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Der Fittich der Straußin hebt sich fröhlich; aber ist’s ein Gefieder, das sorgsam birgt? Lässt sie doch ihre Eier auf der Erde liegen zum Ausbrüten auf dem Boden und vergisst, dass ein Fuß sie zertreten und ein wildes Tier sie zerbrechen kann! Sie ist so hart gegen ihre Jungen, als wären es nicht ihre; es kümmert sie nicht, dass ihre Mühe umsonst war. Denn Gott hat ihr die Weisheit versagt und hat ihr keinen Verstand zugeteilt. Doch wenn sie aufgescheucht wird, verlacht sie Ross und Reiter.
(Buch Hiob, Kapitel 39, 13-18)

Von New Orleans nach San Diego, aus den Sümpfen Louisianas in den Südwesten Kaliforniens, anstatt der garstigen Alligatoren aus Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans nun rosa Flamingos. Und anstatt dem ‚Deadpan-Mimen‘ Nicholas Cage nun der famose Michael Shannon in der Rolle des Exaltiert-Entrückten. Den Exzentriker hinter der Kamera gibt in My Son, My Son, What Have Ye Done wiederum Werner Herzog selbst, allerdings unterstützt durch einen anderen Solitär des Weltkinos – denn als ausführender Produzent dieses Projekts zeichnet niemand geringerer als David Lynch verantwortlich. Und man fragt sich mitunter, wer hier womöglich wen beeinflusst haben mag und ertappt sich beim Gedanken, ob sich nicht womöglich geheime Fäden von Filmen wie Herzogs Auch Zwerge haben klein angefangen von 1970 hinein in das Werk von Meister Lynch ziehen. Andererseits scheint wiederum dessen Produzententätigkeit Spuren in Herzogs Film hinterlassen zu haben. Am offensichtlichsten bei der Besetzung von Mrs. McCullum mit Twin Peaks-Mama Grace Zabriskie.

Ausgangspunkt für Herzogs Genredekonstruktion (beim Drehbuch hat ihn der Klassische Philologe Herbert Golder unterstützt) war der wahre Fall des Mark Yavorsky, einem graduierten Studenten, erfolgreichen Basketballspieler und passionierten Amateurschauspieler an der Universität von San Diego. Dieser verließ am Morgen des 10. Juni 1979 das Haus, in dem er zusammen mit seiner Mutter wohnte, überquerte die Straße, tötete die bei einer Nachbarin Zuflucht suchende Mutter mit einem antiken Säbel – und wurde später frei gesprochen, da der Richter ihn für geisteskrank erklärte und ins Patton State Hospital einweisen ließ. Yavorsky selbst erklärte seine Tat damit, er hätte seine Mutter vor einem bevorstehen atomaren Holocaust bewahren wollen. Nach einem Peruaufenthalt hatte er sich stark verändert und war u.a. wenige Wochen vor der Tat von der Hauptrolle in einer Studentenaufführung der Orestie entbunden worden, da er sich offenbar zu sehr mit seiner Figur zu identifizieren schien. Orestes tötet in der Trilogie von Aischylos seine Mutter Klytaimnestra und deren Geliebten Aigisthos, nachdem diese ihren Mann Agamemnon und dessen Geliebte Kassandra getötet hat. Orestes wird dafür jedoch nicht mit dem Tod bestraft, sondern durch göttliche Intervention freigesprochen und der Fluch, der seit Generationen auf der Familie lastet, dadurch schließlich durchbrochen.

Wie in Bad Lieutenant (und im Grunde all seinen Filmen) trägt Herzog dem genius loci des Schauplatzes explizit Rechnung, vermengt Fakt und Fiktion und würzt diese Melange reichlich mit ‚Herzogismen‘ und Verweisen auf das eigene Werk. So etwa wenn die Kamerabewegung, die in der ersten Rückblende (die erste von vielen) des Films Peru als Schauplatz etabliert, eine ähnliche Bewegung zu Beginn von Aguirre zu wiederholen scheint (Schauplatz ist auch dort Peru – innerhalb der Fiktion allerdings das des 16. Jahrhunderts). Herzog gibt sich auch keine erkennbare Mühe, seine Geschichte in die damalige Zeit zu verlegen. Ort der Handlung scheint vielmehr das San Diego der Jetztzeit zu sein.

Dort werden die Detectives Havenhurst (Willem Defoe) und Vargas (ein kleine Hommage an WellesTouch of Evil?) eines Morgens in ihrer Konversation über u.a. die Kunst des Kaffetrinkens während des Autofahrens unterbrochen und an einen Tatort gerufen. Dort treffen sie unter den Schaulustigen – ohne sich dessen schon bewusst zu sein – auf den baldigen alleinigen Tatverdächtigen Brad McCullum (Michael Shannon), der wirren Blicks und scheinbar sinnloses Zeug vor sich hin brabbelnd („Razzle them, dazzle them – razzledazzle them!“) von dannen zieht, seine beiden Flamingos, seine „eagles in drag“ McDougal und McNamara tätschelt und sich in sein Haus zurückzieht. Darin verbarrikadiert er sich mit der Behauptung, er hätte zwei Geiseln in seiner Gewalt.

Dort treffen schließlich kurz nacheinander Brads Freundin (die immer noch hinreißende Chloë Sevigny) und Lee Myers, der Regisseur der Orestie-Aufführung (der immer noch einzigartige Udo Kier) ein und erhellen durch ihre – eine Reihe von Rückblenden einleitenden – Erzählungen die jüngste Vergangenheit von Brad, sein Verhältnis zu seiner Mutter und die nach seiner Rückkehr aus Peru einsetzende Persönlichkeitsveränderung. Seit ihm dort eine innere Stimme befohlen hatte, sich nicht wie seine Begleiter mit dem Boot in den reißenden Strom eines Flusses zu stürzen und er als einziger lebend aus Südamerika zurückkehrt (alle anderen sind im Fluss ertrunken) bittet er darum, man möge ihn fortan Faruk nennen, hört immer noch die innere Stimme (die ihm schließlich den Mord an seiner Mutter befehlen wird) und glaubt Gottes Antlitz auf einer Dose Haferflocken zu erkennen.

Die Rückblenden führen unter anderem auf die Hühner- und Straußenfarm seines Onkels (Brad Dourif, der bereits in Bad Lieutenant und als Alien in The Wild Blue Yonder (2005) zu sehen war), nach Kanada, Tichuana und in das Navy-Krankenhaus, in dem sein Vater gestorben ist – seine Angabe, er wolle „the sick in general“ besuchen, nutzt Herzog gar für einen Lacher. Überhaupt ist es der ironisch-distanzierte Blick auf das Geschehen und damit auch der zuweilen durchaus ebenso ironische Blick auf das eigene, mittlerweile zum Teil bereits historisch gewordene Oeuvre, der überrascht und dem zum Teil allzu großen Pathos der Herzog‘schen Werke und Statements angenehm entgegenwirkt.

Herzog zeigt sich wie bereits im Lieutenant als eine Art Schmuggler, der Versatzstücke, Zitate aus dem eigenen Werk, dem Kino von Lynch oder aus der Bibel, mit der Digicam (wahrscheinlich ohne Genehmigung) in Tichuana gedrehte Szenen oder auch dokumentarisch-ethnographisch anmutende Aufnahmen in den Film einschleust. Die zunächst als disparat empfundenen Elemente (wie etwa das Vogel Strauß-Thema) scheinen bei einem zweiten Blick durchaus ihren Sinn innerhalb des Gesamtg
ewebes zu haben (siehe das Eingangszitat, auf das auch im Film kurz angespielt wird). Den möglichen Vorwürfen, er mache nun konventionelles Genrekino, arbeitet er entgegen, indem er z.B. die Narration aushebelt (wenn er etwa das Geschehen in arrangierten Tableaus stillstellt) und die durch die Kriminalhandlung geweckten (Genre-)Erwartungen unterminiert, wenn er etwa einerseits die eigentliche Tat den Blicken entzieht und andererseits schlussendlich das auf den scheinbar unvermeidlichen Showdown zulaufende Erzählkonstrukt wie ein Kartenhaus zusammenfallen lässt.

Die je eigene Erwartungshaltung des Zuschauers mag auch ausschlaggebend dafür sein, ob er diesen Patchworkfilm als „bloody mess“ empfindet (wie nicht wenige Kritiker in den USA, wo der Film bereits letztes Jahr gestartet wurde). Oder ob er (wie der Rezensent) die ‚Ruppigkeit‘ und die Volten des Films – wie es die Figur des Brad immer wieder tut – mit einem „So what?“ quittiert und angenehm überrascht zur Kenntnis nimmt, dass das vermeintliche Korsett aus reglementierten Produktionsabläufen und Genrekonventionen Herzog zu einer Art ‚Nonchalance‘ verholfen haben, die der ‚Verbissenheit‘ anderer Herzog-Arbeiten wohltuend entgegensteht. Sein neuestes Werk ist bereits in der Post-Production: eine 3D-Doku über Höhlenmalerei.

Dass das Erbe des Neuen Deutschen Films, seiner Seitenlinien und Ausläufer noch andernorts auf der Welt präsent ist, scheint Gust Van den Berghes Hochschulabschlussfilm En waar de sterre bleef stille staan (Little Baby Jesus of Flandr) nahezulegen, wirkt dieser doch als hätten sich Motive und Figuren aus dem frühen Herzog-Oeuvre oder den Filmen/Projekten Christoph Schlingensiefs in einen Film von Bela Tarr verirrt. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Stück des flämischen Autors Felix Timmermann von 1924 in dem die drei Bettler Pitje Vogel, Suskjewiet und Schrobberbeeck sich – inspiriert von einer Begegnung mit einer umherziehenden Familie, die auf der Suche nach einer Bleibe kurz in ihrer Stammkneipe Station macht – wie die Heiligen Drei Könige durch die Gegend ziehen und um Almosen bitten. Nachdem sie den ersten erzielten Gewinn sofort wieder in Alkohol umsetzen, stellt die Wiederbegegnung mit der Familie in einer Bauhütte ihre Freundschaft und ihren Glauben auf die Probe. Denn während Suskjewiet fest davon überzeugt ist, dass es sich tatsächlich um die Heilige Familie und um das neugeborene Jesuskind handelt, scheinen die beiden anderen nicht ganz so überzeugt und fragen sich, warum sie der Familie all ihre Hab und Gut überlassen haben. Suskjewiet mutiert zu einer Art Heiligen, während Pitje Vogel sich vom Teufel für das Versprechen von Geld und Alkohol seine Seele abschwatzen lässt. Schrobberbeeck dagegen scheint eher dem Ideal eines nicht allzu frommen, anständigen Lebens zu folgen.

Neben der schwarz-weißen ‚Tarr-Ästhetik‘ (etwa lange Kameraschwenks untermalt von Akkordeonklängen), die leider auch die Begrenztheiten des digitalen Materials hinsichtlich Auflösung/Schärfe und Kontrastumfang offenbart, ist es vor allem die Besetzung der Hauptfiguren mit Darstellern mit Down Syndrom, die den Film des ehemaligen Tänzers Van den Berghe ungewöhnlich macht. Allerdings stellt sich auch die Frage (ähnlich wie etwa nicht selten auch bei Herzog), ob dieser ‚Besetzungscoup‘ tatsächlich mehr als ein bloßes ‚Kuriosum‘ darstellt und die ‚Andersheit‘ tatsächlich gewürdigt wird – oder bloß (wenn auch unbeabsichtigt) ausgestellt. Diese lässt sich auch hier nicht eindeutig beantworten. Zudem stellt sich der Verdacht ein, dass Little Baby Jesus – abgesehen von einigen wunderbaren Bildfindungen (etwa das Schaukelmotiv oder die auf dem Meer treibenden Kruzifixe in Ruderbooten) – möglicherweise schnell wieder dem Vergessen anheimfallen wird. Bleibt abzuwarten, was Van den Berghe nach dieser vielversprechenden Finger-/Stilübung als nächstes auf die Leinwand bringen wird.

My Son, My Son, What Have Ye Done
R: Werner Herzog
D: Willem Dafoe, Michael Shannon, Chloe Sevigny, Udo Kier, Brad Dourif, u.a.
USA/Deutschland 2009, 93 Min.

En Waar De Sterne Bleef Stille Staan / Little Baby Jesus Of Flander
R: Gust Van den Berghe
D: Jelle Palmaerts, Peter Janssens, Paul Mertens
Belgien 2010, 74 Miin.