grandiosen Zusammenspiel aus Drehbuch (George R.R. Martin selbst), Regie (Alex Graves) und dem Schauspieler-Ensemble erinnert THE LION AND THE ROSE darüber hinaus den Zuschauer daran, worin die wahren Stärken der Serie liegen – nicht im visuellen Effektfeuerwerk, sondern dem nuancierten Charakterspiel.

Martins Herangehensweise an die Dramaturgie der Folge vereint die zwei konträren Erzählweisen der Serie: Die erste Hälfte von THE LION AND THE ROSE besteht aus dem üblichen Springen von Schauplatz zu Schauplatz; die Entwicklungen der Charaktere und das Voranschreiten der jeweiligen Handlungsstränge verdichten sich in pointiert geschriebenen und ausgespielten Szenen. Der zweite Teil der Folge dagegen konzentriert sich nur auf einen Handlungsort und lässt die Figuren in Haupt- und Nebenschauplätzen miteinander kollidieren. THE LION AND THE ROSE beweist, dass die Komplexität der Narration – eine der Hauptattraktionen von GAME OF THRONES – sich nicht aus der Vielfalt der Handlungsorte ergibt, sondern allein dem sorgsam geknüpften Strickwerk aus Figuren und Konflikten.

Reek, Reek, rhymes with weak: In der Rasur-Szene aus THE LION AND THE ROSE verdeutlicht sich Theons schaurige Verwandlung in Ramsays Haustier. © HBO

Reek, Reek, rhymes with weak: In der Rasur-Szene aus THE LION AND THE ROSE verdeutlicht sich Theons schaurige Verwandlung in Ramsays Haustier. © HBO

Die ganze dritte Staffel über war Theon Greyjoy in einem dunklen Raum an ein Kreuz gefesselt und der sadistischen Folter eines unbekannten Peinigers ausgesetzt. „Warum tut er mir das an?“, fragte sich Theon. „Warum muss ich dem zusehen?“, fragte sich der Zuschauer. Die Auflösung, dass es sich bei dem Peiniger um Ramsay Snow, dem Bastardsohn von Roose Bolton, handelt, gab auch keine zufriedenstellende Antwort darauf, warum man Theons Kastration beiwohnen musste. In THE LION AND THE ROSE führten die scheinbar sinnlosen torture porn-Eskapaden von GAME OF THRONES nun auf ein Ergebnis hin. Theons Marter hatte die Auslöschung seiner Persönlichkeit zum Zweck – nicht physisch, sondern psychisch. Theon Greyjoy ist gebrochen. Das, was von ihm übrig ist, hört auf den Namen Reek und gehorcht Ramsay aufs Wort. Ramsays Macht über sein neues Haustier ist groß: Selbst mit der Rasierklinge am Hals seines Herrchens ist Reek unfähig, sich gegen Ramsay zu erheben. Zu tief sitzt die Angst, zu tief der Schmerz. Ein starkes, weil schreckliches Bild – doch hat man dafür die Folter in der dritten Staffel sehen müssen?

Theons Erzählstrang verwebt sich mit anderen Handlungsfäden. Als gebrochener Reek erzählt er Roose Bolton, dass Bran und Rickon Stark noch am Leben sind. Daraufhin schickt der neue Warden of the North seinen Schergen Locke auf die Fährte der Stark-Jungen – und lässt seinen Bastardsohn zusammen mit dessen Haustier auf die Ironborn im Norden los. Während Theon seinen Weg zurück zur Hauptgeschichte gefunden hat, scheint sich Bran Stark auf seinem Weg in den Norden immer mehr von den Geschehnissen in Westeros zu entfernen. Seit er Winterfell verlassen hat, schaut man Bran dabei zu, tiefer in die Wildnis zu ziehen, seine neuen Fähigkeiten als Warg auszubauen sowie hin und wieder von einer dreiäugigen Krähe heimgesucht zu werden. Brans Erzählstrang ist auf Langfristigkeit angelegt. Einzig das Versprechen einer großartigen Auflösung hält das Interesse des Zuschauers an dieser momentan eher sich dahinziehenden Nebenhandlung am Leben. In THE LION AND THE ROSE verdichtet sich dies in Brans Visionen, die ihn dazu verleiten, noch weiter in den Norden zu ziehen: Der Eiserne Thron umhüllt in Schnee, Schatten von Drachenschwingen über King’s Landing. Nicht von ungefähr muss man an Danys Besuch im House of the Undying aus VALAR MORGHULIS denken. Unweigerlich stellt sich die Frage, was zuerst eintrifft: Wintereinbruch und Invasion der White Walker, Danys Ankunft in Westeros oder Brans Auffinden der dreiäugigen Krähe.

There is only one hell… the one we live in now

Familienfest als Schlachtfeld: Auf Joffreys Hochzeit werden latente und offene Konflikte ausgetragen. Das freudige Ereignis, welches nicht nur zwei junge Menschen, sondern auch zwei Häuser zusammenbringen soll, wird zum Ausdruck von Zwietracht, Hass und Verrat. © HBO

Familienfest als Schlachtfeld: Auf Joffreys Hochzeit werden latente und offene Konflikte ausgetragen. Das freudige Ereignis, welches nicht nur zwei junge Menschen, sondern auch zwei Häuser zusammenbringen soll, wird zum Ausdruck von Zwietracht, Hass und Verrat. © HBO

Der Löwe und die Rose. Der Titel der Episode bezieht sich auf die Vereinigung der Lannisters mit den Tyrells, manifestiert in der Hochzeit von König Joffrey und Margaery Tyrell, welche die zweite Hälfte der Folge einnimmt. Unter den Fans als Purple Wedding bekannt, steht Joffreys Hochzeitsfeier in direkter Korrespondenz zu Robbs Roter Hochzeit aus der dritten Staffel, von der sich langsam zur Katastrophe hin steigernden Spannungsdramaturgie bis zum fatalen Ausgang selbst. Ein Schluck aus einem Weinbecher hat genügt und die Mächtigsten der Sieben Königreiche mussten hilflos mitansehen, wie ihr König auf der Spitze seiner Überheblichkeit einen grausigen Erstickungstod stirbt. Die tödlichste Waffe in Westeros ist weder Schwert noch Zauber noch Drache, sondern Verrat.

Joffreys Hochzeitsfeier ist der erste Höhepunkt der vierten Staffel – und neben Neds Hinrichtung und der Roten Hochzeit ein weiterer Meilenstein der Serie. Sie stellt einen wichtigen Knotenpunkt der Geschichte dar, der im Zusammenlaufen verschiedenster Erzählstränge das bisher Geschehene rekapituliert und Ausblicke gibt auf kommende Entwicklungen. Die von den Serienschöpfern Benioff und Weiss angedeutete Kontraktion des Erzähluniversums nimmt konkrete Gestalt an. So trifft Prinz Oberyn Martell auf Tywin Lannister, unter dem Mantel der Höflichkeit tauschen sie ihre gegenseitige Verachtung und einige Drohungen aus. Cersei entdeckt in einem Wortwechsel mit Brienne, dass zwischen der Lady von Tarth und ihrem geliebten Bruder Jaime eine besondere Verbindung besteht – die sie in ihrer Eifersucht als Liebe interpretiert. Königin Margaery verfügt, dass die Reste des Festessens an die Ärmsten in King’s Landing verteilt werden, und fordert dadurch Cersei heraus, die ihre Macht durch die junge Rose bedroht sieht.

Ein letztes Mal darf sich Joffrey von seiner schlimmsten Seite zeigen, bevor er den Zuschauer mit seinem abrupten Ableben beglückt. © HBO

Ein letztes Mal darf sich Joffrey von seiner schlimmsten Seite zeigen, bevor er den Zuschauer mit seinem abrupten Ableben beglückt. © HBO

Etwas später sitzen sie alle versammelt und wohnen Joffreys diplomatischem Ungeschick bei, der mit seiner geschmacklosen Re-Inszenierung des Krieges der Fünf Könige durch kleinwüchsige Schausteller seine Festgesellschaft gehörig vor den Kopf stößt – einzig Cersei und Tywin können über seine bösen Scherze lächeln. Joffrey badet in Überheblichkeit, nach dem Rundumschlag, der den Tyrells wie auch Sansa einen tiefen Schlag ins Gesicht versetzt, wird Tyrion sein nächstes Opfer. Wieder einmal demütigt der König seinen Onkel vor großem Publikum. Doch ist diese Auseinandersetzung anders als zuvor. Margaery versucht, die Situation geschickt zu entschärfen, doch ohne Erfolg. Joffrey überspannt den Bogen, aus sadistischem Spiel wird bald tödlicher Ernst. Die Stimmung kippt, alles verstummt, eine Spannung liegt in der Luft, die ahnen lässt, dass etwas Scheußliches passieren wird.

Schließlich fällt der entscheidende Schlag. Joffrey beginnt zu husten, zu würgen, zu ersticken. Er stürzt zu Boden, windet sich krampfhaft, sein Kopf läuft blau an, Blut fließt aus Nase und Augen, bis er sich nicht mehr regt – Joffrey Baratheon ist tot. Vergiftet auf seiner eigenen Hochzeit. Aber wie? Und von wem? Cersei lässt auf einen letzten Fingerzeig des Toten hin Tyrion festnehmen. Doch war er nicht der einzige, der den todbringenden Weinkelch in der Hand hatte. Sansa hob ihn auf, als er von Joffrey zu Boden geworfen wurde, Margaery nahm ihn kurz in die Hand, als Joffrey ihn zum Anschneiden der Hochzeitstorte abstellte. Andeutungen, Hinweise und falsche Fährten verwischen die Spuren des wahren Mörders. Die entscheidende Frage ist jedoch nicht, wer für Joffreys Tod verantwortlich ist, sondern wie sein Tod die Figurenkonstellation in King’s Landing auf den Kopf stellen wird. Wieder einmal sind im Augenschlag einer Sekunde die Karten neu gemischt. Äquivalent zur aufgeschnittenen Kehle von Catelyn Stark in THE RAINS OF CASTAMERE endet THE LION AND THE ROSE mit Joffreys verzerrtem Gesicht. Statt Bestürzung überfällt den Zuschauer allerdings eine schaurige Freude. Einer weniger, hört man sich murmeln und erschreckt nicht vor dem Anblick eines gewaltsam verstorbenen Teenagers, sondern eher über das böse Lächeln, mit dem dieser Anblick einen zurücklässt.

 

Andere Gedanken:
* Stannis‘ Handlungsstrang in Dragonstone gab außer einem Auftritt seiner fanatischen Frau Selysa und seiner fantastischen Tocher Shireen nicht viel her. Der Zuschauer wurde noch einmal an die Grausamkeit des fundamentalistischen R’hllor-Kultes erinnert. Neben seiner manischen Gemahlin, die voller Freude ihren Bruder auf einem Scheiterhaufen für dessen Unglauben brennen sah, kommt Stannis tatsächlich sympathisch rüber.
* Ich kann es kaum erwarten, mehr von den Trainingssituationen zwischen Bronn und Jaime zu sehen. Zwar hat Jaime Bronns Stillschweigen gekauft, aber das lose Mundwerk des Söldners wird er während der Unterrichtsstunden nicht abstellen können.
* Am Hof von Dreadfort, der Sitz der Boltons, scheint Sadismus zum Einstellungskriterium zu zählen: Ramsays Bettgefährtin Myranda, die in THE BEAR AND THE MAIDEN FAIR Theons Kastration beiwohnte, beweist bei der Menschenjagd zu Beginn der Folge eine ähnliche Grausamkeit wie ihr Meister; bei seiner Rückkehr teilt Locke mit Ramsay seine Freuden an der Verstümmelung des Kingslayers aus WALK OF PUNISHMENT. Was will man auch erwarten bei einem Haus, das einen gehäuteten Mann als Banner führt.
* Nach der nicht ganz unumstrittenen Neubesetzung von Daario Naharis hat nun eine weitere Figur in Westeros ein neues Gesicht: Tommen. Mit Joffreys Tod dürfte der Eiserne Thron nun ihm zufallen. Ob es ein gutes Zeichen ist, dass Dean-Charles Chapman, der neue Darsteller von Tommen, weniger wie das freundliche, leicht pummelige Kind aus den Büchern aussieht, sondern mehr wie eine jüngere Version von Joffrey?
*Mace Tyrell, Lord von Highgarden, hatte in THE LION AND THE ROSE seinen ersten Auftritt – und er scheint wirklich der Trottel zu sein, den seine Mutter Olenna in ihm sieht.
* Tyrion steht ganz schön allein da: Seine Frau Sansa ist mit Ser Dontos geflüchtet, seine Geliebte Shae hat er kurz zuvor aus der Stadt geschickt und selbst Varys scheint ihm die Gefolgschaft zu kündigen.
* Joffreys Kontemplation der Vergangenheit erwies sich als bösartige, aber dennoch gut ausgearbeitete Burlesque-Show. Die Teilnehmer des Krieges der Fünf Könige waren mit vielsagenden Kostümen durchaus pointiert dargestellt und von den kleinwüchsigen Schauspielern derb ausgespielt. Ob man die auch für andere Hochzeiten buchen kann?