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Ein Gespräch mit der deutschen Film- und Theaterwissenschaftlerin Felicitas Kleiner ist heute Inhalt unserer Reihe zur Filmkritik anlässlich des einjährigen Jubiläums von NEGATIV.

Die 1976 geborene Felicitas Kleiner studierte Filmwissenschaft, Theaterwissenschaft und Komparatistik an der Universität Mainz. Im Jahre 2004 promovierte Kleiner mit der Arbeit Scheherazade im Kino. Arabian Nights Adventures aus Hollywood. Seit einem journalistischen Volontariat beim film-dienst, ist sie dort als Redakteurin und Autorin tätig. Auch in anderen Medien setzt sich Kleiner kritisch mit Filmen auseinander.

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1. Worin sehen Sie ihre Rolle als Filmkritikerin?

Leser über Filme informieren und ihr Seherlebnis und Verständnis von Filmen bereichern und vertiefen. Sie möglichst animieren, sich die guten Filme anzusehen. Einstehen für die Bedeutung des Kinos als Kunst. Soweit möglich seine Vielfalt verteidigen (hier sind vor allem Redakteure gefragt, durch die Auswahl der Filme, über die geschrieben wird).

2. Wie unterscheidet sich diese Rolle heute im Vergleich zu früher, vor dem Internetzeitalter?

An dem, was ich als Aufgabe von Filmkritik ansehe, ändert sich im Internetzeitalter grundsätzlich nichts, aber die Rahmenbedingungen sind andere. Das Internet bietet, anders als der Printmarkt, ein Forum nicht nur für professionelle und redaktionell „gefilterte“, sondern auch für nicht-professionelle Filmkritik. Diese Tatsache sehe ich als zweischneidiges Schwert an.
Einerseits: Dass das öffentliche Schreiben über Film kein Privileg einer kleinen Gruppe von Leuten mehr ist, die dafür von einer Zeitung bezahlt werden, sondern dass quasi jeder über Film schreiben kann, ist grundsätzlich eine Bereicherung, weil dadurch (neben einer Menge Unsinn) viele schöne, kluge Texte verfügbar werden, die sonst wohl nie an die Öffentlichkeit kämen. Zudem bietet das Internet neue Freiheiten, was die Form von Filmkritiken angeht (Textlänge, Vernetzung mit Bildern/Filmclips, Links zu weiteren Infos), und eine Plattform auch für Spezialwissen (zu Genres, Länder-Cinematografien etc.), das sich auf dem Printmarkt schwer tut, in Zeiten eines immer größer und unübersichtlicher werdenden Filmmarkts aber nützlich ist. Außerdem profitiert die Filmkritik, wie der Journalismus insgesamt, von den vom Internet bereit gestellten Recherche- und Informationsbeschaffungsmöglichkeiten.
Andererseits: Nach wie vor sehe ich die professionelle und von einer Redaktion im Idealfall „qualitätsgesicherte“ Filmkritik (diejenige von Leuten, die sich hauptberuflich intensiv mit dem Kino auseinander setzen) als besonderen Wert an.
Deren wirtschaftliche Basis ist heute wackeliger als früher. Da die Rolle der Printmedien durch die Konkurrenz des Internets prekärer geworden ist, ist es auch die Rolle der bisher weitgehend von diesen Printmedien finanzierten professionellen Filmkritik. Filmkritik als Beruf und Broterwerb auszuüben, ist im Internetzeitalter wohl nicht gerade leichter geworden und könnte auch noch schwerer werden, wenn der Printmarkt weiter einbricht. Zumal auch das Medium Film als Leitmedium an Bedeutung verloren hat und mit der Zahl der Kinogänger auch die Zahl der potenziellen Filmkritik-Leser kleiner wird.

3. Wie schätzen Sie die Bedeutung des Internets als Diskussionsplattform – sowohl für die Leser, als auch für die Kritiker untereinander – ein?

Erfüllt leider bisher nicht die Erwartungen: Ich habe nicht den Eindruck, dass dadurch mehr relevante Debatten zustande kommen als zu früheren Zeiten.

4. Hat das Internet den kritischen Umgang mit Filmen beeinflusst?

Das Internet erleichtert es im Vergleich zu früher enorm, sich umfassend über Filme zu informieren, verschiedene Quellen anzuzapfen und unterschiedliche Meinungen zu vergleichen. Das empfinde ich als Bereicherung. Es stellt sich allerdings an den Leser die Herausforderung, aus dem Über-Angebot die „guten“, verlässlichen, relevanten Quellen herauszufiltern.

5. Welche Webseite würden sie unseren Lesern ans Herz legen?

Den Blog von CARGO Film. Als Schaufenster auf die Arbeit der Kritiker-Kollegen Film-Zeit
Und nicht zu vergessen: Werbung in eigener Sache!

Hier finden Sie alle Interviews aus dieser Reihe.