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Szenenbild American Translation

Es zeugt schon von einer gewissen Ironie, dass einige der intensivsten Filme des diesjährigen Fantasy Filmfests ihre verstörende Wirkung vor allem dadurch kreieren, dass die fernab von ‚Fantasy‘ besonders engen Kontakt zur Realität suchen. Snowtown, das Regiedebüt des kanadischen Filmemachers Justin Kurzel sowie Cold Fish von Sion Sono basieren beide auf realen Morden und erzählen ganz ohne Bezug zum Übernatürlichen Geschichten, die so oder ähnlich nicht nur in jeder Nachbarschaft möglich wären, sondern in gewisser Form tatsächlich vorgefallen sind. Dann wäre da noch American Translation von Pascal Arnold und Jean-Marc Barr, ebenfalls ein Film mit Serienkillerthematik, der zwar kein reales Vorbild nutzt, allerdings von einer fast dokumentarisch agierenden Kamera lebt, die Genremotive zunächst verfremdet und dann sogar in eine gelungene, mehrdeutige Liebesgeschichte einpflanzt. So unterschiedlich diese Filme sein mögen, lohnt es sich doch, einigen Gemeinsamkeiten nachzuspüren, insbesondere im Bezug auf die vergleichbaren Strategien der Filme im Umgang mit dem Moralempfinden des Zuschauers und der Wirkung, die sie dadurch beim Sehen entfalten. Doch eines nach dem anderen.

Sion Sono, der internationale Bekanntheit unter anderem durch sein 4-stündiges Meisterwerk Love Exposure oder seine Trilogie um eine Selbstmord-Sekte erlangte, spürt in Cold Fish einer der extremsten Mordserien der jüngsten japanischen Vergangenheit nach. Spielball des Wahnsinns sind dabei entsprechend dem Titel des Werks zwei Inhaber tropischer Fischgeschäfte: Syamoto (Mitsuru Fukikoshi), ein mäßig verdienender, braver und zurückhaltender Familienvater, begegnet im Laufe der Geschichte Murata (Denden), der dessen Naivität ohne zu zögern für ein abgründiges Komplott ausnutzt. Stets schonungslos protzig und herablassend, führt Murata seinem neuen Kumpel mitsamt Familie nicht nur durch sein prunkvolles Geschäft, sondern auch in einen höchst sonderbaren Strudel aus Manipulation und Wahnsinn. Am schlimmsten trifft es dabei Syamoto selbst, der Murata und dessen Gespielin bald bei ihren reichlich blutrünstigen Geschäftsverhandlungen unterstützen muss und dabei aus Angst vor Konsequenzen nicht in der Lage scheint, Hilfe bei der Polizei zu suchen. Unfähig, aus Muratas Falle auszubrechen, beginnt er sich zunehmend selbst in eine beängstigende Richtung zu entwickeln und sein geordnetes Leben als unterdrücktes Familienoberhaupt auf unerwartet drastische Weise in Frage zu stellen.

Szenenbild Cold Fish

Wer Sion Sonos Arbeiten kennt, wird wenig überrascht sein von dem Hang zur Kombination exzessiver Gewalt mit zerbröckelnden Familienstrukturen, die in Cold Fish ständig durchschimmern und sich zum Ende hin in einem wahren Feuerwerk von Absurditäten entladen. Nach Love Exposure stellt der Film eine Rückkehr zum Grand Guignol-Spektakel dar, wie es in früheren Arbeiten des Regisseurs noch weitaus deutlicher im Vordergrund stand. Was hier allerdings den Eigenwert des Films ausmacht und zu einem sehr eigenständigen Teil von Sonos Portfolio macht, ist seine hervorragend ausgearbeitete Symbolik. Wie geschickt der Regisseur die Grundmotive seiner Handlung nutzt und zu einem existenzialistischen Reigen widerwärtiger Bedeutungsebenen arrangiert, ist schlichtweg meisterhaft gelöst und führt beim Sehen von Cold Fish immer wieder zu Schauern des Unwohlseins – hin und wieder erwischt man sich auch bei einem vergnüglichen Schmunzeln. So spannt er im Rahmen des Fisch-Leitmotivs einen Bogen von Sexualisierung zahlreicher Dialoge und Bilder, über unsympathische Arroganz und Gelacktheit Muratas, über dessen moralische Degradierung der Menschen zu seelenlosen Fress- und Fickmaschinen, bis hin zu der widerlich glitschigen Ekstase eines Liebesaktes inmitten von zerstückelten Gedärmen.

Szenenbild Cold Fish

Seine kommentierende und besonders verstörende Qualität gewinnt Cold Fish durch die allmähliche Steigerung seiner Drastik bis hin zur kuriosen Überhöhung. Mögliche aber völlig unerwartete und absurde Handlungsverläufe werden garniert mit der Figur des Murata, der so radikal polemisch und in sich auf verachtenswert stimmige Art gezeichnet ist, dass der Bereich eines Einzelschicksals oder einer realitätsnahen Erzählung stellenweise fast an ihre Grenzen gelangen angesichts seines pseudo-philosophischen Überbaus. Bei Cold Fish kehrt die morbide Fantastik Sonos, das Abgründige, was bei Strange Circus einst den Bildschirm durchtränkte, zurück in die Köpfe der Figuren und ergreift während des Sehens seiner Filme ebenso Besitz von unseren Köpfen. Und das ist gut so. Das Ergebnis nutzt – zumindest über weite Strecken – unsere Vorstellungskraft, wirkt lange bevor das Geschehen eskaliert glitschig und widerwärtig, abstoßend, insbesondere und auf die unsympathischste Art sehr sehr vulgär. Und es macht einen Heidenspaß und sollte nicht zu Ernst genommen werden.

Dennoch: Cold Fish und Snowtown sind konzeptionell betrachtet zwei Seiten einer Medaille. Denn auch Justin Kurzel präsentiert in seinem Film eine Welt, die zunächst plausibel scheint, aber jederzeit in ein unerwartetes Extrem umschlagen kann – und wird. Beide Filme denken dieses Extrem auf ihre Art ohne Kompromisse zu Ende. Zweifellos mit unterschiedlichen Zielsetzungen im Bezug auf den Zuschauer, auch stilistisch deutlich verschieden. Aber doch mit einigen verwandten Strategien im Bezug auf ihr Verhältnis zum Realen, in ihrer Verbindung von scheinbarer Authentizität mit Schock-Ästhetik, die das Publikum mit einer zu Grunde liegenden Struktur von Nihilismus konfrontiert.

Szenenbild Snowtown

Auch Snowtown bezieht sich mit seiner Geschichte auf einen realen Vorfall: Elf Opfer forderte eine der schrecklichsten Mordserien Australiens, die sich Ende der 90er Jahre in dem titelgebenden Vorort ereignete. Kurzel interpretiert die Vorfälle in seinem mehrfach ausgezeichneten, gleichnamigen Debütfilm und nutzt sie als Vorlage für ein bedrückendes, hervorragend besetztes Sozialdrama, das zu einer grenzüberschreitenden Studie über die Ursprünge von Hass und die Sucht nach dem Tod wird. Letztere werden durch Daniel Henshall verkörpert, der den Serienkiller John Justin Bunting mit einer überaus eindrucksvollen Intelligenz und Boshaftigkeit gibt. Als sympathische und aufgeschlossene Vaterfigur bringt er zunächst Ordnung und neue Hoffnung auf ein glückliches Miteinander in die Familie von Jamie, der mit drei Brüdern und seiner Mutter in armen Verhältnissen ein recht tristes Dasein fristet. Doch während der Film in grobkörnigen Einstellungen ein desolates Bild der Umgebung zeichnet, das stellenweise an die surreale Qualität von Harmony Korines Szenarien erinnert, zerfällt Johns stets freundliche Fassade zunehmend. Aus seinem Innern offenbart sich ein fanatischer, äußerst brutaler Despot, der zunächst Minderheiten und Triebtäter foltert und ermordet, bis er schließlich in einen immer zügelloseren Tötungsrausch verfällt, der vor niemandem halt zu machen scheint.

Szenenbild Snowtown

Snowtown nutzt nicht nur seine Bilder, um zu irritieren und zu verstören. Vielmehr bemüht der Film alle zur Verfügung stehenden Mittel, um das naturalistische Schauspiel und das vollends glaubwürdige Setting mit einem alptraumhaften, kommentierenden Schleier zu verfremden. Insbesondere die Tonkulisse sei hier genannt, die mit tieftönigem Grollen und experimentellen Klängen die an manchen Stellen geäußerten Vergleiche zu Gaspar Noé nachvollziehbar macht – ebenfalls ein Filmemacher, der sich über die Möglichkeit zur körperliche Adressierung des Zuschauers durch die Soundkulissen seiner Bilder sehr bewusst ist. Auch die anstrengende Erzählstruktur des Films scheint sehr bewusst gewählt – zumindest im Idealfall wäre dies zu vermuten. Das Geschehen schreitet gerade zu Beginn extrem schnell voran, vieles geschieht zwischenzeitlich, wird ausgespart, nur am Rande angesprochen oder bereits vorausgesetzt. Figuren werden oft nur angerissen oder erscheinen nur für vereinzelte Hasstiraden gegen „Schwuchteln und Vergewaltiger“ in der Wohnung von Jamies Familie. Ebenso wie die Gewalttätigkeit des Films, werden die sozialen Rollenzuweisungen der Charaktere erst nach und nach ersichtlich, bleiben dabei zumeist noch immer vage und unverständlich. Snowtown schafft kein überschaubares, nachvollziehbares Universum, in dem Gewalt ein überlegter Akt ist, sondern eine impulsive, chaotische Welt voller Unverständnis, Verwirrung, Frustration und Rage, in der Liebe und Zuneigung bloß angedeutet werden und niemals eine Gelegenheit bekommen, sich wirklich zu behaupten. Der Hoffnungsträger und das emotionale Zentrum des Films ist eindeutig Jamie, der jedoch immer weiter an seiner Umgebung zerbricht und dessen moralische Integrität letztlich aufs Schärfste zerstört wird.

Obgleich mit dem großartig spielenden Lucas Pittaway weitaus glaubwürdiger inszeniert, erscheint Jamie in Snowtown wie Syamoto bei Cold Fish gleichermaßen als eine unschuldige Figur, die mit Abgründen konfrontiert und von diesen schließlich verzehrt wird. Die Etablierung eines psychologisch nachvollziehbaren Identifikationspunktes und dessen Absturz zusammen mit dem Zuschauer bis ins vollendete und unumkehrbar Alptraumhafte sind es, was beide Filme letztlich so eng miteinander verbindet.

Und hierin stehen sie auch American Translation ungemein nahe – wenn dieser auch ein Film ist, der narrativ deutlich anders strukturiert und gedanklich deutlich weiter gefasst ist. American Translation konzentriert sein Konzept auf den jungen Mann Chris (sehr intensiv: Pierre Perrier), eine Figur, die keineswegs verachtenswert oder gar offensichtlich wahnsinnig wie Sonos Murata daherkommt, sondern ganz im Gegenteil durch ihr extremes Innenleben erst besonders faszinierend inszeniert und letztlich sogar fast völlig positiv gedeutet wird. Dennoch ist es auch hier eine zunächst neutrale Figur, die attraktive Aurore (Lizzie Brocheré), die von Chris in einen moralfreien Zustand fernab gesellschaftlicher Normen gebracht wird und den Zuschauer durch ihre Aktzeptanz des Grenzwertigen, des Extremen, des Unterdrückten vor radikale Dilemmata stellt.

You’re turing me into someone else. I feel this rage inside of me like it was shot into my veins.

Szenenbild American Translation

Stets begleitet von einer Handkamera wird Protagonist Chris sofort und völlig unvermittelt als Möder etabliert, der ohne Reue oder Angst vor Konsequenzen, ohne jeden Hass oder Schuldbewusstsein nach Belieben tötet. Als Aurore sich völlig unvermittelt in ihn verliebt, weiß sie hierüber noch nicht Bescheid, lebt als Halbamerikanerin in Frankreich, wohl behütet von ihrem reichen Vater, der regelmäßig für Geschäftsreisen zu Besuch kommt. Der Ausbruch aus ihrem Leben scheint ihr schon lange vorgeschwebt zu haben, wählte sie doch als Ort der Selbstfindung ganz klischeehaft einen vorübergehenden Aufenthalt in Paris. Auf der Suche nach sich selbst, wohl auch zweifellos nach Liebe, lässt sie sich auf Chris ein, ebenso wie er sich auf sie einlässt, intensiver als bei allen anderen Menschen zuvor. Angetrieben von Begierde für das Leben und ihrer Begierde füreinander reisen sie los und vergessen die Welt um sich. Die Zukunft und die Vergangenheit sind nicht länger von Bedeutung. Bald auch nicht der Tod eines jungen Strichers, dessen Mord Chris zunächst als versehen bezeichnet – bevor er sich Aurore immer weiter offenbart.

Szenenbild American Translation

American Translation sucht nicht das Extrem der einfachen Darstellung des Todes, begnügt sich nicht mit unangenehmen Momenten, sondern will – das macht er teils leider etwas zu deutlich – nachwirken und zu Gedanken anregen. Basierend auf Originalaufzeichnungen von Serienkillern nutzt er die Psyche eines Mörders als Konzept, das von der Normalität, von dem uns Verständlichen, von dem uns Vertrauten – und so letztlich von unserem Selbstverständnis als gesellschaftliche Wesen – Besitz ergreifen möchte. Der Film verbindet im Laufe des Geschehens den Ausbruch aus kulturellen und städtischen Zwängen durch positive, befreiende Sexualität und Liebe untrennbar mit Chris‘ Bedürfnis nach der Auslebung seines Todestriebs, stellt Mord und Machtausübung über Andere als selbstverständlichen Teil seiner Natur dar, der nicht einfach durch ein paar letztlich belanglose und von ihm verachtete Regeln aus der Welt geschafft werden kann. Der Tod erscheint als Teil seiner Seele, der Akzeptanz und Verständnis fordert und findet, der sogar mit einer funktionierenden Beziehung verbunden wird und letztlich in seiner Bedeutung weit weniger ins Gewicht fällt, als der Funke zwischen den beiden Liebenden. Während der Film an manchen Stellen versucht, sein philosophisches Konzept in Bezug zu religiösen und sogar historischen Themen zu setzen und sich dabei etwas zu viel vornimmt, gelingt es ihm dennoch, seine schrecklichsten Inhalte auf die denkbar attraktivste und damit verführerischste Weise zu präsentieren und dabei die Wunschbilder von Freiheit und Glück der jungen, emanzipierten Großstadtgeneration grundlegend mit einer Absage sowohl an moralische Orientierungspunkte als auch an Ideale wie Gutmenschentum zu verbinden.

Whatever I do – I’m always a child of god.

Durch die Umdeutung vertrauter Aspekte der Realität hin zu konkreten, realistischen Horrorvisionen rufen alle der hier genannten Filme eine tiefe Irritation hervor. Eine Irritation, die in allen Fällen weiterführt, als nur zum kurzweiligen Grusel, die uns nicht in einen Vergnügungspark mit Netz und doppeltem Boden entführt, sondern auf Augenhöhe unser Moralempfinden und im Falle von Sion Sono vor allem auch die stupide Illusion des ‚guten Geschmacks‘ in Frage stellt.

Das Fantasy Filmfest kleidet sich als Genrefilm-Veranstaltung, zeigt jedoch jedes Jahr aufs Neue selbstbewusstes und unabhängiges, modernes Kino der Transgression, das den Genrefilm als fades, oberflächliches Spektakel in seine Schranken verweist. Es ist ernüchternd, dass bei so vielen starken Programmpunkten in jedem Jahr das Festival nach 25 Jahren nicht den Blick unter die Oberfläche wagt und keinerlei Raum bietet, sein Programm auch angemessen zu reflektieren, nicht einmal es zu diskutieren. Ein Punkt, der es besonders schwierig macht, der vorhandenen Auswahl eine gewisse Beliebigkeit abzusprechen.

Hier geht es zur Gesamtberichterstattung des 25. Fantasy Filmfests.

Cold Fish / Tsumetai nettaigyo
R: Sion Sono
B: Sion Sono, Yoshiki Takahashi
K: Shinya Kimura
D: Mitsuru Fukikoshi, Denden, Megumi Kagurazaka
J, 2010, 144 Min.
Rapid Eye Movies

Snowtown
R: Justin Kurzel
B: Shaun Grant, Justin Kurzel
K: Adam Arkapaw
D: Daniel Henshall, Lucas Pittaway, Craig Coyne, Richard Green, Brendan Rock, Louise Harris
AU, 2011, 120 Min.
Alamonde

American Translation
R: Pascal Arnold, Jean-Marc Barr
B: Pascal Arnold
K: Jean-Marc Barr, Chris Keohane
D: Lizzie Brocheré, Pierre Perrier, Djédjé Apali, Jean-Marc Barr, Benjamin Bollen, Esteban Carvajal-Alegria
F, 2011, 109 Min.
Wide Management

Bildmaterial: Fantasy Filmfest