Seite auswählen
SONY DSC

Der Festsaal im Bockenheimer Studierendenhaus während der ersten Vorstellung des Filmkollektivs Frankfurt.

Dingen einen Namen zu geben ist ein Versuch der Auslotung ihres Sinns. Ebenso wie das Schreiben eines Textes. Ebenso wie das Abbilden der Welt mit einer Kamera. Louise Burkart, Felix Fischl und Gary Vanisian gaben sich kürzlich den Namen Filmkollektiv Frankfurt und schreiben seither bei ausgewählten Vorführungen von Raritäten dem Zeigen von Filmen auf eine Art und Weise Sinn zu, die im regulären Kinobetrieb selten Platz findet. Ihre Vorstellungen konstituieren sich im Einmaligen, erschließen sich kollektiv, erschließen auch das Kollektiv als filmkulturellen Sinn an sich. Die Gruppe, das gemeinsame Sehen, wird wieder wichtig, wenn, oft an mehreren Tagen, Filme durch ihr ursprüngliches Material miteinander erlebt werden. In Anwesenheit der Macher, mit Expertengesprächen und offenem Publikumsdialog auch zwischen Vorstellungen und im Off, entsteht ein unprätentiöser, freundschaftlicher Zugang, untereinander ebenso wie zu den vergessenen oder kaum zugänglichen Werken. Ein Prozess, der künstlerische Schaffensprozesse auslotet, das Gesicht, die Gedanken und die Ursprünge seiner Schöpfer. Der Blick auf die geschichtsträchtigen Arbeiten ist für viele der Anwesenden in dieser Form erstmalig. Kollektiv erstmalig. Und somit frei.

SONY DSC

Szenenbild
YOU KILLED THE UNDERGROUND FILM – OR THE REAL MEANING OF KUNST BLEIBT… BLEIBT…
(R: Wilhelm Hein)

Am 21. September begründet die Gruppe ihr Wirken mit der Uraufführung von Wilhelm Heins 12-stündiger Filmcollage, die zwischen 1989 und 2013 entstand, eingeleitet zwei Tage zuvor durch eine Vorstellung der KALI-FILME (1987-1988) von Wilhelm und Birgit Hein. Der Filmemacher, einer der Impulsgeber der deutschen Experimentalfilm- und Undergroundlandschaft, war von 1964 bis 1989 nicht nur durch seine Filme und eine Vielzahl von Performances zusammen mit Birgit Hein präsent, sondern stand etwa auch im Zusammenhang mit der 1968 gegründeten Kölner XSCREEN Bewegung und dem kurze Zeit später gestarteten Underground Film Center, das sein Bruder Karlheinz Hein ins Leben rief.

SONY DSC

Wilhelm Hein

Vorstellungen von YOU KILLED THE UNDERGROUND FILM erfolgen nur durch den Künstler selbst. Heins durch und durch eindrucksvolle Zusammenstellung aus Found Footage, dokumentarischen Spontanaufnahmen und inszenierten Momenten sind, so Heins Aussage, angeregt vom Anspruch, das eigene Bewusstsein zu ergründen. Er präsentiert sich, im Film wie im Gespräch, ungekünstelt und ohne profane Züge zu verschweigen. Die Bilder, insbesondere die eingeflochtenen Archivfilme, beleuchten den Kontext seiner persönlichen Lebensrealität und spüren der soziopolitischen und kulturellen Entwicklung Deutschlands nach. Vielfältige Blicke und Bilder verweisen auf Architektur, auf Ideologie, Krieg, Politik, Literatur, auf den Körper, den realen, den sexuellen, den inszenierten, auch den geschaffenen Körper, den institutionalisierten Körper, bis hin zu seiner Manifestation in Statuen und deren Präsenz im urbanen Raum. Die Projektion wird von Hein nicht nur durchgeführt, sondern auch begleitet, durch eine improvisierte Tonspur aus unterschiedlichsten Materialien, von Reden, Traktaten, Musikstücken, von Popkultur, Hochkultur, Faschismus, Philosophie, Poesie. Die Mischung ist konfrontativ, assoziativ, unterhaltsam, schrullig, rhythmisch, bei alten Aufzeichnungen oft dissonant und verzerrt, kryptisch, anstrengend. Ebenso wie die Bilder liefert Heins Tonmischung eine unüberschaubare Zahl an Versatzstücken, die an Seele und Hirn zerren, die einladen, den Geist mäandern zu lassen, über Stunden und Tage hinweg in Dialog mit den Werken zu treten und im Assoziativen einen Bewusstseinszustand zu entwickeln, der einen nach dem Ende ungemein bereichert und erfrischt den Saal verlassen lässt, mit geschärftem Blick auf Strukturen des eigenen Denkens und Fühlens. Heins Arbeit ist liebenswert unsystematisch und begeistert durch ihre handgemachte Erscheinungsweise, durch ihre anti-elitäre Offenheit für den Zuschauer. Sie bietet an, ohne zu definieren, sie liefert einen breiten Fundus an gedanklicher Substanz, jedoch als Grundlage, nicht als Schlusspunkt, als Anregung zum Dialog.

Ein treffend gewählter Startpunkt für das Filmkollektiv Frankfurt, der einige Grundprinzipien bereits sehr prägnant formuliert: Das Verständnis von Macher, Kurator und Betrachter als gleichberechtigte Gesprächspartner mit dem gemeinsamen Ziel, sich über Bilder zu verständigen und sich durch Bilder über die Welt zu verständigen, sich auratische, historisch bedeutungsschwangere Kunstwerke zu erschließen und dafür im Sehen und im Sprechen gemeinsam einen gegenwärtigen Sinn zu konstruieren. Heins Arbeiten im Speziellen und der Undergroundkontext im Allgemeinen (vgl. Anmerkungen zu Jack Smith) verweigern sich der Historisierung und Archivierung durch die spontane Natur der Aufführung, das Moment des Zufalls, die Akzeptanz der Panne und Spontanität. Sie verweigern sich der Reproduzierbarkeit, sie verweigern sich der Ökonomisierung von Filmkunst. Und sie fordern, sie erziehen ein autonomes Publikum, das nicht stiller Betrachter ist, nicht alles frisst, sondern das agitativ ist und durch Film denkt, das kritisch ist, wenn nötig spöttisch oder ablehnend. Wer den Saal verlassen möchte, tut das und beschwert sich hoffentlich lautstark. In den Kinosälen der Gegenwart wird uns all dies abtrainiert.

Szenenbild SPLAV MEDUZE (R: Karpo Godina)

Szenenbild
SPLAV MEDUZE
(R: Karpo Godina)

Die Arbeiten, die die Gruppe präsentiert, sind für ihre Macher von großer Bedeutung, gleichermaßen definierende für die antiinstitutionelle Filmgeschichte. Und noch davon finden nur diejenigen Filme den Weg in das Programm, die als Original beschafft werden können. Im Oktober folgte auf Heins Filmperformance eine 16mm-Vorstellung von WHITE ZOMBIE (R: Victor Halperin) mit musikalischer Begleitung im Rock Market – die erste Kinogeschichte über die titelgebenden Untoten. Am kommenden Valentinstag gibt es ein erotisches Kurzfilmprogramm zu entdecken. Jüngst war auch eine ausgiebige, dreitägige Retrospektive zum slowenischen Filmemacher Karpo Acimovic Godina zu genießen, prall gefüllt mit scharfsinnigen politische Parabeln, voller Humor und formalem Ideenreichtum, angereichert durch Anekdoten des geselligen Künstlers. Als ein landesweit bekannter Muskelprotz zwei Frauen einer Künstlergruppe Boxhandschuhe reicht, damit sie um seine Gunst gegeneinander kämpfen, kassiert er von der einen einen Kinnhaken und klappt um.

Es gibt Szenenapplaus.