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Umschlag Filmkomödie PresseDie Filmkomödie ist vielleicht das populärste und gleichzeitig komplexeste Genre des Kinos. Gelacht wurde und wird immer, von jeder Zuschauergruppe zu jeder Zeit auf jede erdenkliche Weise. Das macht eine grundlegende Definition oder Theorie des Genres so schwierig. Probieren sie mal Chaplin-Einakter mit South Park, Doris Day-Filme mit bitterbösen Satiren à la Dr. Strangelove, Mel Brooks‘ Genreparodien und Jim Carrey-One-Man-Shows mit den Kalauerparaden der Supernasen, oder einfach nur Heinz Erhardt mit Adam Sandler unter einen Hut zu kriegen – und das Ausmaß des Dilemmas wird deutlich.

Seit den Anfängen des Kinos stellt die Komödie wie kaum ein anderes Genres den Unterhaltungswert des Films aus – und wird deshalb meist als trivial abgefertigt. Das seit Aristoteles bestehende, Jahrtausende alte Vorurteil der Minderwertigkeit der Komödie gegenüber der erhabenen Tragödie steckt noch heute in den Köpfen vieler Kritiker, Zuschauer und Kulturschaffenden. Ist Jerry Lewis Kunst? Statt sich mit kunsttheoretischen Erklärungen zu rechtfertigen, schlagen Franz Stadler und Manfred Hobsch mit ihrem im Mühlbeyer-Filmbuchverlag erschienen Handbuch DIE KUNST DER FILMKOMÖDIE: BAND 1: KOMIKER, GAGS UND REGISSEURE (2015) den Weg von Rudolf Arnheim ein. Als früher Filmtheoretiker umging Arnheim den damaligen Streit um die Anerkennung des Films als Kunstform, indem er – wie der Titel seines berühmten Werkes FILM ALS KUNST (1932) verrät – den Kunstanspruch nicht als Ergebnis, sondern als Voraussetzung seiner Untersuchung setzte.

Ähnlich zäumen auch Stadler und Hobsch in ihrem Buch das Pferd von hinten auf. Jerry Lewis ist Kunst, auch wenn der Kunstbegriff vielleicht ein anderer ist, als ihn Arnheim etwa benutzen würde. Die Kunst der Filmkomödie wird verstanden als Kunstfertigkeit – als professionelles Handwerk der Komiker, filmisches Geschick der Regisseure und kreativer Einfallsreichtum der Drehbuchautoren und Produzenten. Entsprechend hält sich DIE KUNST DER FILMKOMÖDIE auch nicht lange auf mit Komiktheorien oder Lachphilosophien, sondern dringt gleich zum Kern der Sache vor: Auf stolzen 445 Seiten folgen eine Beschreibung des Wesens der Filmkomödie anhand von aufgestellten Grundformen und Handlungsmustern und eine umfangreiche Zusammenstellung von 70 bedeutenden KomikerInnen und 60 Komödien-RegisseurInnen.

Auch Quantität hat Qualität

Mit ihrem Buch schließen Stadler und Hobsch eine notwendige Lücke in der deutschsprachigen Fachliteratur. Gerade in den letzten 20 Jahren sind leider nur sehr wenige Werke zur Komödie erschienen. Neben dem erwähnenswerten Buch FILMKOMIKER: DIE ERRETTUNG DES GROTESKEN (1983) von Thomas Brandlmeier und dem unvermeidlichen Seeßlen (KLASSIKER DER KOMIK, GESCHICHTE UND MYTHOLOGIE DES KOMISCHEN FILMS, 1982) ist auffällig, dass die meisten Bücher zur Filmkomödie eine Zusammenstellung exemplarischer Einzelstudien darstellen. Etwa der Band KOMÖDIE (2005) von Matthias Heinz-Bernd Heller und Matthias Steinle aus Reclams Filmgenre-Reihe, Knut Hickethiers KOMIKER, KOMÖDIANTEN, KOMÖDIENSPIELER (2000) oder das Uni-Taschenbuch FILMKOMÖDIE DER GEGENWART (2008) von Jörg Glasenapp und Claudia Lillge. Die Summe von Einzelbetrachtungen als vorsichtige Annäherung an die Weitläufigkeit des Genres.

In der Hinsicht stellt der große Verdienst von DIE KUNST DER FILMKOMÖDIE, sich der Komödie als Ganzes annehmen zu wollen, zugleich die größte Schwäche des Buches dar. Gerade im ersten Teil stolpert das Projekt über seine Ambitionen. Mein Hauptkritikpunkt ist weniger die persönliche Auslese der Komiker-Beispiele als vielmehr die Aufzählung der Grundformen, -themen und –gags, die nicht minder subjektiv ist. Jede Klassifikation von komischen Formeln und Spielarten scheitert an ihrem Anspruch auf Vollständigkeit und Allgemeingültigkeit. In vielen Bereichen hätte ich mir eine höhere Trennschärfe und Differenzierung gewünscht: Was macht eine Romantic Comedy zu einem Thema und die Gesellschaftskomödie zu einer Grundform? Wo liegen die Unterschiede der beiden Begriffe? Was ist mit der schwarzen Komödie, der Groteske oder der Farce? Und wo kommen Musical- und Animationsfilme unter? Sind Themen wie „Missverständnisse und Verwechslungen“ oder „Schwierige Aufgaben“ nicht eher typische Erzählmotive des Kinos, die sich auch in anderen Genres finden lassen? In der Aufzählung der 20 Grundgags wird der Gag als kleinster Baustein der Filmkomödie vorgestellt. Aber was zeichnet ihn als solchen genau aus? Wie funktioniert er? Vieles bleibt nur an der Oberfläche, Dinge werden benannt, ohne genauer erläutert zu werden. Was fehlt ist der Hinweis auf die vielen anderen, meist englischsprachigen Werke zur Filmkomödie und eine Auseinandersetzung mit deren Thesen.

Vielleicht muss ich mich auch nur damit abfinden, dass das Buch keine filmwissenschaftliche Abhandlung ist, sondern vielmehr das essayistische Schreiben zweier begeisterter Cineasten. Ein professioneller Fan-Beitrag von Enthusiasten für Enthusiasten des komischen Films. So lässt der allein aufgrund seiner Quantität beeindruckende zweite Teil den schwächeren ersten Teil im Gedächtnis des Lesers schnell verblassen. Die Übersicht der Komiker überzeugt, von den frühen Anfängen des Films bis ins 21. Jahrhundert, von Max Linder bis Dany Boon ist so gut wie alles dabei. Hier waren Kenner am Werk. Zwar wird der ein oder andere in der Auswahl natürlich seinen Liebling vermissen, doch eröffnet die ausgewogene Mischung aus amerikanischen und europäischen Komödianten ein breites Panorama westlicher Filmkomik. Fernandel, Mae West, Helge Schneider, Pat und Patachon – sie alle finden ihre wohl verdiente Würdigung. Der zweite Band der Reihe, in dem es um nicht weniger als 1.000 (!) Filmkomödien gehen soll, ist in der Hinsicht vielversprechend.

Ein Standardwerk ist der erste Band von DIE KUNST DER FILMKOMÖDIE also nicht geworden, dafür aber eine sehr gute Lektüre zum Einstieg. Verständlich und unterhaltend geschrieben, richtet sich das Buch an ein breites Publikum, an Freunde des komischen Films und solche, die es werden wollen. Ein empfehlenswertes und längst überfälliges Nachschlagewerk, das trotz gelegentlicher Verallgemeinerungen es doch schafft, dem Leser für bestimmte Zusammenhänge die Augen zu öffnen und Lust auf so manche Filmabende schafft. Viel Arbeit steckt in diesem Buch – und die darf, soll gewürdigt werden. DIE KUNST DER FILMKOMÖDIE ist ein zweibändiges Handbuch. Band 1: KOMIKER, GAGS UND REGISSEURE ist überall seit dem 5. Februar bestellbar, für 29,90 € als Buch oder 22,99 € als E-Book. Der zweite Band wird im Frühjahr 2015 erwartet. Weitere Infos zum Buch und Mühlbeyer-Filmbuchverlag gibt es hier.

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