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Erzsébet mit ihrem Sohn in Bathory. Copyright: EuroVideo

Bis zum heutigen Tag streiten die Historiker darüber, ob Gräfin Erzsébet / Elisabeth Bathory (1560 – 1614) eine der grausamsten Serienmörderinnen der Geschichte war, die bis zu 650 junge Mädchen und Frauen getöteten hat, oder ob die meisten Anschuldigungen gegen sie durch eine politische Intrige entstanden, die zum Ziel hatte, die unabhängige und wohlhabende Witwe zu entmachten.

Natürlich erfuhr die Legende neben zahlreichen literarischen Verarbeitungen auch diverse filmische Umsetzungen. Darunter hauptsächlich Gruselfilme wie Countess Dracula (1970). Eine der bekanntesten Versionen mag Walerian Borowczyks Unmoralische Geschichten (1973) sein, in dessen dritter Episode Paloma Picasso mit vielen Jungfrauen erotische Spiele und Blutbäder teilt. In den letzten Jahren findet sich der Stoff als Ausgangspunkt für eher nicht gelungene Teenie-Horror-Geschichten, zum Beispiel Stay Alive (2006) aus den USA und der deutsch-ungarische Metamorphosis (2007). Allerdings widmeten sich auch zwei europäische Großproduktionen dem Mythos. Julie Delpys deutsch-französische Koproduktion Die Gräfin / The Countess (2009) feierte bei der Berlinale 2009 Premiere. Doch schon gut ein halbes Jahr vorher war Bathory (2008) von Juraj Jakubisko auf dem Karlovy Vary Film Festival gezeigt worden und startete wenig später in Tschechien und der Slowakei im Kino, wo er in Zusammenarbeit mit Großbritannien und Ungarn produziert wurde. Während Die Gräfin in Deutschland eine Kinoauswertung erfuhr, ist Bathory erst jetzt im Zuge der DVD-Veröffentlichung in Deutschland zu sehen. Da die Filme so zeitnah erschienen und beide versuchen, das Thema fernab von den bisher eher üblichen Horror- oder Erotikausschlachtungen zu behandeln, scheint ein Vergleich der beiden Werke interessant.

Julie Delpy als Erzsébet in Die Gräfin. Copyright: X-Verleih

Zunächst ist auffällig, daß die Herangehensweise einige frappierende Ähnlichkeiten aufweist. Beiden Filmen steht eine Exposition voran, die die Kindheit und Entwicklung von Erzsébet zeigt. Dem Umstand, daß große Uneinigkeit über die historische Wahrheit besteht, begegnen beide Filme zunächst durch das naheliegende Mittel, die Geschichte als rückblickende Erzählung einer Person darzustellen. Die Gräfin wird von Istvan Thurzo (Daniel Brühl) an ihrem Grab stehend erzählt, der einst für kurze Zeit ihr jugendlicher Liebhaber war und große Bedeutung für sie hatte. In Bathory ist es ein alter Mönch, der seine Erinnerungen und Nachforschungen über Erzsébet niederschreibt. So werden beide Filmhandlungen zu subjektiven Erinnerungen und umgehen damit möglich Vorwürfe und Schwierigkeiten beim Anspruch, die Vergangenheit wahrheitsgemäß zeigen zu wollen. Auf der anderen Seite wird somit schon in der Erzählhaltung des Films die Legendenbildung thematisiert. In diesem Zusammenhang ist ein Satz entscheidend, den erstaunlicherweise beide Erzähler in ihrer Einführung zitieren: „Geschichte wird von den Siegern geschrieben.“. Zweifel an der Wahrheit der Legende wird also in beiden Filmen laut. Noch deutlicher als Die Gräfin beinhaltet Bathory in der Exposition den Hinweis auf die historische Wahrheit. Die ersten Einstellungen zeigen die Ruine der Burg Cachtice, wo Erzsébet lebte und angeblich ihre Verbrechen begangen haben soll. Schnell überfliegt die Kamera das Gemäuer, Schnitte zeigen es aus vielen verschiedenen Perspektiven, wie auch Erzsébets wahre Person seit jeher aus vielen verschieden Blickwinkeln gesehen wird. Dann folgen Aufnahmen des zerfallenen Burginneren, durch die ein Rabe fliegt. Während der Vogel die nächsten Räume durchquert, haben diese wieder ihre frühere Gestalt. Kein Mensch kann den Übergang zwischen den Zeiten schaffen, dieser liegt fern ihrer Kraft und ihrer Einsicht, kann höchstens von anderen, mythischen Mächten, symbolisiert durch den Raben, bewerkstelligt werden. So können auch die Filme nur Geschichten, doch keineswegs historische Wahrheit sein.

Nun könnte der zitierte Satz die Vermutung wecken, daß beide Filme eine Rehabilitation der historischen Figur der Gräfin versuchen. Doch trotz dieser anfänglichen Ähnlichkeiten unterscheiden sie sich ansonsten stark in Figurenzeichnung und filmischem Stil.

Bathory strahlt zunächst recht viel Reenactment-Charme aus. Die kleine Erzsébet wird schon als Kind mit Ferenc Nadasdy verlobt, ihre kindliche Freundschaft entwickelt sich schnell zu Liebe. Auch erhält sie die klassische Erziehung mit Spinett spielen und Ratschlägen ihrer Mutter die Ehe betreffend. In Die Gräfin wird Erzsébet ebenfalls mit dem älteren Nadasdy verlobt, doch wird sie schon als Kind vor allem von sehr jungen Männern, auch Säuglingen, angezogen. Schon der Übergang von Exposition zu Filmhandlung wird über die Überblendung von Erzsébets Grab auf einen Säugling, hier sie selbst, vollzogen. Als Kind wird ihr vor allem Furchtlosigkeit und Erbarmungslosigkeit gelehrt. So finden sich in Delpys Film wenig bunte Festlichkeiten mit Musik und ausgelassener Freude, als Unterhaltung werden Hinrichtungen angeboten. Es wird deutlich gemacht, daß die Erzsébet in Die Gräfin in einer Welt aufwächst, wo sie ständig von Tod und Verfall umgeben ist. Auch erfährt sie sehr früh Verlust und Fremdbestimmung, als sie als Jugendliche schwanger wird und ihr der neugeborene Sohn weggenommen wird, um ihre Schande zu vertuschen. So fügt Erzsébet (Julie Delpy) sich als Erwachsene in die Heirat mit Nadasdy und erfüllt ihre Aufgabe als Ehefrau, Mutter ihrer drei Kinder und Verwalterin des Haushalts während ihr Mann sich auf seinen langen Kriegszügen befindet äußerst gewissenhaft, sodaß bald selbst der König hoch in ihrer Schuld steht. Während Die Gräfin immer sehr nah bei der Hauptfigur bleibt, zeigt Bathory auch die Schlachten, in denen Erzsébets Ehemann gegen die einfallenden Türken kämpft. Nadasdy ve
rändert sich durch seine Kriegserlebnisse zunehmend und vergewaltigt eines Nachts volltrunken seine hochschwangere Frau (Anna Friel), die daraufhin ihren Sohn verliert. So muß sich auch die Erzsébet in Bathory dann mit dem Verlust ihres Kindes auseinandersetzen und ihre zunächst heile Ehewelt bekommt Brüche.

Anna Friel als Erzsébet in Bathory. Copyright: EuroVideo

In Die Gräfin steht recht früh in der Filmhandlung Nadasdys Tod, durch den Erzsébet die alleinige Verantwortung über ihr Land, ihr Vermögen und ihre Soldaten erhält. Auf einem Fest lernt sie den 21-jährigen Istvan kennen, Sohn ihres Widersachers Thurzo (William Hurt), mit dem sie eine Liebesaffäre beginnt. Sie ist vor allem von seiner Reinheit, Ehrlichkeit und Unschuld fasziniert. Doch auch er verliebt sich in die beinahe 40-jährige Gräfin. Allerdings verhindert sein Vater ein Wiedersehen der Liebenden, wodurch Erzsébet in tiefem Liebeskummer zergeht. Dem Wahnsinn nahe, steigert sie sich immer mehr in die Vorstellung hinein, der junge Istvan habe sie verlassen, da sie alt sei. Der Film verdeutlicht ihr falsches Selbstbild dadurch, daß ihr Spiegelbild, als sie sich betrachtet, viel älter als in Realität erscheint. Durch Zufall spritzt einmal etwas Blut einer Magd auf ihr Gesicht, als sie diese im Zorn züchtigt. Erzsébet bildet sich von nun an ein, daß das Blut einer Jungfrau ihre Haut jünger macht. Gegen den Rat ihrer langjährigen Vertrauten Darvulia, die zwar als Hexe verschrien wird, aber eigentlich als Heilerin tätig ist und Erzsébet liebt, läßt die Gräfin fortan von ihren Dienern Jungfrauen in ihre Burg bringen. Diese werden durch immer effektivere Methoden ausgeblutet, damit Erzsébet sich das Blut auf die Haut auftragen kann. Bald verbreiten sich die Gerüchte im Land und ihre Widersacher, allen voran Thurzo, der an ihren Besitz gelangen will, verwenden Erzsébets Treiben, um sie aus dem Weg zu räumen.

Auch die Erzsébet in Bathory verliebt sich in einen jungen Mann, allerdings noch zu Lebzeiten ihres Mannes. Es handelt sich dabei um den italienischen Maler Merisi, der sich Caravaggio nennt, und auf der Flucht aus Italien zunächst von den Türken und dann von Nadasky gefangengenommen wird. Auf Cachtice soll er ein Gemälde von Erzsébet anfertigen. Caravaggio lebte wirklich ungefähr zur selben Zeit wie die Gräfin Bathory, doch war er wohl nie im damaligen Ungarn, auch seine Flucht aus Rom, die er wirklich antreten mußte, nachdem er einen Mann erschlagen hatte, ereignete sich erst einige Jahre später. Caravaggio steht für einen neuen Stil in der Malerei, seine Gemälde verfügten über eine völlig andersartige Bildgestaltung und verknüpften auf bisher ungeahnte Weise das Sakrale mit dem Profanen. Die Einbindung dieser weiteren historischen Person in die Legende der Gräfin, kann verschiedentlich gedeutet werden. Zum einen ranken sich auch um den Maler viele Gerüchte, unter denen die Wahrheit ebenfalls für immer im Unklaren bleiben wird. Somit werden hier die Situation der Erzsébet Bathory und überhaupt der Umgang mit historischer Wahrheit in Geschichten und Filmen im Besonderen gespiegelt. Daß sich Erzsébet aber auch genau in diesen, sehr fortschrittlichen Künstler verliebt, verweist auf ihre eigene Fortschrittlichkeit, die sich hauptsächlich in ihrem emanzipierten Auftreten zeigt. Caravaggio hält Erzsébet in seinem Gemälde fest. Als er die Geliebte verlassen muß, weil Nadasdy der Liaison auf die Spur zu kommen droht, wird es zum Bezugspunkt der Gräfin, die Angst hat vor dem Auseinanderbrechen ihrer Welt. In diesem Moment führt der Film Darvulia ein. Ein gewaltiger Unterschied zu Delpys Film besteht nun darin, daß die Frau hier wirklich magische Kräfte hat. Sie vermag es, der Gräfin für zehn Jahre Schönheit und Glück zu schenken, sie bekommt sogar noch einen Sohn mit Nadasdy. Doch nach dieser Zeit stirbt ihr Ehemann und ihre Widersacher werden aktiv. Thurzo wird hier maßgeblich von seiner intriganten Ehefrau unterstützt, die Darvulia und die Gräfin entfremdet. Außerdem tut sie Erzsébet Gift ins Glas, weshalb sie kaum bei Sinnen eine Dienerin ermordet. Dies ist allerdings die einzige Gewalttat, die Erzsébet in Jakubiskos Film begeht. Alles andere wird ihr von Thurzo angedichtet, so sind die Blutbäder in Wahrheit nur durch rote Kräuter gefärbt.

Traumsequenz in Bathory. Copyright: EuroVideo

Interessant ist, daß der Film dem Zuschauer erst spät die Wahrheit zeigt. Lange wird er über den Charakter der Gräfin und ihrer Vertrauten im Zweifel gelassen. Ein weiteres irritierendes Moment sind die Traumsequenzen, die Erzsébets Sehnsucht nach Caravaggio verdeutlichen, aber sich auch mit Erinnerungen an ihren Ehemann mischen, und die Farb- und Proportionsveränderungen der Bilder, die einsetzen, wenn magische Kräfte illustriert werden sollen. An einigen Stellen sind diese Effekt und Szenen nicht eindeutig zu verstehen und erzeugen so Unsicherheit beim Zuschauer. Der Film, der eigentlich durch seine Optik und seine Inszenierung der Feste und Schlachten, zunächst wie ein auf möglichst große Massenkompatibilität ausgerichtetes Historienspektakel wirkt, beweist hier eine erstaunlich große Bandbreite bei der somit keineswegs oberflächlichen Behandlung der Geschichte. Dies verdeutlichen auch die schon erwähnten selbstreferenziellen Momente. Der alte Mönch, der später die Geschichte erzählt und zunächst nach Cachtice gesandt wurde, um für die Kirche die Gerüchte über die Gräfin zu untersuchen, betätigt sich auch als Erfinder. Neben einer Frühform von Rollschuhen führt er eine Art Kamera mit sich. Als er in die Burg eindringt, nimmt er damit die Gräfin in ihrem roten Bad auf. Später muß er feststellen, daß in der Wanne kein Blut ist. Auf der Kamera aber sind nur die offensichtlichen Bilder festgehalten, sie zeigen nicht die eigentliche Wahrheit. Jede Form der Verbreitung einer Tatsache kann nicht die vollständige Wahrheit einfangen. Erzsébet stellt dies später selbst fest, als sie Caravaggios Gemälde von ihr nach dessen Tod verbrennt. Sie weiß, daß nicht einmal dieses Porträt sie selbst, ihre Schönheit, ihre Realität erhalten kann. Das einzige von Erzsébet bekannte Abbild ist ein Gemälde, das sie mit 25 Jahren zeigt. Vor der Zeit ihrer angeblichen Greueltaten angefertigt, zeigt es einfach eine normale Edelfrau, für heutige Begriffe nicht übermäßig schön, und vermag uns keinen Anhaltspunkt zur Ergründung der dahinterstehenden Persönlichkeit und ihrer weiteren Entwicklung geben.

Das einzige erhaltene Porträt von Erzsébet Bathory

Die Erzsébet in Bathory kann zu dieser Erkenntnis kommen und wird nicht zur Mörderin ob einer vermeintlichen Rettung ihrer Jugendlichkeit und vor dem Verfall, weil sie an eine größere Wahrheit glaubt. Durch die Figur der Darvulia baut der Film ja auch direkt den Verweis auf eine Welt jenseits dieser irdischen, die vom Tod und Verlust bestimmt wird. Auch Caravaggios erwähnter Umgang mit sakralen Motiven trägt zu dieser Interpretation bei. Der Glauben an eine Zukunft, in Form ihres Sohnes, und vor allem der Glaube an einen Gott, bewahrt Erzsébet hier vor dem Wahnsinn. Anders in Die Gräfin: Am Ende, als Strafe für ihre Vergehen für immer in ihrer Kammer eingemauert, wird klar, daß diese Erzsébet eben schon früh den Glauben an diese höhere Macht verloren hat. Sie hat zeit ihres Lebens immer nur Tod und Verwesung um sich herum gesehen. Einziger Anker war Istvan, doch als dieser sich angeblich von ihr wandte, konnte sie den sie umgebenden Verfall und die Auflösung, in der ihre Welt anscheinend begriffen war, nicht mehr ertragen und begründete ihre eigene, grausame Heilslehre. Diese unterschiedliche Haltung der Filme und ihrer Hauptfiguren markiert also den grundlegenden Unterschied zwischen den Werken.

So zeigen die Filme die zwei Seiten der Gräfin, einmal die Mörderin, auf der anderen Seite die von ihren Gegnern besiegte, unabhängige Frau. Allerdings bleibt sie in beiden Filmen ambivalent, wodurch die Filme eine zu einseitige Zeichnung der Figur geschickt umgehen.

 Die Gräfin kurz vor der Einmauerung. Copyright: X-Verleih
 

Julie Delpys Werk besitzt aufgrund seiner geschlossenen, nüchternen Inszenierung einen einheitlicheren Charakter. Auch liefert Julie Delpy in der Hauptrolle eine sehr eindrückliche Schauspielleistung ab. Zwar ist auch Anna Friel als Erzsébet in Bathory recht charismatisch, allerdings beinhaltet der um 40 Minuten längere Film sehr viele Ansätze und Ideen, die einerseits ein weitgefächertes Szenario liefern, aber leider teilweise untergehen beziehungsweise unverständlich bleiben. So wirkt der Film ambitioniert, doch leider in Teilen an seinem Anspruch gescheitert. Dennoch sind beide Filme sehenswerte Thematisierungen der Legende, die trotzdem noch Raum für weitere Beschäftigungen damit lassen. So darf sich das interessierte Publikum auf den für 2011 angekündigten Die Blutgräfin freuen, wo unter der Regie von Ulrike Ottinger nach Dialogen in Zusammenarbeit mit Elfriede Jelinek Tilda Swinton als Erzsébet Bathory und Isabell Huppert als ihre Zofe zu sehen sein werden.

Bis dahin sei aber zunächst die DVD von Bathory empfohlen, die am 10. Juni bei EuroVideo erschienen ist. Sie beinhaltet neben Trailer, Musikvideo und Bildergalerie ein sehr aufwendig produziertes Making of, in dem aber leider die teilweise nicht Englisch sprechenden interviewten Crewmitglieder nicht untertitelt sind.

Bathory – Die Blutgräfin / Bathory
R: Juraj Jakubisko
D: Anna Friel, Karel Roden, Vincent Regan, Franco Nero
Tschechien, Slowakei, Ungarn, Großbritannien 2008, 134 Min.
Copyright: EuroVideo

Veröffentlichung: 10.7.2010
Bildformat: 2,35:1
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Trailer, Making of, Musikvideo, Bildergalerie