Seite auswählen


Der Blick zum Himmel ist gesäumt mit steilen, sterilen Glasfronten, wie ein Zeltgestänge umringen die Hochhäuser den öffentlichen Raum am Boden, auf dem sich zahlreiches Leben tummelt. Das Getöse der Straßenbahnen um die Ecke durchbricht gelegentlich das geschäftige Treiben der Aktentaschen tragenden Männer und Frauen, der Konsum gelenkten Menge und der sich in Cafés entspannenden Großstädter. Das Durchdringen der Menschenmasse ist schwerlich, stets folgen Rempler von allen Seiten. Lärm, lautes Lachen und zahllose Gespräche vermischen sich zum Sound der Stadt. Zwischen Touristen und Skateboardern, Straßenkünstlern und Eiligen durchbricht plötzlich eine zitternde Stimme das bunte Treiben. Ein junger Mann, frierend mit durchlöcherten Handschuhen und verwaschener Kleidung fragt bibbernd nach einer Zigarette. Hinter ihm lässt sich ein Pulk von Punks am Straßenboden erkennen. Zusammengepfercht, von Hunden umzingelt, trinkend, kränklich und oftmals schwermütig zu Boden schauend. Ein Bild, das gerne in zahlreichen Dokumentationen über Straßenkinder präsentiert wird. Eine Darstellung von ärmsten Verhältnissen inmitten der eigenen urbanen Lebenswelt. Von einer Gruppierung Menschen, deren Alltag von Kälte, Armut und Drogen bestimmt wird. Doch sind solche Dokumentationen meist konstruierte Bilder der Wirklichkeit, die beim Zuschauer Schuld- und Mitgefühl erzeugen sollen und so verklärte Perspektiven bieten, die eher auf ein Erhaschen von Einschaltquoten erpicht sind, und weniger reell aufzeigen, wie Straßenkinder unsere Gesellschaft empfinden und aus welchen Gründen sie sich dieser entziehen.

Maria Speth unterlässt diese Bilder eines erbärmlichen Wirklichkeitkonstrukts und stellt in ihrem Dokumentarfilm 9 Leben die Hintergründe dieser Menschen dar, samt ihrer Familiengeschichte, ihren Fehlern, ihren Ängsten und Träumen. Zu diesem Zweck verzichtete sie auf einen Dreh inmitten der Großstadt, zwischen kalten Häuserecken und nassen Hauseingängen und holte die Kinder der Straße direkt in ihr perfekt ausgeleuchtetes Studio. Vor weißen Leinwänden und inmitten einer hellen Beleuchtung lässt sie die sieben Männer und Frauen von ihren innersten Gefühlen und ihrem eigenen Blick auf die Welt erzählen. Das schwarzweiße Filmmaterial, das grelle Licht und der sterile Hintergrund fixieren den Betrachter direkt auf die vorgestellten Menschen, auf ihre Geschichten, ihre Beweggründe und ihre eigenwilligen Charakterzüge. So erschafft Maria Speth ein nüchternes Porträt der Anwesenden, erlaubt ihnen frei zu sprechen und erzeugt auf diesem Weg beim Zuschauer vermehrt Verständnis für die eigene Entscheidung ein Leben auf der Straße zu fristen. Die Jugendlichen erklären ruhig und ehrlich welche Schicksalsschläge sie dazu bewogen haben aus dem Elternhaus zu fliehen. Von Misshandlung, Vergewaltigung oder Missachtung ist alles in ihren Geschichten wiederzufinden. Erfahrungen, die zu teils sehr hellsichtigen Lebensphilosophien beitrugen. Währenddessen hört die Regisseurin einfach nur zu. Es scheint, als vermittele sie den anwesenden Straßenkindern ein Gefühl von Sicherheit, wodurch die Offenherzigkeit der Jugendlichen bis in intimste Details reicht. Maria Speth lässt dabei reden, greift nur selten ein und verzichtet darauf bei unangenehmen Themen weiter nachzuhaken. Doch nicht nur die Geschichten der Jugendlichen, sondern auch persönliche Gegenstände, die von Fotografien bis hin zu einem Cello reichen, erzählen von der Innenwelt der Straßenkinder. Immer wieder kommen auch Momente völliger Stille auf, die von Traurigkeit zersetzt scheinen, in welchen die Sehnsucht nach Standhaftigkeit und Normalität zu erkennen ist, die mutmaßlich nur noch in diesen Dingen manifestiert ist.

Die Szenerie und Kameraführung unterstreicht die porträtierten Charaktere. Die statische Kamera ist stets auf die Personen vor der klaren Wand gerichtete, bewahrt stoische Ruhe, gleich der Regisseurin selbst. Bilder absoluter Unbeweglichkeit, die jedes Detail der Kleidung und Haltung offenbaren sind unterlegt mit den Stimmen der Straßenkinder aus dem Off, veranschaulichen eindringlich die bedenkliche Situation, in welcher sich diese befinden, oder befunden haben. Die einprägsamen Close-Ups, die den Betrachter dicht an die erzählenden Gesichter lenken, zeigen nicht nur tieftraurige Augen, sondern lassen erkennen, dass jede kleinste Falte in den jungen Gesichtszügen eine Geschichte zu erzählen hat, die ihr Leben von nun an zeichnet. Es entsteht ein Gesamtbild der gänzlichen Individualität, die sich hinter jeder dieser unzugänglichen Fassaden verbirgt. Auch wenn der Dokumentarfilm 9 Leben durch seinen unchronologisch dramaturgischen Aufbau gegen Ende hin ein wenig an Intensität verliert, bereichert er durch seine authentische Atmosphäre die Wahrnehmung des Betrachters für das Leben auf der Straße. Maria Speth schuf mit 9 Leben einen Dokumentarfilm, der vielschichtig und intensiv ist, der erzählt ohne zu Verurteilen und harte Realität vermittelt, auch ohne erschreckende Bilder von frierenden, hungernden Kindern im Gewühl der trostlosen Straßen zu zeigen.

Zurück im öffentlichen Raum. Ein Blick in die Seitengassen, vorbei am geschäftigen Getöse der zentralen Punkte der Innenstadt, weit weg von den glänzenden Hochhausfassaden. Der Wind pfeift nun in engeren Gassen. Von Laub und Schmutz bedeckte skurrile und bunte Formen ragen aus dem Straßenboden des abgelegenen Hofs, der nun zum Vorschein tritt, hervor. Hier ist es düster, vermüllt, urban. Kleine Vögel nisten in den abgebrochenen Kanten. Ein Knäuel aus Klamotten und Mensch hat es sich in einer Kuhle der runden Formen auf und absteigender Betonbauten gemütlich gemacht. Verblasstes, einst strahlend bunt gewesenes, Graffiti überzieht den ehemaligen Skatepark. Urbane Kunst, erzeugt von Menschen, die das Gelände der Großstadt aus anderen Blickwinkeln betrachten.

Über Skateboarder und ihre Sicht der Straßen berichtet Florian Schneider in seinem Dokumentarfilm Pushed. Und dabei dokumentiert er nicht nach Attraktion lüsternd verschiedenste Slides und Grindes, Ollies oder Flips, die mit lauter Punk-Musik unterlegt sind, sondern er zeigt vier Skateboarder, die dem gewöhnlichen Alter des Skatens langsam entwachsen und trotz dessen versuchen ihre Lebenseinstellung samt Board weiterhin in ihren Alltag zu integrieren. Pontus Alv, Stefan Marx, Adam Sello und Bobby Puelo sind Boarder, die durch das Erkunden der Straßen auf einem Brett mit vier Rollen ein ganz eigenes Gespür für Kreativität und Motivation errungen haben.

Während Pontus Alv in seiner Heimatstadt Malmö seine Erfahrungen im Filmemachen ausdrückt und für die Erhaltung verschiedenster Skateparks kämpft, indem er ganz simpel immer wieder neue erbaut, integriert Adam Sello aus Berlin das Boarden in seinen Fotografien für diverse Zeitschriften und Klamottenlabels. Weiter weg vom eigentlichen Board bewegt sich Stefan Marx aus Hamburg, der das Lebensgefühl des Skateboardens in seinen Zeichnung und Grafiken festhält, die zugleich T-Shirts sowie Kunstaustellungen bestücken. Bobby Puelo erkundet weiterhin die Straßen New Yorks auf seinem Board und versucht Zufall und Urbanität anhand des hinterlassenen Mülls der Menschen zu erforschen und diesen dann in Collagen der Stadt und ihrer Zeit zu verwandeln. Allen gemein ist ihr wachsendes Alter, dass sie zu einem konservativeren Lebensstil nötigt, um für ihre Familie und ihren Lebensunterhalt sorgen zu können. Mit Ausnahme von Bobby gelang es den Skateboardern ihren Sport zu einer Passion zu formen und ihn Tag für Tag auf verschiedenste Weise zu leben.

Besonders beeindruckend ist insbesonders für Nicht-Skateboarder der ganz spezielle Blick auf die verschiedensten Bauten und Elemente unserer Städte. Jede Steigung, jedes Geländer, jede Kante wird in den Augen der Vier plötzlich zu einem potentiellen Skate-Gelände, lässt sich erklimmen und „besiegen“. Die Wahrnehmung von Raum formt sich so zu etwas, dass dem normalen Städter fremd sein dürfte. Details von allen Seiten zu betrachten, ihre Form und Beschaffung zu ergründen, das ist der kreative Input, den die Vier gemeinsam haben. Selbst anpacken und erschaffen, so wie einst die zahlreichen Skateparks, sollte die Stadt nicht „von Natur aus“ genügend Herausforderung bieten, gehört immer noch zum reiferen Alltag der Jungs genauso wie das Skateboarden an sich. Kreativität, Motivation und Ausdauer ermöglichen es ihnen jeden Tag durch ihre Passion neu zu gestalten. Pontus, Stefan, Adam – und irgendwie auch Bobby – zeigen, wie sich die ältere Skateboard-Generation weiter entwickeln kann ohne ihren Bezug zur Straße zu verlieren. Florian Schneider dokumentiert in Pushed scharfsinnig den Wandel einer Generation ohne dabei das künstlerische Potential, die Menschen selbst und das Lebensgefühl eines Skateboarders an sich aus den Augen zu verlieren.

Das exground filmfest 2011 erlaubte seinen Besuchern durch diese Dokumentarfilme nicht nur einen Rundgang durch verschiedenste urbane Welten, sondern auch einen tieferen Einblick in Abgründe sowie Möglichkeiten unserer Straßen aus den Perspektiven derjenigen, die intensivst mit städtischem Lebensraum verbunden sind. Ganz nebenher wird somit denjenigen, die es nicht sind, eine veränderte und ergänzende Wahrnehmung auf das eigene tägliche Umfeld ermöglicht.

Hier die komplette Berichterstattung zum exground filmfest 2011. 

9 Leben
R: Maria Speth
K: Reinhold Vorschneider, Ingo Brückmann
Deutschland 2010, 105 Min.
Peripher Filmverleih

Pushed
R: Florian Schneider
K: Felix Zenker
Deutschland 2011, 82 Min.
Florian Schneider