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Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie unterschiedlich sich Dokumentationen mit ihrem Thema auseinandersetzen können. Mindestens einmal in der Woche findet sich eine Dokumentation über Prostituierte auf den einschlägigen Spartensendern RTL 2 und Vox im Nachtprogramm. Diese, schon fast zum Genre gewordene Art der Dokumentation zeigt das Business kalt und emotionslos und ist vielmehr an der Quote als an den Befindlichkeiten der Prostiuierten interessiert. Diese werden für den Film erneut prostituiert, ihre Lebensumstände ausgebeutet.

Die Dokumentation Frauenzimmer von Saara Alia Waasner zeigt, dass man mit dem Sujet auch anders umgehen kann. Einfühlsam und doch distanziert stellt sie nicht das Geschäft vor, sondern die Frau dahinter. Da wäre zum einen die 58-jährige Christel, die seit ihrer Scheidung vor acht Jahren als Prostiuierte arbeitet. Für sie ist die Prostiution Ausdruck eines veränderten Lebensgefühls, war sie doch jahrzehntelang für jegliche sexuelle Lust unempfänglich. Sex war für sie „Dienst am Ehemann“. Nun ist er Dienst am Kunden. Erst in ihrer zweiten Lebenshälfte hat sie gelernt Lust zu empfinden, Prostitution war ihr Weg diese auszukosten. Waasner hält die oberflächliche Widersprüchlichkeit von Christels Tätigkeit in grandiosen Bildern fest. Zwischen antiquierten Möbeln, auf denen sich ihre Hauskatze behutsam räkelt, geht sie ihrem Geschäft nach, empfängt Kunden, macht Termine aus. Sex bekommt der Zuschauer nicht zu sehen, sondern nur zu hören. Während die Kunden ihre Orgasmen erleben, blickt die Kamera tief in die aufmerksam hergerichteten Schlafzimmer der Damen. Waasner sucht in den Gesprächen mit den Frauen immer den Wendepunkt in ihrem Leben.

Der findet sich bei der 49-jährigen Paula noch in DDR-Zeiten. Nachdem ihr ein Bekannter aus dem Westen immer wieder Geld nach dem Sex zugesteckt hat, geriet sie in das Geschäft hinein. Inzwischen leitet sie ein Bordell in Berlin – aber nur so lange, bis sie das Geld für eine bessere Zukunft zusammen hat und ihren Lebensabend auf Bali oder in Thailand verbringen kann. Von allen drei Frauen ist Paula wohl die selbstreflektierteste. Den massiven Schicksalsschlägen, die sie in ihrem Leben erlebt hat, kann sie irgendwie doch noch eine positive Seite abgewinnen. Es bleibt dennoch kein Zweifel, dass der Schmerz vorhanden ist. Umso mehr ist es der jungen Regisseurin anzurechnen, dass sie diesen nie ausbeutet, ihre Protagonistinnen nie der unerbittlichen Kamera ausliefert. Mit ihrem unerschütterlichen Humor sorgt Paula in Frauenzimmer für die meisten heiteren Momente.

Unfreiwillig komisch hingegen sind die Szenen mit der 65-jährigen Domina Karolina. Diese lässt sich von ihrem Sklaven beim Schuhkauf begleiten und sich von diesem nach der Shoppingtour auf der Rikscha nach Hause fahren. Genau wie Christel erlebte Karolina nach der Scheidung von ihrem Mann einen Bruch in ihrem Leben. Bis dahin fühlte sie sich in ihrem gewöhnlichen Leben gefangen, Zeit für sexuelle Experimente war keine. Der Beruf Domina ist der Befreiungsschlag, mit dem sie sich aus dem zuvor fremdbestimmten Leben befreien konnte. Doch auch Karolina sehnt sich nach etwas Normalität, sucht beim Salsatanzen nach einem passenden Mann. Waasner deckt diese Widersprüche auf, ohne bloßzustellen.

Und genau das ist die große Stärke dieses dokumentarischen Highlights: der absolute Respekt vor diesen Frauen und deren Mut, den es erfordert, diesen Wandel zu vollziehen. Das spiegelte sich auch in der Zuschauerreaktion beim exground filmfest wider. Gab es zu Beginn des Films noch einige verlegene Lacher wegen des pikanten Themas, verstarben diese im Laufe der Vorstellung zusehends. Zu ernsthaft war der Umgang mit diesem, zu hervorragend die Leistung Saara Alia Waasners.

Frauenzimmer
R: Saara Alia Waasner
D: Paula, Christel, Karolina
D 2010 97 Min.

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