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tausendschoenchen kritik
Die Spuren der Zeit auf den Filmkopien, die bei der Hommage und der Retrospektive des goEast vorgeführt werden, lassen nie vergessen, dass wir die Filme heute nicht so sehen können wie das Publikum, das bei ihrem Zustandekommen im Kopf der Macher war. Unsere Welt ist anders und unsere Sicht auf sie ebenso. Wir sehen einen anderen Film, wenn wir heute TAUSENDSCHÖNCHEN schauen. Ich sah einen Film, der mich stark an SPRING BREAKERS erinnerte.

Die jungen Frauen in beiden Filmen lassen Hemmungen fallen, scheren sich nicht um die Meinung anderer, auch nicht um ihre eigene Vergangenheit oder Zukunft. Sie suchen nach andauerndem Vergnügen und Rausch. Obwohl die Ähnlichkeit der Figuren der beiden Filme in der Art ihres Ausbruchs und ihrem Verhalten dabei sich mir förmlich aufzwang, sind es jetzt im Nachhinein doch die feinen Unterschiede, die für mich den Vergleich so interessant machen.

In TAUSENDSCHÖNCHEN formulieren die beiden Maries ihr Ausbruchsvorhaben am Filmanfang: Sie wollen so verdorben werden, wie ihre Umgebung verdorben ist. Die SPRING BREAKERS hingegen artikulieren keine so konkrete Meinung zu ihrem alltäglichen Leben, allerdings haben sie den innigen Wunsch, dieses hinter sich zu lassen und ewig Ferien zu machen. Aber in SPRING BREAKERS geht es nicht um ein konkretes Erlebnis, keine bestimmte Strandparty soll ewig dauern, die Pause ist es, was zur Ewigkeit eingefroren werden soll. Spring Break, forever. Das flüchtige Jetzt soll nicht festgehalten, sondern angehalten werden. Und sich in Ewigkeit wiederholen, die Zeitspanne allenfalls ein paar Frames lang. Im Stillstand liegt die Freiheit und das Glück, Vergangenheit und Zukunft bedeuten in seinem Angesicht nichts. Die Erfüllung des Amerikanischen Traums findet sich in diesem radikalsten Ausbruch aus der Wirklichkeit. Der gif-Loop als Lebenstraum. Der ganze Film wirkt wie ein Hochglanz-gif aus einem Party-Disneyland, alles ist glatt, strahlend, bunt, glitzernd, zusammenhängend. Bei TAUSENDSCHÖNCHEN wird der Bruch mit den Konventionen auch auf Filmebene bis zum Zerfetzen des Bildes, bis zum totalen Verfremden und Verfälschen, Zerschneiden und Neuzusammenwürfeln durchgespielt. Ein Versuch des Reparierens muss scheitern. Ganzheit, Abgeschlossenheit, Oberflächenglanz, Zusammenhalt finden sich nicht, weil sie Einengung in Konventionen bedeuten würden. Doch der Ausbruch führt in eine Leere. Vielleicht weil sich Moral und Gewissen melden. Vielleicht weil er nur halbherzig begangen wird. Schließlich treiben die Maries hauptsächlich Schabernack, wirklich verdorben sind sie – auch im Vergleich zu ihren Nachfahrinnen in SPRING BREAKERS – nicht. Vermutlich aber weil der Film vor Augen führt, dass ein Loslösen von Konventionen nicht so leicht fällt, auch nicht von denen des Films – irgendein Ende muss er finden.

Die Rebellion der SPRING BREAKERS ist erfolgreicher als die der TAUSENDSCHÖNCHEN. Aber nicht, weil sie noch mehr Grenzen hinter sich lassen. Sondern weil ihre nicht aus dem Wunsch nach Freiheit geboren wird. Zumindest nicht von einer Freiheit, von der in den 60ern geträumt wurde, und vielleicht nur da zu träumen war. Ihre Freiheitsfantasie hat im Grunde nichts mehr zu tun mit Ausbruch, sondern sie stürzen sich in das Extrem der Gesellschaft, hin auf den Fluchtpunkt, auf den alles zuläuft. Ihre Freiheit ist eine künstliche, eine simulierte, eine der Pause – vielleicht die einzige, von der heute noch zu träumen ist.

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Bilder-Copyright: TAUSENDSCHÖNCHEN goEast Filmfestival; SPRING BREAKERS Wild Bunch

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