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Frauenwelten, Männerwelten…

von | 15 Aug 2015 | Locarno 2015 | 0 Kommentare

So muss es wohl im Paradies aussehen: Visuelle Geschlechtertrennung und die Abgründe des Rituellen beim Filmfestival von Locarno

50 bis 60 Mädchen zwischen 10 und 15 Jahren stehen da, in Reih und Glied, in rosa Schuluniform, mit einem weißen Kopftuch. Das bedeckt ihr Haar, aber manchmal nicht ganz. Unter dem Uniformhemd haben manche eine Jeans, oder ein auffallend gelbes oder rotes Oberteil, das zwischen den ansonsten Grau, Schwarz oder Dunkelblau gekleideten schon auffällt. Solche feinen Unterschiede sind entscheidend im Land der Ayatollahs und bringen den „Täterinnen“ missbilligende Blicke der älteren Lehrerinnen ein, und manchmal auch einen Verweis. Das Antreten jeden Morgen ist ein Ritual, es dient der sozialen Kontrolle und gibt der Schulleiterin die Möglichkeit zu Ansagen, die allen Schülerinnen gelten. Es wird auch mal öffentlich gebetet, oder ein Loblied auf den Ayatollah Khomeini gesungen, der dem Land Iran die Islamische Revolution brachte: „Khomeini brachte Unabhängigkeit und Freiheit.“

Dann gehen sie in ihre Klassen – über die US-Flagge und die israelische Flagge, die sie so „mit Füßen treten“.

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Der iranische Regisseur Sina Ataeian Dena strukturiert mit diesen regelmäßig wiederkehrenden Ritualen seinen Film PARADISE, der zum Allerbesten gehört im diesjährigen Wettbewerb von Locarno. PARADISE ist ein Film der Frauen – Männer kommen hier tatsächlich nur am Rande vor. Man erlebt eine moralisierende Gesellschaft älterer Frauen, die alle pro-Regime sind, die voreinander angeben, und den Kindern groteske Dinge beibringen: „Abgesehen von den Eltern ist die einzige Person, der ihr vertrauen solltet, ein Polizeioffizier.“

Ein Mann spricht die Hauptfigur an, er ist ein kultivierter Mann, vermutlich Poet (My job is not really a job, it’s more like an illness), der alte Musik aus vorrevolutionärer Zeit hört. Sie reden über Tiere: „Everyone has a dog.“ – „Cats are nicer, cats are great.“

Ein anderer Dialog: „Magic? Does it exist?“ – „Exist? Its like a nuclear bomb given to a poor country.“ – „So it’s dangerous.“

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In den Nachrichten heißen die Schlagzeilen: „Griechenland – Achillesferse von Europa“, „Syrien: Assad-Rede: Conspiracy between arabic and western governments will soon fall apart.“, „My brotheer Achmadinedschad is working for peace, safety abd justice in the world.“

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PARADISE erzählt von Hanieh, einer 25-jährigen Lehrerin, die an dieser Mädchenschule am Stadtrand von Teheran unterrichtet, und in jeder Hinsicht zwischen den Generationen steht: Sie versteht einerseits die Träume ihrer Schülerinnen, predigt ihnen andererseits auch im Alltag oft den strengen Sitten- und Verhaltenskodex der islamischen Republik. Damit macht sie sich zur Komplizin ihrer Unterdrücker: Den irrsinnigen puritanischen Moralvorschriften der Gotteskrieger und einer Bürokratie, die viel zu lange für viel zu viele Schritte braucht und damit die Menschen des Landes alltäglich terrorisiert. Insbesondere Hanieh selbst, die seit Monaten um ihre Versetzung in eine Schule kämpft, die ihr die täglichen mehrstündigen Fahrten ersparen würde. So gebiert ein Unrecht neues – und das ist gewissermaßen die moralische Lehre dieses Films.

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Auch am Ende. Da sieht man ein Mädchen, das in Panik zurück nach Hause rennt, weil sie vergessen hat, den verbotenen Nagellack zu entfernen. Sie verpasst so den Schulbus – und fällt möglicherweise Männern in die Hände, die Böses vorhaben. Denn in den letzten Wochen sind bereits zwei Mädchen der Schule verschwunden. Zumindest wir Zuschauer ahnen die Ursache der Panik des jungen Mädchens: Es sind Haniehs strenge Ermahnungen ihrer Schüler, auf Nagellack zu verzichten. So ist Hanieh möglicherweise schuldig geworden…

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PARADISE besticht durch eine sehr genau Erzählweise, und durch einen erfrischenden Blick auf ein nur wenig bekanntes Land: Wir sehen, dass die Moderne auch im Iran nicht aufzuhalten ist, wir erleben den alltäglichen Anarchismus der jungen Mädchen, die nur Popmusik, Mode und Fußball im Kopf haben, und sehen ihre unschuldige Lebensfreude. So muss es wohl im „Paradies“ aussehen. PARADISE ist ein wenig auch der deutsche Locarno-Beitrag, denn der Film wurde mit Hilfe der Filmschule von Potsdam-Babelsberg finanziert – und ohne Erlaubnis der iranischen Behörden gedreht. Wenn er bei der heutigen Preisverleihung völlig leer ausginge, wäre die Welt von Locarno nicht in Ordnung.

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Das gilt erst recht für CHEVALIER, den neuen Film von Athena Tsangari, einer der bekanntesten Vertreterinnen der „Neuen Welle“ des griechischen Kinos. Auch Griechenland gehört wie der Iran zu jenen Ländern, über die jeder Bescheid zu wissen glaubt, tatsächlich aber wenige Leute Ahnung haben. Und so wie PARADISE, der Film eines Mannes war, der nur von Frauen erzählte, geht es hier im Film einer Frau tatsächlich ausschließlich um Männer.

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Das erste Bild zeigt zu Möwengekrächz einen riesigen Felsen, davor ein kleines Etwas, das erst dann als Mensch erkennbar ist, im Taucheranzug. Dann kommen zu Pop-Techno-Klängen noch mehrere Taucher aus dem Wasser, ein tolles Bild das der Beginn eines Paranoiathrillers ebenso sein könnte, wie eines James-Bond-Films.

Es sind aber nur sechs Großbürger aus Athen. Sie gönnen sich einen Männerurlaub und schippern auf einer Luxusjacht von Insel zu Insel. Tagsüber wird getaucht und Sport getrieben, einen sieht man Yoga machen und über Tablet eine Frau küssen. Ein anderer sammelt Steine. Außer den sechs – Yannis, Christos, Georgios, Dimitri, Nicholas, Josef und „der Doktor“ – sind noch ein Koch, ein Kellner und ein Kapitän auf dem Boot.

Abends wird dann gesoffen und viel geredet, derweil Koch und Kellner mehrgängige Menüs servieren. Der Kapitän ist nur durch Ansagen aus dem Off präsent.

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„How do we see each other?“ Die Unterhaltungen ähneln Psychospielen. Sie machen sich lustig: „If I were a a clothing, I was a blue shirt – that makes no sense.“ – „If I were a fruit, I were an ananas.“

Kurz vor Ende der Reise schlägt einer einen Wettkampf vor: Gewonnen hat, „wer der Beste in allem“ ist: „Lets play the game: Who is best in general? We judge each other, how we laugh, how we look, how we smile, smell, speak at each other.“

Schnell bricht die unterschwellige Konkurrenz der sechs offen aus, bald wird aus dem Spiel Ernst. Das anzusehen ist aber sehr lustig, und Tsangari macht kein Hehl daraus, dass CHEVALIER für sie eine bizarre Komödie ist, die Männerrituale ad absurdum führt. Und wieder zeigt ein griechischer Film (wie zuletzt THE LOBSTER in Cannes) ein soziales System, das nach absurd willkürlichen, aber konsequent angewandten Regeln strukturiert ist.

Natürlich geht es um Männer und „Männlichkeit“, um „Erektionslängen“, Impotenz, unterschwellige Homosexualität, Selbstbetrug und Lebenslügen. Worüber Männer eben reden, wenn sie unter sich sind – glauben manche Frauen.

Das tut der Komödie keinen Abbruch. Denn die Komödie liegt in der Gesellschaft selbst, einer Gesellschaft, die solche Dialoge möglich macht: „Ich bin in diesen Tagen ein besser Mensch geworden. Durch Euch. Ich bin Sieger, egal ob ich gewinne.“ – „Du willst Dich bloß bei uns einschleimen.“ – „Du solltest Dich schämen: Ich rede hier über Liebe und Respekt.“

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Und wenn dann noch „Loving you“ von Minnie Riperton zum Soundtrack gehört, hat der Film gleich noch eine Stufe gewonnen.

CHEVALIER gehört für mich wie PARADISE zu den Favoriten im Wettbewerb – er ist nicht nur einfach schön, sondern einer der besten Filme, die ich je gesehen habe, in den neun Jahren, die ich nach Locarno komme (Retrospektiven mal nicht mitgerechnet).

Dass er nicht rein privat, sondern auch politisch ist, muss man wohl nicht erst eigens betonen: Er bringt einem einerseits ein Land näher, von dem wir uns entfremden. Vielleicht können sich nur Männer in den Idiotien, aber auch charmanten Schwächen dieser Männergruppe wiedererkennen. Und in ihrem therapeutischen Geschwätz blitzt der zunehmend politisch korrekte, therapeutische Diskurs unser aller Gegenwart auf.

Zugleich gebe ich gerne zu: Auch an die gar nicht mehr heimlichen Politstars dieses Jahres, die Herren Tsipras und Varoufakis mit ihren offenen Hemden, ihren selbstbewußten Reden, ihren Posen und insgesamt genialen Auftritten in der Politshow Europas, musste ich mehr als einmal denken.

Ein toller Film wie gesagt.

 

Rüdiger Suchsland aus Locarno

 

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