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ONLY LOVERS LEFT ALIVE: © Pandora Film | Hanway Films

ONLY LOVERS LEFT ALIVE: © Pandora Film | Hanway Films

Keine Frage: Der unumstrittene Stargast beim Filmfest Hamburg ist in diesem Jahr die britische Schauspielerin Tilda Swinton, die in der Hansestadt mit dem Douglas-Sirk-Preis ausgezeichnet wird. Im Programm des Festivals ist Swinton in Jim Jarmuschs ONLY LOVERS LEFT ALIVE zu sehen, einem ironisch-bissigen Vampirfilm, der in Cannes seine Weltpremiere feierte und den ich in Hamburg leider nicht mehr zu sehen bekomme. Doch auch ohne den Besuch der feierlichen Preisverleihung verlasse ich die Waterkant nach viereinhalb spannenden Festivaltagen mit dem Gefühl, dass es in diesem Jahr vor allem weibliche Charakterköpfe wie Swinton sind, die im Programm die Duftmarken setzen: Der bärenstarke Eröffnungsfilm GABRIELLE, die verstörende Gewaltorgie MOEBIUS oder die überragende Lavinia Wilson im TATORT aus Kiel: Frauenpower, wohin man blickt. Das gilt auch für J. Jackie Baiers Langzeit-Dokumentation JULIA und Christian Alvarts Thrillerdrama BANKLADY – zwei Filme, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.

JULIA

JULIA: © Johanna Jackie Baier

JULIA: © Johanna Jackie Baier

Dreckschweine! Alle in einen Sack stecken und draufhauen!

Das sind noch die mildesten Worte, die die litauische Prostituierte JULIA, um die sich in J. Jackie Baiers gleichnamiger Langzeit-Dokumentation alles dreht, bei der Deutschlandpremiere ihres Films für ihre osteuropäischen Landsleute übrig hat. Als die Produzentin des Films den Hamburger Zuschauern nach dem Abspann freudestrahlend bekannt gibt, dass Baiers Nischenfilm auch in Litauen einen Verleih gefunden hat, verlässt Julia plötzlich wüst pöbelnd das Podium und geht erst mal in Ruhe eine Zigarette rauchen. Ein PR-Gag? Nein. Es ist genau die ehrliche Reaktion, die man von der exzentrischen Transsexuellen erwartet: Julia ist nun mal ein Original, sie verstellt sich nicht und hat ihrem Heimatland bis heute nicht verziehen, dass sie es zum freien Ausleben ihrer Transsexualität verlassen musste. Im Publikum erntet die Hauptdarstellerin für ihren Auftritt reichlich irritierte Gesichter – man hätte sich gewünscht, sie wäre im Saal geblieben, um an der erfreulich kontroversen Diskussion über Baiers Dokumentation teilzunehmen.

Doch auch so lohnte der Besuch im Hamburger Metropolis-Kino: JULIA überzeugt als ungeschminktes Porträt und authentische Milieustudie gleichermaßen und ist allein schon aufgrund der zehnjährigen Produktionszeit ein bemerkenswertes Projekt. J. Jackie Baier lernte JULIA einst in einem Berliner Club kennen und wich der heroinsüchtigen, Aquarelle malenden Prostituierten mit Einser-Abitur und Kunststudium in den Folgejahren nicht mehr von der Seite. Wer für die exzentrische Hauptdarstellerin, die vor der Kamera einen mutigen Seelen-Striptease hinlegt, keine Sympathie empfinden kann, wird das Langzeitprojekt allerdings trotz der humanen Laufzeit von 89 Minuten kaum durchstehen: Julia ist zwar eine ungemein authentische Persönlichkeit, der es sich Zuzuschauen lohnt, zugleich aber auch aufgrund ihrer geschwollenen Ausdrucksweise und der permanenten psychischen Extremzustände eine verdammt anstrengende Gesprächspartnerin. Anders als Baiers Filmprojekt ist das Sozialprojekt JULIA noch lange nicht abgeschlossen – das macht nicht nur die Dokumentation, sondern auch Julias ungewöhnlicher Auftritt bei der Premiere des Films unmissverständlich deutlich.

BANKLADY

BANKLADY: © Studiocanal Germany

BANKLADY: © Studiocanal Germany

Authentische Low-Budget-Dokumentationen auf der einen, kurzweiliges Popcorn-Kino auf der anderen Seite: Beim Filmfest Hamburg ist auch in diesem Jahr für jeden Geschmack der passende Film dabei. Schon ein halbes Jahr vor dem bundesweiten Kinostart präsentiert Filmemacher Christian Alvart, der sein gutes Gespür für schmal budgetiertes Actionspektakel zuletzt mit dem Til Schweiger-TATORT WILLKOMMEN IN HAMBURG unter Beweis stellte, seinen neuen Kinofilm BANKLADY – und der entpuppt sich als unterhaltsame deutsche Kreuzung der Hollywood-Vorbilder PUBLIC ENEMIES und CATCH ME IF YOU CAN. Hier jagt zwar nicht Tom Hanks Leonardo DiCaprio, sondern die Großstadtbullen Fischer (köstlich: Ken Duken) und Kaminsky (noch köstlicher: Heinz Hoenig) jagen die BANKLADY Gisela Werler (Nadeshda Brennicke), doch das Ergebnis ist nicht minder unterhaltsam: Die BONNIE & CLYDE-Geschichte, die vor Hamburger Lokalkolorit nur so strotzt, macht auch dank des stimmigen 60er Jahre-Feelings einfach Laune. Ein ums andere Mal kommen die Polizisten, die mit dem Täterprofil der ersten deutschen Bankräuberin vor einer noch nie dagewesenen Herausforderung stehen, zu spät und ernten dafür die Lacher des Publikums.

Es sind aber auch die köstlichen Anlaufschwierigkeiten der sympathischen, vom Häuschen auf Capri träumenden BANKLADY, die das humorvoll angehauchte Thriller-Drama so unterhaltsam machen: Werler ist als Bankräuberin anfänglich schließlich noch vollkommen unerfahren und muss erst lernen, dass das Wahren der Etikette beim Eintüten der Tausender vernachlässigt werden kann. Erfreulicherweise ist sich Alvart der Kragenweite seiner Geschichte stets bewusst und versucht gar nicht erst, die Überfallserie auf kleine Provinzfilialen künstlich auf Hollywood-Format zu trimmen: Einzig die Sepia-Optik, die unschöne Erinnerungen an Schweigersches Kommerzkino wie KEINOHRHASEN oder KOKOWÄÄH weckt, stört ein wenig. Nötig hat sie die BANKLADY keineswegs: Auch ohne die vergilbte Farbgebung fühlt man sich ruckzuck in die 60er Jahre versetzt, weil im Radio Connie Francis‘ Ohrwurm SCHÖNER FREMDER MANN dudelt und Prinzessin Beatrix ihrem zukünftigen Ehemann im Fernsehen das Ja-Wort gibt. Ein sympathischer, eng an die historischen Fakten angelehnter und erstklassig besetzter Popcorn-Spaß, bei dem auch die Charakterzeichnung nicht zu kurz kommt.

Mein persönliches Festival-Highlight ist aber das holländische Meisterwerk BORGMAN, zu dem in Kürze noch eine ausführliche Rezension erscheinen wird.