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Wer sich in einen Film von Sion Sono begibt, der lässt sich auf eine Achterbahn ein, so auch sein neuestes Werk: Guilty of Romance. Dies wussten die beiden Herren, die ein paar Plätze neben mir saßen, offenbar nicht. Sie gingen bereits nach ein paar Abfahrten und steilen Kurven und ersparten sich damit die noch zu erwartenden Loopings.

Es ist nicht allzu schwer zu erkennen, mit welchen Mitteln Sono die Achterbahnfahrt entstehen lässt: Es sind die stetigen Wechsel, nicht nur in der Schnittfrequenz und den Einstellungsgrößen, sondern auch in der Erzählperspektive und dem – wenn man es so bezeichnen will – Genre. Was als Erotikthriller beginnt, ist plötzlich ein Kriminalfilm, wird hin und wieder mal Komödie und auf einmal ist es ein Ehedrama. Die Handlung lässt sich schwer zusammenzufassen, bei genaueren Hinsehen ist jedoch ein Handlungskern auszumachen, um dem sich alles kreist:

Die Polizistin Kazuko (Mizuno Miki) wird zum Tatort gerufen, wo sie ein grausiges Bild erwartet: Scheinbar zwei Leichen, die mit Schaufensterpuppen zusammengeflickt wurden, liegen in einem Hinterhof des Rotlichtviertels. Die Pathologie findet schnell heraus, dass es sich um die Körperteile einer einzigen Frau handelt. Der Kopf fehlt, eine Identifikation ist nicht möglich. Ebenfalls entfernt wurden die Geschlechtsorgane der Frau. Die Erzählperspektive wechselt und wir lernen Izumi (Kagurazaka Megumi) kennen. Sie ist mit einem autistischen Schriftsteller verheiratet, der sie den ganzen Tag über alleine lässt, um in seinem „Büro“, das nicht in seiner Wohnung ist, zu schreiben. Izumi beginnt, mit seiner Zustimmung, eine Arbeit im Supermarkt und wird dabei von einer Frau entdeckt, die Aktmodelle sucht. Zögernd nimmt Izumi das Jobangebot an und entdeckt dabei ihre sexuellen Bedürfnisse. Sie stürzt sich von einem Abenteuer ins andere und landet auf diese Weise im Rotlichtbezirk. Dort lernt sie die Literaturprofessorin Mitsuko (Togashi Makoto) kennen. Bald wird dem Zuschauer klar, dass es sich bei dem Mordfall, indem Kazuko ermittelt, um eine der beiden Frauen handelt…

Das Handeln der Figuren ist nicht erklärbar. Und hier werden Viele, denen der Film nicht gefallen hat, mit ihrer Kritik ansetzen. Wer jedoch in der heutigen Zeit einen Film sehen will, indem die Figuren mithilfe eines Psychologie-Lehrbuches ausgearbeitet wurden, macht es sich zu einfach und wird niemals die Probleme des modernen Menschen auf der Leinwand sehen, für ihn bleibt das Kino eine bloße Realitätsflucht.

Umso passender die Bezugnahme des Films auf Kafka, dem „Klassiker“ der literarischen Moderne: In seinem Roman Das Schloss versucht die Hauptfigur das titelgebende Gebäude zu erreichen, sie wird es jedoch nie betreten. In Guilty of Romance suchen die Frauen nach etwas, dass sie niemals erreichen werden, von dem sie nicht einmal wissen, was es ist. Vielleicht könnte dies der Sinn des Lebens sein, etwas Unvorstellbares oder – im Vokabular der Philosophie Heideggers und Husserls – das Metaphysische, das wir durch die moderne Wissenschaft verloren haben. Man will gerne glauben, Sion Sono führe Izumi, Mitsuko und Kazuko mit der Musik Gustv Mahlers zurück zum Transzendenten, wie Yu und Yoko in Love Exposure mit Beethovens Siebter.

Es ist aus europäisch geprägter Sicht wenig nachvollziehbar, ja sogar höchst problematisch, dass die Frauen den Sinn des Lebens in der Prostitution suchen. Schaut man in die europäische Filmgeschichte, lässt sich auf Anhieb ein äußerst prominentes Beispiel aus dem Jahr 1967 finden, das nicht allzu weit hiervon entfernt ist. Guilty of Romance steht zwar konträr zum europäischen Filmverständnis, zitiert jedoch ständig aus der westlichen Kultur. Gerade deshalb sollte er hierzulande gezeigt werden. Leider wird er nicht in der Directors-Cut Version vertrieben, die beim exground filmfest lief. Völlig unverständlich, 144 Minuten sind zwar lang, aber bei einem Sion Sono-Film ist das Zeitgefühl sowieso ausgehebelt.

Hier findet Ihr unsere gesamte Berichterstattung vom diesjährigen exground filmfest.

Guilty of Romance / Koi no tsumi
R, B: Sion Sono
K: Tanikawa Sohei
D: Mizuno Miki, Kagurazaka Megumi, Togashi Makoto
J 2011