Seite auswählen
Allgemein_1

© Filmfest Hamburg/Cordula Kropke

Eine Stadt der Kontraste war Hamburg schon immer: In kaum einer anderen deutschen Metropole wird die Spanne zwischen Arm und Reich im Alltag so greifbar, begegnen dem Gelegenheitsbesucher auf der Straße Menschen aus so vielen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Die Eröffnungsfeier des Filmfests Hamburg 2013 fügt sich hervorragend in dieses Gesamtbild der Hansestadt ein: Am Fuße der Rothenbaumchaussee, in der chirurgische Kliniken, teure Schönheitstempel und renommierte Anwaltskanzleien gleich reihenhausweise eine feste Heimat gefunden haben, findet sie statt – im größten Saal des Hamburger CinemaxX-Kinos, in dem sich an diesem Abend die geladenen oberen Zehntausend und Filmschaffende von A wie Akin bis Y wie Yardim die Klinke in die Hand geben und bei der anschließenden Feier im Edelhotel Grand Elysee auf das gelungene Sehen-Und-Gesehen-Werden anstoßen. Ein paar Meter weiter bitten Punks am S-Bahnhof Dammtor Passanten (und Filmfestbesucher) um ein paar Euro, suchen Obdachlose nach einer windgeschützten Ecke: Es ist frisch geworden im norddeutschen September, und es herrscht bestes Kinowetter.

GABRIELLE

GABRIELLE

© Alamode Filmdistribution OHG

Das diesjährige Programm des Hamburger Filmfests geizt ebenfalls nicht mit Kontrasten: Wie bunt und damit reizvoll die Filmauswahl 2013 aufgestellt ist, zeigt allein die Gegenüberstellung des ersten und letzten Films, den ich bei meinem ersten Besuch des Festivals zu sehen bekomme. Da ist zum einen das rührende, aber nie rührselige Liebesdrama GABRIELLE, der diesjährige Eröffnungsfilm, in dem sich die überragende, am Williams-Beuren-Syndrom leidende Hauptdarstellerin Gabrielle Marion-Rivard in Rekordtempo in die Herzen des Hamburger Publikums spielt und nach dem Abspann vom bis auf den letzten Platz gefüllten Kinosaal feiern lässt: Der kanadische Beitrag für den besten ausländischen Film bei der nächsten Oscar-Verleihung gewann bereits den Publikumspreis in Locarno und ist auch in Deutschland auf dem besten Weg zu einem echten Arthouse-Hit. Regisseurin und Drehbuchautorin Louise Archambault inszeniert eine humorvoll angehauchte, musiklastige Liebesgeschichte zweier Menschen mit geistiger Behinderung, die durch die wöchentliche Chorprobe zueinanderfinden und sich am liebsten nie wieder loslassen möchten. Dabei setzt Archambault nur vordergründig auf die klassische Musikfilm-Dramaturgie, bei der alles auf ein großes Bühnenfinale zusteuert, denn sie räumt der Liaison zwischen Gabrielle und Martin (Alexandre Landry) ausreichend Raum ein und arbeitet die sich rasant entwickelnden Gefühle zwischen den beiden mit inszenatorischer Raffinesse, kitschfrei und mit gutem Gespür für ihre sympathischen Figuren aus.

MOEBIUS

Moebius_1

© MFA + Filmdistribution

Zum anderen zeigt das Filmfest in diesem Jahr auch Kim Ki-duks skandalumwittertes Inzestdrama MOEBIUS, das im Heimatland des koreanischen Regie-Exzentrikers für reguläre Kinovorstellungen gesperrt wurde, aber zumindest den Weg nach Venedig fand und auch nach Hamburg findet: Es ist der letzte Film, den ich beim diesjährigen Filmfest sehe, und der mit Abstand verstörendste. Hätte man MOEBIUS – eine köstliche, wenn auch vollkommen absurde Vorstellung – als Eröffnungsfilm ausgewählt, wäre der Eklat im CinemaxX-Kino wohl perfekt und die Titelseiten der Hamburger Tagespresse sicher gewesen: Selbst bei der nachmittäglichen Akkreditiertenvorstellung, in der neben Filmemachern und experimentalfilmgestähltem Publikum auch viele festivalerprobte Journalisten im Saal sitzen, verlassen die Zuschauer fast im Minutentakt den Saal. Überraschend ist das nicht: Kim Ki-duk erzählt in seiner freizügigen Sex- und Gewaltorgie die Geschichte eines Sohnes, dem die eigene Mutter in einem Tobsuchtsanfall den Penis abschneidet und ihn anschließend genüsslich vor den Augen ihres Ehemannes verspeist. In der Folge kann der bemitleidenswerte Teenager nur noch durch starken Schmerz stimuliert werden, scheuert sich mit Steinen die Unterarme auf und lässt sich von einer vollbusigen Supermarktverkäuferin beim Liebesakt ein Messer in die Schulter rammen, das diese geduldig in seinem Fleisch hin- und herbewegt. Wer glaubt, im Kino schon alles gesehen zu haben, wird von Kim Ki-duks komplett dialogfreiem, extrem polarisierenden Kunstblutspektakel, das sich anfühlt wie eine antike Tragödie im Schafspelz, eines Besseren belehrt.

UND SONST SO?

Manuscripts_dont_burn_1

© Elle Driver

Ansonsten ist das Filmfest Hamburg – wie Festivalleiter Albert Wiederspiel bei seiner mit zahlreichen Judenwitzen gespickten, humorvollen Eröffnungsrede betont – politisch wie selten: Die Sektion „Deluxe“ beispielsweise ist in diesem Jahr allein dem iranischen Kino gewidmet, Hany Abu-Assads palästinensischer Film OMAR wird am 5. Oktober als Abschlussfilm des Festivals gezeigt. Ich bin an diesem Tag nicht mehr vor Ort, möchte aber dennoch ein Gespür für das Kino aus dem Nahen Osten entwickeln und schaue stattdessen den ebenso packenden wie politisch hochbrisanten Thriller MANUSCRIPTS DON’T BURN aus der Sektion „Wort!“: Mohammad Rasoulofs iranischer Film erzählt in tristen, aber ungemein authentischen Bildern die Geschichte zweier Profikiller, die systemkritischen Schriftstellern nachstellen, sie foltern und verhören, sie im Kofferraum verschleppen und qualvoll ersticken. Welche politische Relevanz dieser Film im Iran genießt, belegt allein der ungewöhnliche Abspann: Die Leinwand bleibt minutenlang schwarz, weil die Namen der Filmcrew aufgrund der Zensur und der zu befürchtenden Repressalien durch das Regime lieber ungenannt bleiben sollen. Mehr Politik geht nicht! Und als hätten es die Filmemacher geahnt, erreicht mich zwei Tage nach der Akkreditiertenvorstellung die Pressemeldung, dass der iranische Regisseur bei der Deutschlandpremiere seines Films am 1. Oktober nicht anwesend sein kann – ihm wurde in seinem Heimatland der Reisepass abgenommen.