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 © Cannes Filmfestival

© Cannes Filmfestival

Der Neorealismus des Lebens und Sophia Lorens Schule des Starbetriebs

There is no crisis in cinema. There are negative periods. There are times when some films are received well and others aren’t. The past teaches us that some films were received badly, while others go sailing on. … Let television do television, let them do documentaries, but cinema as such should be shown on screens, because there’s no one more lazy than the public.

Vittorio de Sica

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Sophia Loren stellt noch immer alle in den Schatten: Ob Julianne Moore, Mia Wasikowska oder Robert Pattinson, um mal nur einige zu nennen, die in den letzten Abenden über den roten Teppich von Cannes flanierten. Allenfalls die Anwesenheit vom allerneuesten Damenschwarm, dem Amerikaner Ryan Gosling provozierte ähnliches Fangeschrei und -jubel, später allerdings auch heftige Pfiffe. Gosling stellte in der Sektion „Un Certain Regard“ nämlich seine erste Regiearbeit vor, und um LOST RIVER für einen guten Film zu halten, musste man schon ein echter Fan sein.

Die Loren dagegen wird in diesem Jahr für ihr Lebenswerk geehrt. In der Klassiker-Schau stellte sie den frischrestaurierten HOCHZEIT AUF ITALIENISCH von Vittorio de Sica vor, in dem sie an der Seite von Marcello Mastroianni einen glanzvollen Auftritt hat. Und zur anschließenden Wettbewerbs-Premiere kam sie als „einfache Zuschauerin“ und stellte in der Gunst der Paparazzi selbst Frankreichs Star Marion Cotillard in den Schatten. In einer Masterclass wird sie dann noch über ihr Leben im Scheinwerferlicht berichten – Lorens Schnellkurs in der alten Schule des Star-Glamours riss zur Halbzeit des Festivals auch hartgesottene Cinephile mit.

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I consider Sophia a great… a good actress and a great personality. Because she is a Neapolitan. Like me.

Vittorio de Sica

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Am Mittwoch wollte sich Violeta aus Barcelona im Salle Debussy hinsetzen, doch wenige Sekunden zuvor warf eine italienische Kritikerin über drei Sitze noch schnell einen Rucksack auf den Platz, um ihn für Kollegen zu reservieren, die noch gar nicht da waren. Ein kurzer Blickwechsel – dann nahm sie den Rucksack weg, lächelte schüchtern und sagte: „I feel ashamed. Cannes brings our worst parts out of us…

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© Cannes Filmfestival

Vittorio de Sica © Cannes Filmfestival

Shit, ich glaube die haben mein Fahrrad gestohlen!„, rief Martina am Morgen nochmal an. Es folgten drei Stunden Polizei und über 200 Euro Kaution waren auch futsch. Am nervigsten: Es ist ganz gut möglich, dass der Verleih seine eigenen Fahrräder auf diesem Weg nachts wieder einsammelt und sich auf diese Weise ein Zubrot verdient und ein zweites mit dem Geld der Versicherung. Denn das Festival ruft vielleicht auch bei den Einheimischen die schlechtesten Eigenschaften hervor.

Das alles war natürlich nicht lustig, aber es passt dann doch ganz gut zu einem Filmfestival – denn auch das Leben ist manchmal neorealistisch. Und aus Vittorio de Sicas Film wissen wir schließlich, dass Schwarz und Weiß manchmal täuscht, dass Grau in Grau der Wahrheit näher kommt, und dass manche Fahrraddiebe ihre sehr guten Gründe haben, Fahrräder zu stehlen, oder einfach Not leiden. Was die Sache nicht unbedingt besser macht, aber wenn wir uns jetzt mal vorstellen, dass der Dieb nicht ein böser versicherungsbetrügender Fahrradverleih war, sondern ein Bruder im Geiste von Antonio Ricci, dem Filmhelden bei de Sica, dann geht es einem gleich besser. Kino, auch das ist eine neorealistische Einsicht, kann trösten, selbst außerhalb des Kinosaals.

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Cannes ist sowieso ein fast italienischer Ort im Guten wie im Schlechten. Früher gehörte es mal zu Italien, man spricht von der „französischen Riviera“, und außer Sophia Loren und italienischen Filmen, ziert diesmal das Festivalplakat Marcello Mastroianni in voller Schönheit. Cannes, das ist italienisches Frankreich, so wie auch das Festival von Locarno vielleicht nicht zufällig in der italienischen Schweiz stattfindet.

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Außer dem Wettbewerbsbeitrag LE MERAVIGLIE von Alice Rohrwacher, den ich am Wochenende nachholen muss, gibt es hier nur einen italienischen Film: INCOMPRESA von Asia Argento. Der war bei aller Liebe zur Regisseurin, leider eine Enttäuschung. Argento kann großartig Kinder inszenieren und hat viel Sinn für Pop-Glamour und Musik, aber das ist es dann eben auch.

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© Angelo TURETTA, Cannes Filmfestival

© Angelo TURETTA, Cannes Filmfestival

Alles spielt 1984 in einer dysfunktionalen Familie, und ist in einem Candy-bunten Comic Stil erzählt. Die Hauptfigur ist ein 9-jähriges Mädchen aus Rom namens Aria, der Vater ein berühmter Schauspieler, die Mutter Künstlerin und Hippie und jetzt kann sich jeder selbst überlegen, ob das irgendetwas autobiographisch mit der Regisseurin zu tun hat, deren Vater ein berühmter Filmemacher war, die Mutter Hippie und Schauspielerin und die 1984 neun Jahre alt war, in Rom aufwuchs und mit zweitem Vornamen Aria heißt.

Die Mutter wird in diesem Fall von Charlotte Gainsbourg gespielt, die reichlich vollgedröhnt und verpeilt wirkt, was vielleicht ja wirklich nur gut gespielt ist, aber im Film mag man sie kaum angucken. Toll dagegen Giulia Salerno in der Hauptrolle. Argento entwirft ein Traumreich der Kindheit mit schlechten eigensüchtigen Eltern, die getrennt sind und sich nicht um ihre Kinder kümmern, auch wenn ein kleiner Selbstmordversuch Wunder bewirkt. Aria schreibt in der Schule die besten Aufsätze, hat eine beste Freundin, mit der sie sogar zusammen aufs Klo zum Kotzen geht. Sonst allerlei Girls stuff, denn unsereiner gern sieht und sofort glaubt. Auch wer ein bisschen älter ist, hat Spielchen gespielt, wie Post klauen und öffnen, Nachbarn anrufen und zur Polizei schicken. Aber alles trägt nicht weit, ist nett anzusehen – kann aber in der Reizüberflutung nach einer Woche Festival keinen eigenen Reiz mehr entfalten.
Ein paar nette Szenen, wie eine Punk-Verwüstung der Eltern-Wohnung sind alles was von dieser Geschichte eines unglücklichen Mädchens im Gedächtnis bleibt, das sich am Schluß dann wirklich vom Balkon stürzt, und wie Schnitzlers FRÄULEIN ELSE in einem unklaren Zwischenstockwerk zwischen Tod und Leben den Film beendet.

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You live and you suffer

Antonio Ricci, in FAHRRADDIEBE

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