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Erste Preise in Venedig

von | Sep 12, 2015 | Venedig 2015 | 0 Kommentare

Emin Alpers ABLUKA, EL CLAN von Pablo Trapero und der brasilianische „Orrizonti“-Film MATE-ME POR FAVOR von Anita Rocha Da Silveira gewinnen bei den unabhängigen Filmkritiker;

Alexander Sukourov gewinnt bei der „Fedeora“;

Bellochio bei der Fipresci

Die Mostra de Cinema von Venedig neigt sich dem Ende zu. Nach elf Tagen Wettbewerb werden am Samstagabend die Goldenen und Silbernen Löwen sowie weitere Preise vergeben.
Allererste Preise gibt es aber schon am Freitag: Vor allem der Preis der Unabhängigen Filmkritik, der „Bisato de Oro“, der zum neunten Mal vergeben wurde. Als „Premio Maleti“ gegründet von unserem Lieblingswirt auf dem Lido, Claudio Maleti, der leider vor vier Jahren kurz nach der Mostra verstarb. Seitdem wird er im Bar-Restaurant „Da Tiziano“ vergeben.

Nachdem ich (soviel Eitelkeit muss ich mir erlauben), letztes Jahr selbst mit VON CALIGARI ZU HITLER einen der Preise gewonnen hatte, darf ich in diesem Jahr wieder selber in der Jury aus internationalen Kritikern sitzen. Deren Präsident ist ausnahmsweise nicht Josef Schnelle, der diesmal leider nicht nach Venedig kommen konnte – und den wir von hier aus von Herzen grüßen, und hoffen, er liest das alles auch.

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Der Hauptpreis „Bisato de Oro“ ging in diesem Jahr einmal an das argentinische Kino als Ganzes – denn seit Jahren gab es immer wieder großartige Filme aus diesem Land, divers und faszinierend. Voller Geheimnisse erzählen uns argentinische Filme von Geistern und Monster, von den Untoten aus Vergangenheit und Zukunft, so wie in diesem Jahr Pablo Traperos abgründiger Film EL CLAN.

Das das argentinische Kino auch eine Geschichte hat, interessiert vielleicht in Deutschland nur wenige, in Italien dafür um so mehr: 2016 wird das Argentinische Kino nämlich mit einer großen Schau im Festival „Cinema Ritrovato“ in der Cineteca di Bologna geehrt werden. Und schon in diesem Jahr gab es darauf einen Vorgeschmack mit der Weltpremiere der restaurierten Version des argentinischen Klassikers: APENAS UN DELINCUENTE von Hugo Fregonese. Darum wurde der Preis Paula Felix Didier überreicht, der Direktorin des Filmmuseums von Buenos Aires. Sie war es, die 2010 in einer der Filmrollen in ihrem Keller größere fehlende Teile von Fritz Langs METROPOLIS entdeckt hatte. Und natürlich an Violeta Bava, Produzentin und leitende Mitarbeiterin des Filmfestivals von Buenos Aires, BAFICI. Violeta ist nicht nur seit Jahren eine gute Freundin, sie ist seit vier Jahren auch die Beraterin der Mostra von Venedig für Lateinamerika. Insofern erlebt sie hier in diesem Jahr das Highlight ihrer bisherigen Tätigkeit: Mit zwei Latino-Wettbewerbsbeiträgen, darunter einem aus Argentinien, sowie weiteren tollen Filmen aus Brasilien (s.u.), Mexiko und Chile ist sie diesmal die „Mutter der Kompanie“ so vieler Filme, wie noch nie.

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Der Preis der Unabhängigen Filmkritik für die beste Regie ging an Emin Alper für seinen Film ABLUKA, über den wir neulich geschrieben hatten: Für seine Fähigkeit, uns in intensiver Filmsprache eine fragmentierte Gegenwart zu zeigen. Alpers Regie legt die innersten Gefühle seiner Figuren mit Transparenz und Ernst frei.

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Der Preis für die Besten Schauspieler ging an das Ensemble des tollen brasilianischen Films MATE-ME POR FAVOR von Anita Rocha Da Silveira, an Valentina Herszage, Mari Oliveira, Júlia Roliz, Dora Freind, die in einem großartigen Debüt-Auftritt vier Teenager und lost not so little girls spielen, die unsere schöne brutale Welt entdecken. In der Jury-Begründung heißt es: „The Art of Acting is nothing without a good director. But one can never be a good director without actors who understand their roles, and who have the ability to show it in front a movie-camera. We can see it in this film. The jury choose to give the price to a whole ensemble of the main-actresses of the brazilian „Orrizonti“-film MATE-ME POR FAVOR by Anita Rocha Da Silveira.“

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Weitere Preise gingen an die italienische Filmkritikerin Laura Delli Colli (für die „Beste Interpretation des Geistes des Lido“): „She never forgets that a festival is more than just cinema. She also interprets cinema through the poetry of food, in line with the exquisitely Italian idea that culture should be loved without distinctions or limits.“

Und an den Koch Loris Gabrieli. Der hatte einst in Tokio gekocht, später mit Yoko Ono eine Kochperformance veranstaltet, und wurde von Oreste Lionello als „chefferone“ bezeichnet. Ein Stück Lido-Identität.

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Während der Preisverleihung bekamen wir unerwarteten Besuch: Nämlich von der persischen Schauspielerin Niki Karimi. Reiner Zufall, dass sie vorbeikam – aber da wir seit Jahren miteinander bekannt sind, und uns immer wieder mal irgendwo auf der Welt treffen, blieb sie gleich stehen, und trank ein Glas mit uns. Begleitet wurde Karimi von Vahid Jalilvand, dem Regisseur ihres Films WEDNESDAY, MAY 9, der in „Orrizonti“-Sektion den Fipresci-Preis und den INTERFILM Award gewonnen hatte. In der Wettbewerbssektion gewann beim bekannten internationalen Kritikerverband SANGUE DEL MIO SANGUE von Marco Bellocchio.

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„Fipresci“ und „Fedeora“ repräsentieren die übrige, mal mehr und mal weniger unabhängige internationale Filmkritik. Die „Fedeora“, die „Federation of Film Critics of Europe and the Mediterranean“ ist eine Abspaltung von Dissidenten des „Fipresci“. Im Mai 2010 gründete sich diese Gruppe internationaler Filmkritiker, der ein paar durchaus bekannte Kollegen angehören. Die vierköpfige Jury vergab bei der diesjährigen Mostra sechs Preise. Im Wettbewerb gewann FRANCOFONIA und bestätigt damit seine Favoritenrolle bei den meisten Kritikerin. „FRANCOFONIA is a complex film exploring themes of European culture in a challenging, sometimes confrontational, but always poetic voice.“ lautet die Begründung. Da kann ich nicht widersprechen. Den Satz allerdings hätte man so aber auch über geschätzte 15 andere Filme schreiben können.
In den „Gionate degli autori“ zeichnet man UNDERGROUND FRAGRANCE vom Chinesen Pengfei als besten Film aus, Ruchika Oberoi für ISLAND CITY als besten Regisseur, und Ondina Quadri für ARIANNA als bestze Schauspielerin.
Und in der „Settemana“, die diesmal im Gegensatz zum letzten Jahr am unauffälligsten blieb, KALO POTHI von Bahadur Bham Min als besten Film, und Benthey Deans Kamera bei TANNA.

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Es gibt ansonsten eine unglaubliche Menge anderer „Collateral Awards“. Man kann sie auf der Website nachlesen. In ihrer Gesamtheit sind sie oft ein ganz gutes Barometer für die Hauptpreise am Samstag. Ganz viele Preise gingen an NON ESSERE CATTIVO von Claudio Caligari, der offenbar der beste italienische Film ist, und den ich noch nicht gesehen habe. Immerhin zwei Preise für den Dokumentarfilm im Wettbewerb, BEIXI MOSHUO (BEHEMOTH) vom Chinesen Liang Zhao. Ebenso zwei Preise an FRANCOFONIA und der „Human Rights Nights Award“ an RABIN, THE LAST DAY von Amos Gitai.
Der besonders schöne „Brian Award“ für den religions- und kirchenkritischsten Film des Festivals ging an SPOTLIGHT von Thomas McCarthy.

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