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Jay hat das Grauen gesehen. Den Schrecken des Krieges, der den britischen Ex-Soldaten (Neil Maskell) nicht loslässt, die zehrende Sorge über unbezahlte Rechnungen und die Gefühlskälte der Ehe mit Shel (Myanna Buring), die an den Geldsorgen zugrunde geht. Seine einfache Existenz liegt in Scherben, wie die Teller, die er während des Abendessens mit einem befreundeten Paar zerschlagen hat. Ist die Wut aus Jay herausgebrochen, folgt die zaghaft-schmerzliche Versöhnung durch seinen besten Freund und Kriegsgefährten Gal (Michael Smiley) und dessen bestrickende Frau Fiona (Emma Fryer). Jay ist ein gequälter Mann, hinter dessen Resignation ebenso viel unkontrollierter Zorn wie Zärtlichkeit für seinen kleinen Sohn liegt. Ein einfacher Mann, der ein längst zerbrochenes Leben zusammenzuhalten versucht. Benommen von Alkohol und Kummer reißt er sich für den gemeinsamen Job zusammen, den Gal ihm vorschlägt.

Jay hat das Grauen gesehen und Ben Wheatley blickt durch seine Augen. Der Regisseur und Drehbuchautor kennt die unscheinbare Furcht vor dem Scheitern der familiären Existenz, vor dem eigenen Versagen und inneren Dämonen. In ihrer Ausweglosigkeit ist die bedrückende familiäre Vignette in Einklang mit Jays Persönlichkeit, die in sich selbst gefangen scheint. Nur in dem dissonanten Score klingt die andere Facette des von Maskell mit verstörender Intensität verkörperten Hauptcharakters an. Drei Namen umfasst sein Auftrag – Namen auf der „Kill List“, die Zwischentitel in die Leinwand einschreiben. Die Beiläufigkeit lässt das Metier der Auftragskiller noch erschreckender wirken. Das häusliche Drama, mit dem sein mysteriöser Psychothriller beginnt, ist nur ein Bruchteil dessen, was das Schicksal für Jay bereit hält. Damals bei dem Vorfall in Kiew hat er es mit Blut besiegelt. Der Schnitt in die Hand, dem ihm ihr maliziöser Auftraggeber zufügt, erbricht das Siegel symbolisch und befreit das Düstere aus Jays Vergangenheit und den Abgründen seiner Seele.

Die physische Schnittverletzung wird zum Symbol des emotionalen Einschnitts in seinem Leben. Schleichend breitet sich die Entzündung aus, während der infektiöse Einfluss der Gewalt seine Persönlichkeit zerfrisst. Die exzessive Brutalität scheint für ihn und seine Opfer gleichermaßen eine Art Befreiung. Jay befreit sie von seinem familiären Minderwertigkeitsgefühl, der ermordete Priester und Bibliothekar finden darin eine perverse Form der Erlösung. Sie alle sind Schuldige, die sich Jay gegenüber als solche verraten, sei es durch ein Arsenal von Snuff-Filmen oder einen wissenden Blick, der die geistige Verbundenheit zu ihrem Mörder verrät. Auch er hat sich selbst verurteilt in einem Akt, auf den das undurchsichtige Handlungsgeflecht mehrfach verweist, ohne ihn je ganz zu enthüllen. Je bedrohlicher sich abzeichnet, wohin der eingeschlagene Weg ihn führt, desto unausweichlicher scheint dessen Endpunkt. Ein Name steht noch auf der „Kill List“ und bevor sie nicht abgearbeitet ist, werden seine Auftraggeber Jay keinen Frieden lassen.

Bis zum doppelbödigen Finale ist der britische Psycho-Horror darauf bedacht, das Air des Dämonischen niemals aufzulösen. Am Straßenrand verwesende Tierkadaver werden zu Allegorien seelischer Verderbnis, gespenstische Wald- und Erdlandschaften formen die nach außen projektierte Psychografie des Killers. Insgeheim scheint er nur darauf gewartet zu haben, seine angeketteten Aggressionen loszulassen. Die unheilvolle Mise-en-scene platziert fein dosierte Schockmomente sowohl auf der Leinwand als auch in der Vorstellung des Zuschauers.

Eindringlicher als die eruptiven Gewalt-Crescendos ist die gepeinigte Psyche des Hauptcharakters. Mitleiderregend in seiner innerlichen Verzweiflung und abstoßend in seiner Grausamkeit, verleiht er dem Bösen ein irritierend menschliches Gesicht, vor dessen verborgenen Zügen schließlich sogar Gal zurückschreckt. Wheatley setzt seinen Figuren und dem Publikum keine Wegweiser, nur Zeichen, deren erstes Fiona in der Anfangssequenz heimlich auf die Rückseite eines Bildes in Jays Heim malt. Konzentriert erforscht die angespannte Handkamera den seelischen Wandlungsprozess der Hauptfigur, bis sie und die Handlung selbst in dessen Psyche einzudringen scheinen und das von sich von Anbeginn manifestierende Atmosphäre von Schuld und Verdammnis alles beherrschen.

Hier die Screening-Termine:
B / 22 AUG / 19.00 UHR / CINEMAXX 7
B / 23 AUG / 13.00 UHR / CINESTAR 7
HH / 20 AUG / 19.30 UHR / CINEMAXX 4
F / 28 AUG / 17.15 UHR / METROPOLIS 1
F / 29 AUG / 15.00 UHR / METROPOLIS 1
K / 26 AUG / 19.15 UHR / CINEDOM 9
K / 27 AUG / 15.00 UHR / CINEDOM 10
N / 30 AUG / 19.30 UHR / CINECITTA‘ 3
M / 03 SEPT / 17.15 UHR / CINEMA
M / 07 SEPT / 19.00 UHR / GLORIA PALAST
S / 01 SEPT / 23.30 UHR / METROPOL 2
S / 02 SEPT / 19.00 UHR / METROPOL 1


Hier geht es zur Gesamtberichterstattung des 25. Fantasy Filmfests.

Kill List
R: Ben Weathley
B: Amy Jump, Ben Weathley
K: Laurie Rose
D: Neil Maskell, MyAnna Buring, Harry Simpson, Michael Smiley, Emma Fryer, Struan Rodger, Esme Folley, Ben Crompton, Gemma Lise Thornton, Robin Hill, Zoe Thomas, Gareth Tunley
GB, 2011, 90 min

Bildmaterial: Fantasy Filmfest