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Mit dem verstörenden FUNNY GAMES und dem nicht minder sehenswerten Remake FUNNY GAMES U.S. schuf der österreichische Oscar-Gewinner Michael Haneke zwei der außergewöhnlichsten Psychothriller der letzten zwanzig Jahre. Der Terror, der in Gestalt zweier unscheinbarer Besucher unvermittelt über eine ahnungslose Familie hereinbrach, gipfelte in beiden Filmen in psychischen Extremsituationen und bezog den Zuschauer durch die Aufhebung der „vierten Wand“ sogar direkt in die Handlung mit ein. Ganz so weit geht der niederländische Regisseur Alex van Warmerdam in seinem außergewöhnlichen Thrillerdrama BORGMAN, das auf dem Filmfest Hamburg 2013 seine Deutschlandpremiere feierte und auch in Cannes zu sehen war, zwar nicht, doch ist sein thematisch ähnlich gelagerter Film für das Publikum keine minder ausgefallene Erfahrung: BORGMAN ist ein zutiefst irritierendes, ungemein fesselndes und perfekt inszeniertes Leinwanderlebnis, das am besten funktioniert, je weniger man über die Handlung weiß – die Ausgangslage sei daher nur kurz angerissen.

Eine wohlhabende Familie um Mutter Marina (Hadewych Minis), die als Malerin arbeitet, und Vater Richard (Jeroen Perceval), der ein TV-Unternehmen leitet, erhält überraschenden Besuch: Auf der Türschwelle steht der bärtige Landstreicher Camiel Borgman (Jan Bijvoet), der unsanft aus seinem Unterschlupf in einem nahegelegenen Wald vertrieben wurde und nun ein Bad im Haus der Familie nehmen möchte. Der beruflich gestresste Richard weist den verwahrlosten Mann barsch zurück und lässt sich zu einer Kurzschlussreaktion hinreißen: Als Camiel seinem Wunsch Nachdruck verleiht und behauptet, er kenne Marina von früher, schlägt ihm der Familienvater brutal ins Gesicht und vertreibt ihn mit schmerzhaften Fußtritten. Diese Überreaktion beschert Camiel ein paar dicke Schrammen und veranlasst Marina dazu, dem Landstreicher vorübergehend im Gartenhaus Unterschlupf zu gewähren. Die Folgen sind fatal…

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FUNNY GAMES RELOADED? MITNICHTEN!

Welch finstere Gewitterwolken über dem Familienanwesen aufziehen, lässt sich aufgrund der humorvollen Grundnote des ersten Filmdrittels nur erahnen. Sieht am Anfang noch alles danach aus, als hauche Alex van Warmerdam FUNNY GAMES noch einmal neues Leben ein, entwickelt sich BORGMAN schon bald zu einem grotesken Gewitter aus geschickter Provokation, aberwitzigen Dialogen und perfider Manipulation. Anders als in Hanekes Filmen spielt die Gewalt aber nur eine untergeordnete Rolle: Mit dem vordergründig harmlosen Landstreicher Camiel, für den Marina schon bald ein unstillbares sexuelles Verlangen entwickelt, schleicht sich das personifizierte Böse auf leisen Sohlen ein und bringt die Familie mit seinen Psycho-Spielchen nach und nach unter seine Kontrolle. Sein souveränes Auftreten und die freche Selbstverständlichkeit, mit der sich der ungebetene Gast von Marina versorgen lässt, hinter Richards Rücken durchs Haus schleicht und den Kindern schaurige Gute-Nacht-Geschichten vorliest, generiert eine ganze Reihe an köstlich-absurden Momenten, die in ihrer Häufung aber zunehmend verstören und nach Erklärungen verlangen. Die amüsante Unbeschwertheit ist spätestens dann jäh beendet, als eines der unschuldigen Kinder plötzlich eine unbegreifliche Schreckenstat begeht und dem Zuschauer das Lachen binnen Sekunden gefriert.

Die Beweggründe des Mädchens bleiben ebenso rätselhaft wie das schwarze Kreuz, das Richard eines Morgens auf seiner Schulter entdeckt, und die markante Operationsnarbe, die Camiel und seine bald dazu stoßenden Handlanger zwischen den Schulterblättern tragen. Auch sonst bleibt reichlich Spielraum für Interpretationen: Marina wird von schrecklichen Alpträumen geplagt, weil Camiel nachts nackt auf ihrem Bett sitzt und auf unerklärliche Art und Weise in ihr Bewusstsein einzudringen scheint. Dabei verwischen zunehmend die Grenzen zwischen finsterer Wirklichkeit und schauderhaften Visionen: Es bleibt dem Zuschauer überlassen, sich seinen Reim auf die brutalen Horrorsequenzen zu machen, denn in BORGMAN wird das Böse nie wirklich greifbar. Klar ist nur, dass die Familie und die dänische Nanny Stine (Sara Hjort Ditlevsen) von einer bedrohlichen Macht infiltriert werden und der Frontalangriff auf das gut situierte Bürgertum von langer Hand geplant wurde: Wird im Haus zum Beispiel ein Arzt benötigt, der das heimtückische Treiben von Camiel & Co. entdecken und Alarm schlagen könnte, reicht ein kurzer Anruf, um den potenziellen Störenfried zu beseitigen und durch einen Komplizen ersetzen zu lassen.

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RASEN UND RASSISTEN

Alex van Warmerdam lässt es sich zudem nicht nehmen, selbst eine kleine Nebenrolle in seinem Film zu schultern: Als Baggerfahrer Ludwig beackert er den riesigen Garten der Familie, obwohl diese eigentlich nur einen Ersatzgärtner für das Bepflanzen der Blumenbeete gesucht hatte. Sein großflächiges Umgraben der penibel gestutzten Rasenflächen wird dabei zum unmissverständlichen Symbol des Films: Die Eindringlinge bringen das Unsichtbare an die Oberfläche, entlarven Marina und Richard als Rassisten und legen die Missstände innerhalb der vermeintlichen Familienidylle schonungslos offen.

Sollte BORGMAN – es ist dem Film sehr zu wünschen – wider Erwarten großflächig in den europäischen Kinos starten, dürfte ein Siegeszug beim Publikum gewiss und ein US-Remake wohl nur eine Frage der Zeit sein. Das zutiefst verstörende Thrillerdrama, in dem das Drehbuch einen Haken nach dem nächsten schlägt und dennoch konsequent auf eine unausweichliche Tragödie zusteuert, ließ das Publikum beim Filmfest Hamburg baff und sprachlos zurück. Auch mir wird der Film als persönliches Highlight des Festivals noch lange in Erinnerung bleiben.

Bilder: © Fortissimo Films