Seite auswählen

Das Großprojekt Poll war eines der Highlights des FILMZ Festivals. Regisseur Chris Kraus war bei der Vorführung seines Films am Samstag in Mainz zu Gast, beantwortete nach dem Film die Fragen der Zuschauer und war so freundlich, sich zu einem Gespräch mit uns zusammenzufinden. Dabei ging es um die Bedeutung, die Poll für ihn persönlich hat, die Entstehung des aufwendigen Films, und generell um Chris Kraus´ Meinung zum Filmemachen in Deutschland.

Chris Kraus studierte zwischen 1991 und 1998 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Er arbeitete zunächst als Autor und dramaturgischer Berater, unter anderem mit Detlev Buck, Rosa von Praunheim, Volker Schlöndorff und Pepe Danquart. Als Regisseur drehte er Scherbentanz (2002) und Vier Minuten (2006), beide mehrfach ausgezeichnet, letzterer einer der erfolgreichsten deutschen Filme der letzten Jahre. Es folgten die Fernsehserie mit der Episode Bella Block – Reise nach China (2008) und die Inszenierung der Oper Fidelio (2008) in Baden-Baden.

Mit Poll ist ihm ein Film gelungen, der die Patine der großen deutschen Produktionen, den durch die Entstehungsbedingungen in Zusammenarbeit mit den Fernsehanstalten geprägten deutschen Starkult von sich weist und die Identität einer großen internationalen Produktion annimmt. Chris Kraus betrachtet aber Poll als einen deutschen Film. Und es stimmt, denn Poll ist, wegweisend idealistisch, ein Film, der, fernab von den typischen deutschen Filmklischees, eine Rehabilitation des einheimischen Films auf internationaler Skala bewirken kann.

Wie der Regisseur im Filmgespräch nach der Vorführung spezifizierte, konnte Poll, mit seinem Budget von acht Millionen Euro, nur im Rahmen einer internationalen Koproduktion entstehen. Über 20 Fernseh- und Förderanstalten beteiligten sich finanziell an der deutsch-österreichisch-estländischen Koproduktion. Auch wenn es naheliegend ist, dass bei der großen Anzahl der finanziellen Unterstützer, Poll als ein neutrales, mosaikartiges Produkt der Zusammenarbeit seiner Geldgeber entsteht, betonte Chris Kraus, dass es an der hervorragenden Arbeit der Produzentinnen Alexandra Kordes und Meike Kordes lag, dass die hervorragende Besetzung des Films in dieser Form zusammengestellt werden durfte.

Besonders bewundernswert ist die Leistung von Paula Beer in der Rolle der Hauptprotagonistin Oda. Die Schauspielerin war während des Drehs 14 Jahre alt und hatte noch keine Erfahrungen im Filmbereich. Doch konnte sie gegenüber den restlichen über 2500 Anwärterinnen auf die Rolle imponieren und erwies während dem viermonatigen Dreh ein besonders für Kinder ihres Alters ungeahntes Potential.

Oda Schaefer, geborene Kraus, gab den Anlass für die Entstehung von Poll. 1986 entdeckte Chris Kraus in einer Bibliothek ein Werk der berühmten Dichterin, die, wie sich herausstellte, seine Großtante war. Aufgrund ihrer politischen Überzeugungen (sie war eine Linksintellektuelle) wurde ihre Existenz in der Familie des Regisseurs verschwiegen. Seine Recherchen ließen ihn über die Wichtigkeit des im Film umgesetzten Lebensabschnitts der Dichterin erfahren und so entstand die Idee, Poll als Abschlussfilm zu drehen. Der Rahmen war natürlich zu klein und so kam es dazu, dass Poll, dessen erste Drehbuchfassung 1996 geschrieben wurde, sich zu einem jahrelangen Projekt auswuchs.

Der Film ist in seiner Form zunächst ein Historienfilm. Jedoch, beteuert Chris Kraus, darf man ein solches Projekt nicht mit dem Anspruch angehen, dass der Inhalt objektiv erzählt wird. Es handelt sich um eine Zeit, über die sehr wenige Informationen noch vorliegen, und so entschied sich der Regisseur, die Geschichte aus der Perspektive der 14-jährigen Oda zu erzählen. Beeinflusst von der Überzeugung, dass Erinnerungen subjektiv nicht nur in ihrer Selektivität, aber auch in ihrer Bedeutung eine Eigendynamik entwickeln, gestaltete er Poll in einem immer imponierenderen, großteils fiktionalen Rahmen. So sind beispielsweise die originelle Liebesgeschichte zwischen Oda und dem Anarchisten Schnaps, sowie der Beruf von Ebbo Kraus, Odas Vater, Bestandteile eines Konzepts und nicht reale Fakten. So funktioniert auch die Erzählstrategie, mit konventionellen Mitteln wie Parallelmontagen oder Zeitlupe erzeugt, als ein Instrument zur Umsetzung eines Konzepts im Umgang mit Erinnerung.

Die erzeugte Stimmung ist sehr kompakt. Sie spiegelt auf mehreren inhaltlichen Ebenen, aber auch durch die Kameraarbeit und den Kulissenbau, die geschichtliche Umbruchszeit, in welcher der Film spielt, wider. Aufmerksam machte Chris Kraus besonders auf das natürliche Licht, dass in Estland durch die verhältnismäßig lange Dämmerungszeit den grafischen Aspekt des Films in hohem Maße unterstützt hat. Ebenso das eindrucksvolle Haus, das eine der Hauptfiguren ist und durch die hervorragende Leistung der Produktion und der Szenenbildnerin Silke Buhr als ein virtueller postmoderner Monolith einer frühen Epoche entstanden ist, als eine phantastische, exotisch platzierte, von Palladio inspirierte Architektur. Nicht wegzudenken ist die Kameraarbeit von Daniela Knapp, die durch eine ausgezeichnete Balance zwischen Nahaufnahmen und Totalen, aber auch durch die beeindruckenden, ausführlichen Kamerafahrten aus Poll ein intensives cineastisches Erlebnis machte – vor allem, weil, wie der Regisseur erklärt, Poll in seiner Machart und mehr oder weniger durch das Budget bedingt ein Kammerspiel ist, ein Kammerspiel aber, das dem Zuschauer den Eindruck gibt, eine Makroperspektive der gefilmten Epoche und Gemeinde zu sehen.

Ein Film von solchen Dimensionen und mit einer Entstehung über so viele Jahre ist natürlich eine erschöpfende Arbeit für alle Beteiligten. Die Ausmaße der Vorbereitungen, der Organisation, aber vor allem der alltägliche Kampf um die Umsetzung eines Konzepts, lassen das Entstehen von Poll in der Erinnerung von Chris Kraus als Kriegszustand aussehen. Sein nächster Film, sagte der Regisseur, wird eine kleinere Produktion sein – in Deutschland ist es eben nicht möglich, nur Polls zu drehen.

Poll startet am dritten Februar in den deutschen Kinos im Verleih von Piffl Medien. Wir wünschen viel Erfolg und bedanken uns für das sehr angenehme Gespräch.