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„Sicherlich werde ich kein Mittel scheuen, um sie zu pervertieren, um in ihr all die falschen moralischen Prinzipien zu zerstören, umzustoßen, mit denen man sie vielleicht schon verdummt hat; ich will sie in zwei Unterrichtsphasen ebenso ruchlos machen, wie ich es bin … ebenso gottlos … ebenso verderbt.“ (Madame de Saint-Ange in „Die Philosophie im Boudoir“)

Ein neuer Sono ist grundsätzlich immer ein mit Spannung erwartetes Ereignis. Da man nie weiß, was einem das japanischen Multitalent diesmal vor die Füsse werfen, zu Schlucken geben wird, erwartet man von Sion Sono im Grunde vor allem eines: das Unerwartete. So auch bei seinem neuen Streich Guilty of Romance (Koi no tsumi), dem mittlerweile bereits dritten Film seit seinem Siegeszug mit dem betörenden Ungetüm Love Exposure von 2008. Doch die Tatsache, dass man mittlerweile ein Oeuvre von über zwanzig Filmen vorgelegt, Kultstatus erreicht hat und Fangemeinde wie Kritik die Messlatte immer höher ansetzt (und bei einem „nur guten“ Film möglicherweise enttäuscht von dannen ziehen würde), macht einem Regisseur die Arbeit nicht gerade leicht – dem Kritiker allerdings auch nicht. Vor allem dann nicht, wenn er gestehen muss, dass er ein Gutteil des Frühwerks noch nicht in Augenschein genommen hat und ihm die letzten beiden Filme irgendwie „durch die Lappen gegangen“ sind. Der eingefleischte Fan möge darob etwas Nachsicht mit dem Rezensenten haben.

Zunächst: man ist erneut bass erstaunt, mit welcher Freude und Virtuosität Meister Sono erneut (westlich-traditionelle) Genregrenzen niederreißt, die gesamte Klaviatur menschlicher Emotion anschlägt, von einer Minute auf die nächste von der sensiblen Charakterstudie in die grelle Farce wechselt, von Dur zu Moll, vom Pathos der Oper zur bunten Ausgelassenheit der Zirkusmanege. Von der präzise beobachteten und (zunächst) in hellen Farben erzählten Geschichte von Selbstfindung und sexuellem Erwachen in den dunklen, verregneten Abgrund von Obsession und grausamer Verstümmelung, von der zunehmend überdrehten Komödie in die Welt des Psychothrillers.

Mit und gegen Genrekonventionen hinterfragt Sono die phallokratische Perspektive, in der die Frau entweder als Heilige verehrt oder als Hure verdammt wird, während dem Mann zugestanden wird, (metaphorisch gesprochen) bei Tag die Rolle des ehrenwerten Bürgers, liebenden Ehemanns und Vaters zu spielen und in der Nacht seinen wahren Leidenschaften zu frönen, zum reinen Triebwesen zu werden und bei den „gefallenen Engeln“ seinen Appetit zu stillen. Eine Perspektive, in der die Frau sich entweder (naiv-romantisch, wissentlich oder unwissentlich) als „Liebende“ und/oder gesellschaftlicher Konvention folgend dem männlichen Willen unterwirft – oder (kalt-kalkulierend, wissentlich) diesem andient, ihren Körper gegen Bezahlung feilbietet, kurz: stets lediglich Objekt der Lust ist, nie selbstbestimmtes Subjekt.

Sono legt in seinem in vier Kapitel unterteilten Opus den Fokus abwechselnd auf drei Frauenfiguren: Izumi (Megumi Kagurazaka), unterwürfige Gattin eines berühmten Literaten, die eben erst begonnen hat, die „dunkle“, wollüstige Seite ihrer Sexualität zu entdecken – und unversehens aus der „bürgerlich-heilen“ Spur gerät. Yoshida (Miki Mizuno), die toughe Polizistin, die sorgsam darum bemüht ist, ihre sexuellen Gelüste unbemerkt von Ehemann und Kollegen mit einem ominösen Lover auszuleben. Und Mitsuko (Makoto Togashi), Literaturprofessorin und gestrenge Zuchtmeisterin Izumis, die offenbar keine Probleme mit ihrem Doppelleben als Akademikerin und Prostituierte hat, ihren Studenten gar Rabatt für ihre Dienste anbietet. Die einzelnen Handlungsstränge verschlingen sich zusehends zu einem überbordenden Panoptikum (verborgener) weiblicher Sexualität – allerdings aus einer dezidiert männlichen Perspektive. Denn der weibliche Körper als Objekt der (eigenen) Lust bleibt bei Sono immer auch Schauobjekt für den männlichen Blick, wird als solches inszeniert und – für japanische Verhältnisse erstaunlich freizügig, d.h. „unverpixelt“ – der (in der feministische Filmtheorie per se „phallischen“ attributierten) Kamera dargeboten.

Eros und Thanatos, Engel oder Hure, sexuelle Selbstbestimmung versus Elektrakomplex: Sono mixt Gesellschaftskritik und Freudianische Trieblehre, feinsinnig Beobachtetes und derb Pornographisches, hohe Literatur (Ryuichi Tamuras Poem On my way home und durcheinandergewirbelte Motive aus dem Oeuvre Kafkas) und wüste Explorationen in die (aus puritanisch-bürgerlich-christlicher Sicht) niederen Gefilde des Fleisches, wechselt von barocker Instrumentalmusik und Mahlers Fünfter zu treibend-perkussivem Synthesizerscore, usw. Dabei gelingen ihm erneut wunderbar subtile wie provokant-überdrehte Szenen und Sequenzen.

Doch ach: die Teile wollen sich nicht so recht zu einem stimmigen, harmonischen Ganzen fügen, der Film nicht den richtigen Rhythmus finden. Einzelne Erzählstränge muten zu lang an, zu ausufernd, andere gehen währenddessen in der Erinnerung fast verloren. Andere wiederum bleiben bloße Farbtupfer, dramaturgisch redundant. Originell auf die Spitze getriebene Szenen driften ins Exzessiv-Hysterische ab, bringen den Film aus dem Gleichgewicht. Es scheint, dass Sonos wilde, überbordende Fantasie der (wirklich) langen Form bedarf, um sich voll künstlerisch entfalten zu können. Außer er beschränkt sich wie in etwa Strange Circus (2005) auf eine überschaubare Anzahl von ProtagonistInnen – ein Film übrigens, der ähnlich in sexuelle Abgründe vordringt, in die dunklen Geheimnisse der eigenen Psyche, der (alles andere als unschuldig-heilen) Kindheit. Und dabei thematisch und dramaturgisch bereits vieles vorwegnahm, bitteres Drama, Charakterstudie und Psychothriller zugleich ist.

Schnitzlers Traumnovelle, de Sades Philosophie im Boudoir, Buñuels Belle de Jour, die Filme von Breillat, Noé, Dumont und vieles mehr kommt einem (zumindest thematisch-motivisch, aus eurozentrischer Perspektive) in den Sinn. Die Ahnen und Wegbereiter im japanischen Kino (von Teshigahara über den pinku eiga seit den 1970ern bis heute) scheinen zu vielzählig, um sie hier anzuführen. Sonos maßlose Übersteigerung, exzentrische Stilisierung und genrezersetzende Unbekümmertheit sind wiederum (auf ihre Art) schon ziemlich einzigartig. Sie lassen aber unweigerlich Zweifel daran aufkommen, wie ernst es ihm in puncto „sexueller Aufklärung“, mit der Kritik an gesellschaftlichen Zuständen ist, büßt er doch dadurch die schonungslose Härte und emotionale Unmittelbarkeit der Werke der Franzosen/Belgier ein, die direkt auf die Eingeweide abzielt. Andererseits: wer würde auf die Idee kommen, Sono einen sozialkritischen oder gar (offen) politischen Filmemacher nennen zu wollen? Dafür scheint ihm die Rolle des enfant terrible des japanischen Gegenwartskinos (natürlich neben Miike) viel zu großen Spaß zu machen.

Nachtrag: als der Abspann einsetzt ist man fast geneigt, dem mittlerweile fast 50-Jährigen alle Patzer zu verzeihen. Sono nimmt da wunderbar unangestrengt die Anekdote eines Kollegen von Yoshida wieder auf, die man schon fast vergessen hatte, kann es aber nicht lassen, diesen kleinen Epilog wiederum mit einer Volte, einer Fußnote zu versehen. Schade. Manchmal sollte man es vielleicht auch einfach mal gut sein lassen – und nicht auf Teufel komm raus originell oder fintenreich sein wollen.