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Exposition: Ein französisches Pärchen kommt von der Straße ab. Im ersten Moment froh, den Sturz überlebt zu haben, sehen sie sich schon einer neuen Bedrohung ausgesetzt: vermummte Figuren tauchen auf, trachten ihnen offenbar nach dem Leben. Die ebenso hektisch gefilmte wie geschnittene Verfolgungsjagd durch den dämmrigen Wald soll uns in Alarmbereitschaft versetzen, ein latentes Gefühl der Bedrohung über die kommenden Szenen legen: seid auf der Hut, denn im Wald da sind die Räuber! Oder wer auch immer sich hinter den um den Leib geschlungenen Stofffetzen verbergen mag…

Wir schreiben das Jahr 2016. Die Erdatmosphäre hat sich innerhalb weniger Jahre um 10° Celsius erwärmt und weite Landstriche sind zur unwirtlichen Wüste, nahezu unbewohnbar geworden. Vor allem tagsüber, wenn die Sonne am Himmel steht und die ungeschützte Haut innerhalb weniger Stunden gnadenlos verbrennt. Nahrungsmittel und Wasser sind knapp geworden, jeder neue Tag ist ein Kampf ums Überleben. In der Hoffnung dort Schutz und Wasser zu finden, machen sich Marie (Hannah Herzsprung), ihre Schwester Leonie (Lisa Vicari) und Philip (Lars Eidinger) auf den Weg in die Berge. Wie lange sie schon unterwegs sind, wissen wir nicht, auch nicht, was sie alles in den letzten Wochen und Monaten erlebt, durchgemacht haben. An einer verlassenen Tankstelle suchen sie nach Lebensmitteln, Wasser und anderen verwertbaren Dingen. Als plötzlich ein Fremder (Stipe Erceg) auftaucht, kommt es zunächst zum erbitterten Kampf zwischen ihm und Philip. Erst als beide erkennen, dass sie voneinander profitieren können (der eine hat Benzin, der andere etwas zu essen), schließt man sich zusammen und zu viert geht die Reise weiter.

Es ist schon durchaus beeindruckend, wie versiert, auf welch hohem produktionstechnischen Niveau der junge (und noch wesentlich jünger aussehende) Regisseur Tim Fehlbaum seine (inzwischen mit dem Förderpreis Deutscher Film in der Kategorie Regie ausgezeichnete) Endzeitvision hell auf die Leinwand hievt. Vielleicht etwas weniger erstaunlich, wenn man in den Credits liest, dass Roland Emmerich und die Paramount bei der Produktion die Hände im Spiel hatten. Alles sieht erstaunlich international, „undeutsch“ aus (wenn man davon absieht, dass es ein verstaubter Stapel der „Süddeutschen“ ist, auf deren Titelseite ein Bericht auf die Anfänge der Katastrophe verweist). Wenig lässt noch erahnen, dass der Film neben Korsika auch in der Nähe von Passau und in Brandenburg gedreht wurde. Und dass will hell auch sein: großes, internationales Genrekino, technisch auf der Höhe der Zeit.

Doch auch wenn ich hiermit Gefahr laufe, in die Rolle des Spielverderbers gedrängt zu werden: nimmt man die Grenzen, die innerhalb des Genres über die Jahrzehnte abgesteckt und vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten – was etwa die „graphische Darstellung“, die Perfidie in der Plotkonstruktion betrifft –, kommt hell leider doch etwas brav daher. Vor allem angesichts der Tatsache, dass Fehlbaum durchaus mit Elementen des Horror- und Splatterkinos kokettiert, hier allerdings weit hinter der Vehemenz und Drastik etwa der Franzosen oder Amerikaner zurückbleibt. Man wäre geneigt, dies dem Film nachzusehen, wenn er diese Zahmheit durch Originalität und Kreativität in Inhalt, Darstellung und/oder Figurenzeichnung wieder wettmachen würde. Doch kommen einem die Versatzstücke allzu vertraut vor und der „unappetitliche“ Plottwist gegen Ende des Films sollte dem eingefleischten Genrefan seit den 1970er Jahren vertraut sein. Und durch das Bestreben, dem Film ein möglichst „internationales Design“ zu verpassen, verschenken Fehlbaum & Co hier die Chance, dem Film durch spezifisches Lokalkolorit eine eigene Note mit auf den Weg zu geben, um sich auf dem internationalen Markt von der Konkurrenz abzuheben.

Perspektivenwechsel: man kann es den Machern von hell andererseits auch zugutehalten, dass sie vor allem auf die düstere Atmosphäre setzen und eben NICHT der Versuchung nachgeben, dem „splatterverwöhnten“ Publikum das zu geben, was es anderswo gesehen hat und nun am besten noch in gesteigerter Form zu sehen verlangt. Eine Spirale der Explizitheit in der Gewaltdarstellung, die in den letzten zehn Jahren ein durchaus beängstigendes Ausmaß angenommen hat hinsichtlich dessen, was man den Figuren im Film und damit auch dem Zuschauer zuzumuten gewillt ist. So war die offizielle Devise für die Produktion auch „Spannung statt Splatter“, rückte Fehlbaum angeblich bereits recht früh von der Idee ab, mit einen waschechten Zombiefilm auf der großen Leinwand debütieren zu wollen. Dass, als bereits entschieden war, in welche Richtung das Ganze nun gehen würde, plötzlich Hillcoats The Road ganz ähnlich gearteter (aber insgesamt doch facettenreicherer) Endzeitstreifen über die Leinwände der Welt flimmerte, war ein etwas unglücklicher Zufall.

In Erinnerung bleiben vor allem Angela Winkler als resolutes Familienoberhaupt einer recht bizarren Patchworkfamilie, Lisa Vicari in der Rolle von Leonie und – merkwürdigerweise – Lars Eidinger als lernfähiger Unsympath (der fast den Eindruck macht, als hätte sich seine Figur aus Alle anderen in dieses postapokalyptische Szenerie verwirrt). Erceg und Herzsprung sind gewohnt souverän in ihrer Rollengestaltung, sodass man schon fast vergisst, dies explizit zu honorieren. Von den Bildern setzt sich erstaunlich wenig in der Erinnerung fest.

Es wäre müßig, hier erneut eine Diskussion aufzumachen zum Thema „Das deutsche Kino und der Genrefilm“. Auch darüber, welche bürokratischen Hürden überwunden, welche Gremien durchlaufen und welche Kompromisse im Vorfeld wohl eingegangen werden mussten, damit hell im September deutschlandweit in dieser Form ins Kino kommen wird. Und eigentlich widerstrebt es einem auch zu sagen, dass hell „für einen deutschen Film“ durchaus erstaunlich souveränes, „atmosphärisch dichtes“ Genrekino bietet. Wie auch immer – es bleibt abzuwarten, wie es nun weitergeht. Ob gar mit Filmen wie dem deutsch-österreichischen Zombiestreifen Rammbock (über den es auf spiegel-online hieß, er wäre eine „behutsam eingedeutschte Nachahmung internationaler Vorbilder“) oder eben nun hell hierzulande der Grundstein für ein (technisch wie künstlerisch) „hochwertiges“ Genrekino gelegt wurde, das sich auch in etwas abseitigere Gefilde vorwagt. Oder ob auch Fehlbaum früher oder später an der Verzagt- oder gar Borniertheit mancher Entscheidungsträger hierzulande verzweifeln wird und wie sein Mentor Emmerich (oder auch dessen schwäbischer Landsmann Robert Schwentke) gen Hollywood ziehen wird. Aber noch bleiben wir optimistisch.

Mehr zum Film findet ihr auf der offiziellen Website www.Hell-DerFilm.de