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Der Giallo ist (oder besser gesagt: war) eine spezifisch italienische Variante des Kriminalfilms, mit besonderer Betonung auf Sex und Gewalt. Er ist in den 60er Jahren entstanden, wobei Regisseur Mario Bava mit seinem Film Blutige Seide dem Giallo sein prototypisches Antlitz verlieh. Blutige Seide war ein Gemälde aus grellen Farben, eleganten Kamerafahrten, schönen Frauen, breit ausgespielten Morden, und einer Kriminalgeschichte, die nur als bloßes, dramaturgisches Gerüst diente.
Der Giallo, der von Meistern des Fachs wie Dario Argento, Sergio Martino, und Umberto Lenzi weiterentwickelt wurde, folgte ganz dem Motto style over substance, war kommerziell ausgerichtet, und implizierte nicht selten Kritik an der (dekadent dargestellten) Bourgeoisie.

Die 60er und 70er waren die Blütezeit des Giallo, in den 80ern kam dann der langsame Abstieg. Heute ist der Giallo nur noch eine sporadische Erscheinung. Der Begriff wird manchmal benutzt, um italienische Thriller zu labeln oder sonst wie zu kategorisieren (s. Eyes of Crystal), doch diese Versuche sind nicht weiter ernst zu nehmen.
Der Einzige, der dem Genre bis heute treu geblieben ist, ist Argento, und der wird seit The Card Player regelmäßig unterschätzt und verkannt.

Auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest ist nun ein neuer, französischer Film aufgetaucht, der von allen Seiten als Giallo angekündigt wird. Doch ist er das auch? 

Der Film verfolgt drei Momente im Leben der Protagonistin Ana. Wir sehen sie als Kind, als Teenager, als Erwachsene, und jede Episode konfrontiert sie mit Peter Greenaways Lieblingsthemen Sex und Tod.
Eine Inhaltsangabe fällt in diesem Fall schwer, denn viel Inhalt gibt es nicht in Amer. Vielmehr folgt der Film seiner Protagonistin auf unterschiedlichen Stationen ihres Lebens und bettet diese in verschiedene Giallo-Standardsituationen ein: wir sehen ein Kind, das durch ein Schlüsselloch schaut und schreckliche Geheimnisse erforscht. Wir sehen eine Frau, die in das Haus ihrer Kindheit zurückkehrt, und auf den Tod wartet. Wir sehen, und hören vor allem quietschendes Leder, Reißverschlüsse, Rasierklingen, raschelndes Grün, reißenden Stoff, knarrende, polternde Türen, laute Schritte, und einen geborgten Soundtrack von Meistern wie Morricone, Bruno Nicolai, Stelvio Cipriani.
Amer hat fast alle Zutaten eines Giallo– bis auf die Geschichte. Sie ist vielleicht nicht das allerwichtigste Element eines Giallo, aber ein durchaus entscheidendes. Ohne Geschichte, ohne Plot wird der aufregende, doch enervierende Bilderreigen durch nichts zusammengehalten, und zerfällt in seine Bestandteile.

Der Giallo wird auf seine Gimmicks reduziert, auf Details, auf Fetischobjekte, die für sich allein keinen Sinn ergeben. Amer ist Sinnesorgasmus, pure Reizüberflutung, gleichzeitig trivialisiert er den Giallo zum rein sexualisierten Genre. Das Messer wird wieder zum Phallus- das ist weder neu noch aufregend, das ist Freud in der reader’s digest-Version.
Was bleibt, sind die wunderschönen Bilder, die jedoch einen zutiefst ideenlosen Inhalt haben, und letztendlich vergessenswert sind.
Die Regisseure Hélène Cattet und Bruno Forzani haben vielleicht keinen Giallo gedreht, sondern eine Liebeserklärung daran. Trotzdem haben sie dem Genre genau das angetan, was Tarantino und Rodriguez aus dem Grindhouse-Kino gemacht haben: sie haben es verfälscht. 

Amer
R: Hélène Cattet, Bruno Forzani
D: Marie Bos, Delphine Brual, Harry Cleven, Bianca Maria D’Amato
Belgien, Frankreich 2009, 90 Min.
Koch Media