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Shannon Sossamon in Mone Hellmanns Road to Nowhere

Rückblickend war das Filmfest Oldenburg ein durchwachsenes Erlebnis. Es war sehr schade, dass trotz des kleinen Rahmens programmtechnisch nicht die Möglichkeit geboten wurde, mehr als die Hälfte aller Filme sehen zu können. Die Pressevorführungen konnte man an einer Hand abzählen, obwohl es nicht danach aussah, als hätten Kapazitäten gefehlt (drei Räume im Cinemaxx, zwei kleine Programmkinos und das EWE-Forum standen rund um die Uhr zur Verfügung), und im Abendprogramm gab es fast immer zu große Überschneidungen, um die Spätvorstellung um 0.15 Uhr wahrzunehmen. Für Cinephile, die sich auf Festivals gerne von morgens bis abends mit Filmen die Kante geben, war das eine herbe Enttäuschung.

Wesentlich problematischer ist dieses organisatorische Manko jedoch bei der Programmbewertung. Da wir nur die Hälfte aller Filme sehen konnten, können wir nicht sagen, ob wir – was die aktuellen Filme betrifft – einfach nur in viele Fettnäpfchen getreten sind oder das Programm generell nicht sonderlich gut war. Die hohe Walk-Out-Bereitschaft und -Quote der anderen Zuschauer lässt letzteres vermuten, aber es gab auch einige positive Stimmen zu Filmen, die wir leider nicht sehen konnten. Beispielsweise scheint die derb-humorige, dänische Komödie Clown, die die „Tour de Pussy“ zweier Männer und eines pubertierenden Jungen verfolgt, ein großer Spaß gewesen zu sein. Und die Horror-Kompilation The Theatre Bizarre hat Gerüchten zufolge einen so bleibenden Eindruck hinterlassen, dass während des Splatter-Segments ein paar Zuschauer ohnmächtig aus dem Kinosaal getragen werden mussten.

Trotzdem sind die vielen Enttäuschungen im Programm keine gute Bilanz. Vor allem auf den Rotterdam-Gewinner Finisterrae und den indischen Punk-Hit Gandu hatten wir uns sehr gefreut – beide waren nicht schlecht, aber brachten uns auch nicht zu Begeisterungsstürmen.
So in etwa fühlt sich übergreifend das ganze Festival an: Viele Filme klangen im Vorhinein originell und interessant, haben die Erwartungen jedoch fast allesamt ein wenig, teilweise sogar unterirdisch, unterboten. The Orphan Girl Without An Arm von Jacques Richard war so eine große Enttäuschung: Er hat mit viel Potenzial für gutes Exploitation-Kino begonnen, ist dann aber nur zäh, öde und einfallslos vor sich hin geplätschert.

Gilles Cohen und Cathrine Deneuve in Thierry Klifas His Mother’s Eyes

Dennoch gab es auch Überraschungen im Programm. His Mother’s Eyes von Thierry Klifa und Hellacious Acres von Pat Tremblay waren beide wundervolle Festivalbeiträge, die großartige Unterhaltung und tiefe, filmische Befriedigung geboten haben. Sie stehen auch gleichzeitig für die zwei Seiten des Festivalprogramms Oldenburg: Eine Mischung aus Filmen, die als Preisträger anderer Festivals oder mit den großen Namen ihrer Filmemacher und / oder Besetzung locken, und kleinem, low- bis no-budget Independentkino. Der neue Film von Monte Hellmann, Road to Nowhere, und His Mother’s Eyes sind Vorzeigeexemplare der einen, Hellacious Acres eines der anderen Seite. Schade nur, dass es daneben so viele Enttäuschungen gab, die zu durchschnittlich und einfallslos waren und höchstens in kleinen Momenten zu bestechen wussten.

Was jedoch neben den herzlichen, freundlichen Festivalmitarbeitern die zunehmende Frustration gegen Ende abfangen konnte, waren die Ted Kotcheff Retrospektive und das Roger Fritz Tribute, denen wir in den nächsten Tagen noch ausführlicher unsere Ehrerweisung darbieten werden. Ted Kotcheffs und Roger Fritz’ Filme waren überraschende Entdeckungen, die uns mit ihrer narrativen Reife, ihrer subtilen und einfallsreichen filmischen Erzählweisen und ihrer emotionalen Intensität in den Bann gezogen haben. Allerdings waren die Kopien zumeist unscharf und verfärbt – Roger Fritz tat sein Bedauern kund, nicht in schwarz-weiß gedreht zu haben – oder wurden mit großen Pannen vorgeführt. Am Schlimmsten war das Screening von Ted Kotcheffs The Apprenticeship of Duddy Kravitz, bei dem das Bild alle paar Sekunden hängen blieb. Nachdem eine komplette Zuschauerreihe nach ein paar Minuten geschlossen den Saal verlassen hatte und sogar Kotcheff selbst nach einigen peinlich berührten „Oh Dear“’s, „Jesus“’s und „What’s happening now?“’s dem Screening entflohen ist, wurde das Problem nach ungefähr einer halben Stunde behoben. Entschuldigungen oder eine Filmunterbrechung gab es keine, obwohl offenbar nur ein Systemneustart von Nöten gewesen war.

Roger Fritz hinter der Kamera

Aber diese schlechten Bedingungen verliehen den jeweiligen Filmerlebnissen eine besondere Würze, weil sie die Einzigartigkeit der Chance, diesen Film überhaupt einmal zu sehen, unterstrichen. Keine Vorführung wollten wir uns entgehen lassen, denn die Retrospektive und das Tribute konnte man nicht wie Bergman auf der diesjährigen Berlinale mit einem „Das schau ich zuhause auf DVD“ abspeisen. An Roger Fritz und die meisten Kotcheffs kommt man so leicht gar nicht heran.

Alles in allem kann man das Festival daher nicht als Zeitverschwendung betrachten. Wir haben einige sehr gute Filme gesehen und auch, wenn davon fast alle schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hatten, waren die Kinoerlebnisse groß. Trotzdem ist die Auswahl aktueller Filme sehr mäßig gewesen und man kann nur hoffen, dass dies in den nächsten Jahren wieder besser wird. Das Potenzial ist auf jeden Fall da: Viele Regisseure und Schauspieler wurden eingeflogen und konnten nicht nur vor und nach ihren Filmvorführungen mit Fragen durchlöchert werden, sondern haben auch selbst eifrig am Festival teilgenommen. Oft sind sie einem in der Stadt, in und vor den Kinos begegnet. Nach einer Weile kannte man die Gesichter der Dauergäste, kam ins Gespräch oder konnte den Erfahrungsberichten und lustigen Anekdoten der anderen lauschen. Die intime Atmosphäre war schön und die Vorführräumlichkeiten auch. Jetzt noch ein besseres Programm und die Möglichkeit, von morgens bis abends durchzuschauen, und Oldenburg könnte groß werden.

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Bildmaterial: Internationales Filmfest Oldenburg