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Hamburg ist nicht Cannes oder Venedig, aber zumindest was das Wetter angeht, scheint das Filmfest dieses Jahr in der A-Liga mitspielen zu wollen: Wo sich sonst mit Stürmen und Schauern der Herbst ankündigt, strahlt jetzt die Sonne von einem blitzsauberen blauen Himmel, als sei Hochsommer. Im Grindel-Viertel rund ums Abaton-Kino spielt sich das Leben auf der Straße ab, hippe Menschen in Flip-Flops und T-Shirts sitzen vor den Cafés, und unter dem Kunststoff-Dach des Festival-Zeltes, das dieses Jahr hier steht, herrscht Sauna-Atmosphäre. Auch im Dunkel des Kinos ist die Bitterkeit des Eröffnungsfilms Auf Wiedersehen einem etwas helleren Ton gewichen. Gestern wurde der politische Schwerpunkt „Macht“ mit Filmen aus Europa zwar fortgeführt. Aber es macht eben einen Unterschied, ob Macht wie im Iran unmittelbar repressiv und totalitär ausgeübt wird – oder, wie die europäischen Filme vorführen, zweifelhafte Charaktere anzieht, die sich in Selbstherrlichkeit ausschließlich um sich selbst drehen und dabei ziemlich lächerlich wirken. Macht – in dem einen Fall lebensbedrohlich, im anderen eine Droge für Egozentriker.

Am überzeugendsten führte gestern der französische Spielfilm The Minister von Pierre Schoeller eine politische Kaste vor, die in grandioser Selbstüberschätzung ausschließlich mit der eigenen Karriere beschäftigt ist. Der großartige französische Charakterdarsteller Olivier Gourmet (Der Sohn) spielt in seiner bisher besten Rolle den fiktiven französischen Transportminister Bertrand Saint-Jean. Mitten in der Nacht wird er von seinem engsten Mitarbeiter geweckt: Ein Reisebus ist in eine Schlucht gestürzt, mehrere Jugendliche sind tot. Saint-Jean reist mit seiner Beraterin an den Unfallort, um Betroffenheit zu demonstrieren. Bevor er ein Statement in die Kameras spricht, wird rasch noch seine Krawatte mit der des örtlichen Präfekten getauscht, der besseren Farbwirkung wegen. Dann flugs wieder ins Auto, zurück nach Paris, damit der Herr Minister schon am Morgen für die nächsten Interviews zur Verfügung steht. Ganz schnell wird die Tragödie durch andere politische Themen verdrängt, der Finanzminister will die Bahnhöfe privatisieren, Saint-Jean auf keinen Fall. Ein Machtkampf entspinnt sich, bei dem es ums politische Überleben geht, nicht um die Sache. „4000 Kontakte im Handy und nicht ein Freund darunter“, stöhnt Saint-Jean – und lädt sich bei der Familie seines schweigsamen Chauffeurs ein, wo er sich fürchterlich besäuft.

Es wäre ein leichtes gewesen, diese Figur zu überzeichnen und lächerlich zu machen. Drehbuchautor und Regisseur Pierre Schoeller lässt auch keinen Zweifel daran, dass der Minister jederzeit über Leichen gehen würde – und das im Verlauf der Films auch tut. Komplexer und wirklich abgründig wird der Mann aber erst dadurch, dass er seine Menschlichkeit immer wieder kurz zeigt, bevor er sie wieder tief in sich vergräbt. Er sieht seine Frau zwar nur selten, liebt sie aber aufrichtig. Als er am Anfang des Films bei den Leichen des Unfalls in einem Zelt steht, wird seine tiefe Erschütterung spürbar. Und als der Chauffeur – ein Langzeitarbeitsloser, der wegen einer plakativen Solidaritätsaktion der Regierung im Transportministerium ein Praktikum absolvieren darf – bei einem Unfall stirbt, ist Saint-Jean eigentlich in seinen Grundfesten erschüttert. Dann gehts aber weiter, als sei nichts geschehen. Menschliche Regungen leistet Saint-Jean sich ab und an, aber dann werden sie schnell weggedrückt. In seiner Welt haben sie nichts verloren.

The Minister überzeugt als komplexes Charakter- und finsteres Polit-Drama mit surrealen Einsprengseln. So beginnt der Film mit einem Traum des Ministers, in dem verhüllte Gestalten seinen Schreibtisch im Ministerium aufbauen und dann ein altes Krokodil eine nackte Frau verschlingt. Der Politikbetrieb ist lächerlich egozentrisch und seiner Aufgabe nicht gewachsen. Aus Schoellers druckvollen Cadragen spricht eine große Trauer darüber.

Französische Politiker bekommen beim Filmfest Hamburg in diesem Jahr ohnehin ihr Fett weg. Heute läuft noch The Conquest, ein Spielfilm darüber, wie Nicholas Sarkozys am 6. Mai 2007 zum Präsidenten gewählt wurde und am gleichen Tag seine Frau Cècilia verlor. Klingt reizvoll, aber der Film enttäuscht als überlanges TV-Drama mit ermüdenden Rede-Duellen. Die Inszenierung von Xavier Durringer ist schlaff, sie setzt talking heads ins Bild, findet aber nie zu einem visuellen Erzählen wie „The Minister“. Merkwürdig eigentlich, denn man sollte doch meinen, dass gerade der Giftzwerg Sarkozy, über den sich die Franzosen oft und gern lustig machen, eine Steilvorlage für eine saftige Satire bieten sollte. Aber dazu kann sich der Film nicht aufraffen, auch zum Drama leider nicht. Trotzdem – das Bild, das The Conquest von Politikern zeichnet, ist auch hier nicht gerade schmeichelhaft. Sarkozy, de Villepin und Chirac werden als eitle Gecken vorgeführt, die mit nichts anderem beschäftigt sind, als sich gegenseitig ein Bein zu stellen. Darin zeigen The Conquest und The Minister eine geradezu erschreckende Kohärenz.

Dass Politik auch lustig sein kann, beweist die isländische Doku Gnarr. Sie begleitet einen gleichnamigen Komiker, der sich nach dem Finanzcrash 2008 als Bürgermeisterkandidat für Reykjavik aufstellen lässt. Er gründet dazu eine eigene Partei, die er einfach „Beste Partei“ tauft. Die politischen Ziele der Vereinigung: Reykjavik soll ein eigenes Disneyland bekommen, und für den Zoo muss ein Eisbär her! Der beste Witz, nicht nur im Film, sondern auch in der Wirklichkeit: Jon Gnarr wird tatsächlich gewählt! Es ist herrlich zu beobachten, wie fassungslos die Konkurrenz von der „echten“ Politik, von der eigenen Wichtigkeit und Unersetzlichkeit überzeugt, daneben steht, zetert und nicht fassen kann, was geschieht. Dabei hat Gnarr in seinem Wahlkampf nicht anderes getan, als dem von sinnlos gewordenen Ritualen, lahmen Debatten und stereotypen Reden geprägten Politikbetrieb den Spiegel vorzuhalten. Wäre in Hamburg ähnliches geschehen wie in Reykjavik, wäre heute Hans Strunk, der bei der letzten Bürgerschaftswahl als Spitzenkandidat für „Die Partei“ antrat, Bürgermeister. Leider holte er nur 0,7 Prozent. Aber Gnarr zeigt ja, dass man auch in der Politik noch träumen darf. Bestimmt wird dann die Bürgermeisterrede zur Eröffnung des Filmfests witziger.

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