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Daenerys Stormborn, Khaleesi, Mother of Dragons, Mhysa und nun Breaker of Chains: Danys Titel werden immer mehr – und zweifelhafter. © HBO

Daenerys Stormborn, Khaleesi, Mother of Dragons, Mhysa und nun Breaker of Chains: Danys Titel werden immer mehr – und zweifelhafter. © HBO

BREAKER OF CHAINS steigt unmittelbar da ein, wo THE LION AND THE ROSE endete: Joffreys violett angelaufenes, totes Gesicht. Die dritte Folge der vierten Staffel GAME OF THRONES behandelt die Reaktionen auf die Purple Wedding, enthüllt erste Erkenntnisse über ihre Hintergründe und präsentiert einen Ausblick auf ihre politischen wie auch persönlichen Folgen. Doch gibt es in Westeros genügend Orte und Figuren, die sich vom Tod des Königs unbeeindruckt zeigen: Auf der Mauer müssen sich eine handvoll Nachtwächter für den Angriff der Wildlinge wappnen, Arya lernt vom Hound eine wesentliche Lektion in Sachen Überleben und Dany ficht in Essos ihren ganz eigenen Krieg aus.

Nachdem ein großer Teil der vorherigen Folge an einem Schauplatz spielte, verteilt sich das Geschehen in BREAKER OF CHAINS wieder auf verschiedene Handlungsorte. In einem angemessenen Tempo wechseln sich Haupt- und Nebenstränge ab; zwar nicht immer aufeinander bezogen, aber dennoch in einem eleganten Fluss der Erzählung, so dass die Folge wie ein Blick durchs Kaleidoskop anmutete: Im Schimmer der verschiedensten Formen finden die bunten Teile zu einem vielgestaltigen Ganzen.

DEAD MEN TELL NO TALES

BREAKER OF CHAINS beginnt mit der Wiederholung der letzten Sekunden aus THE LION AND THE ROSE. Der Zuschauer wird daran erinnert, wo sich wer befand, als der junge König vor den Augen aller erstickte. Sansa zum Beispiel ergriff auf Drängen von Ser Dontos die Flucht. Zielsicher führt der betrunkene Narr das Stark-Mädchen durch die Gassen der Hauptstadt; am Wasser wartet ein verstecktes Boot auf sie. Sansas Abzug aus King’s Landing war keine spontane Reaktion, sondern aus langer Hand geplant. An Bord eines dunklen Schiffes auf nebelverhüllter See steht Sansa schließlich ihrem wahren Retter gegenüber: Littlefinger. Petyr Baelishs erster Auftritt in der vierten Staffel ist dramatisch in Szene gesetzt. Seine scheinbare Abreise zur Eyrie in THE CLIMB, Sansas Vertrauen in Ser Dontos, die Flucht aus King’s Landing und vielleicht sogar der Tod des Königs selbst – alles war Teil von Littlefingers Plan. Nichts wird dem Zufall überlassen, keine lose Enden wie der unzuverlässige Ser Dontos zurückgelassen – als „Auszahlung“ seiner geheimen Dienste lässt Littlefinger den Trunkenbold mit Pfeilen durchbohren. Spätestens jetzt sollte auch der letzte Zuschauer Littlefingers böses Genie und sein Potenzial zum großartigen Superschurken erkannt haben. Ob Sansa wirklich bei ihm sicherer ist?

Der König ist tot, lang lebe der König! Tommen wird seinem Bruder Joffrey auf den Eisernen Thron folgen. Er scheint die richtige Gesinnung zum gerechten König zu haben – doch wird er sich nicht gegen seine Familie, vor allem seinen Großvater, durchsetzen können. © HBO

Der König ist tot, lang lebe der König! Tommen wird seinem Bruder Joffrey auf den Eisernen Thron folgen. Er scheint die richtige Gesinnung zum gerechten König zu haben – doch wird er sich nicht gegen seine Familie, vor allem seinen Großvater, durchsetzen können. © HBO

Statt die Ermordung von Joffrey zu einem whodunit-Krimi im Stil von Agatha Christie aufzubauen, stellt sich gleich zu Beginn von BREAKER OF CHAINS heraus, wer seine Hände im Spiel gehabt haben muss – Littlefinger. Entsprechend thematisieren die folgenden Handlungsstränge in King’s Landing nicht die Ursache, sondern die Wirkungen der Purple Wedding. Alles entzündet sich an Joffreys Leichnam in der Septa. Ein aussagekräftiges Bild für die Serie: In GAME OF THRONES hat es der Zuschauer sehr oft mit Werteverschiebungen und Umcodierungen zutun. Gutes wird ins Schlechte verdreht, am Schlechten findet man Gefallen. So scheint es in Westeros nichts Tödlicheres zu geben als Hochzeiten. Die Feier der Vereinigung zweier junger Menschen – und deren Familien – endete zumindest in zwei von drei Fällen in der vollkommenen Desintegration von Gemeinschaft. Es ist nur logisch, dass Joffrey im gleichen Ort aufbewahrt wird, an dem er ein Tag zuvor vermählt wurde – die Septa.

Ambivalenz der Emotionen: In GAME OF THRONES gehen widersprüchliche Gefühle Hand in Hand. Der Anblick des toten Königs dürfte bei so ziemlich jedem eine Erleichterung auslösen, dem Zuschauer inbegriffen. Westeros wurde von einem Tyrannen befreit – und das Publikum von einem verhassten Antagonisten. Objektiv betrachtet hat Joffreys Tod mehr Schaden abgewandt als verursacht, und doch hinterlässt er eine verletzte Mutter. Cersei scheint die einzige zu sein, die den Tod ihres Sohnes aufrichtig betrauert. Wer kann es ihr verübeln, war das kleine Monster doch immerhin ihr Kind. Dagegen stellt Tywin Lannister ernüchternd fest, dass Joffrey ein schlechter König gewesen war, sein Ableben fast schon unvermeidlich. Tatsächlich: Zwar ist die Ermordung des Königs ein herber Schlag gegen das Haus Lannister, doch politisch hat sich dadurch nicht viel geändert. Die Macht des goldenen Löwen ist ungebrochen, wenn nicht sogar gestärkt. Mit Joffreys jüngerem Bruder Tommen wird nun ein König auf dem Eisernen Thron sitzen, der vollkommen von seinen Beratern – sprich: Lord Tywin – abhängig sein wird. Eine Marionette des Herren von Casterly Rock.

In den Reaktionen von Cersei und Tywin Lannister auf Joffreys Tod kollidieren Emotionalität und Vernunft; beide Konzepte fallen schließlich unvereinbar in der Figur des Kingslayers zusammen. Jaime erkennt Cerseis hässliche, wahnhafte Seite – von blindem Hass getrieben hat sie ihren Bruder darum gebeten, Tyrion umzubringen. Dennoch kann Jaime sein Verlangen nach seiner Schwester nicht unterdrücken. Im Gefühlschaos aus Abneigung und Begierde wird der Konflikt zwischen Jaime und Cersei auf gewaltvolle, sexuelle Weise ausgetragen – im heiligen Zentrum von King’s Landing, der Septa, direkt an Joffreys aufgebahrten Leichnam.

Wie schon Ned Stark in THE POINTY END sitzt Tyrion von aller Welt verlassen in seiner Zelle und wartet auf sein Schicksal. © HBO

Wie schon Ned Stark in THE POINTY END sitzt Tyrion von aller Welt verlassen in seiner Zelle und wartet auf sein Schicksal. © HBO

Tywins Bemühungen, das Wohl seiner Familie zu sichern, geht also wieder auf Kosten seiner Kinder, die beginnen, über einander herzufallen. Am härtesten trifft es Tyrion: Einmal mehr steht er als Sündenbock der Familie da, einmal mehr wird er eines Mordes bezichtigt, mit dem er nichts zu tun hatte (wir erinnern uns an die erste Staffel). Seine Situation ist hoffnungslos, die Chance, mit dem Leben davon zu kommen, marginal. Er hat niemanden, der ihm zur Seite steht: seine Frau Sansa ist geflohen, Bronn steht unter Beobachtung, seinem treuen Kappen Podrick hat er aufgetragen, zur eigenen Sicherheit die Stadt zu verlassen, Varys wird als Cerseis Zeuge aussagen, Prinz Oberyn an der Seite von Lord Tywin richten. Zudem setzt sein Vater alles daran, aus Tyrions Gerichtsverhandlung eine politische Farce zu machen. Es geht nicht um Gerechtigkeit – wer seinen Enkel nun auf dem Gewissen hat, dürfte Tywin ziemlich egal sein. Es geht darum, die Kontrolle wiederzuerlangen und die unangenehme Situation zum eigenen Vorteil zu nutzen. Tyrions Verhandlung ist Tywins mächtigstes Werkzeug, aus der Krise gestärkter denn je hervorzugehen – nicht ohne Grund hat er als weitere Richter Mace Tyrell und Oberyn Martell berufen. Das Triumvirat der drei Lords soll den Zusammenhalt zwischen Haus Lannister, Haus Tyrell und Haus Martell festigen. Tyrions Tod sichert den Fortbestand seiner Familie.

FÜR EINE HANDVOLL SILBER

Es ist schon ironisch, dass Stannis Baratheon den einzigen Vorteil, der sich in seinem Krieg gegen die Lannisters dargeboten hat, nicht nutzen kann: ihm fehlt die Streitmacht. Joffreys Tod sieht der selbstgerechte Lord von Dragonstone als Machwerk seiner Roten Priesterin – immerhin sind zwei der drei Könige, dessen Namen er zusammen mit Gendrys Blut in Melisandres Ritual aus SECOND SONS dem Flammen übergab, bereits gestorben: Robb Stark und Joffrey Baratheon. Der Glaube an R’hllors Macht scheint Stannis‘ wirkungsvollste Waffe zu sein, wie auch seine größte Schwäche. Zwar hat Davos ihn daran gehindert, mit Gendrys Tod einen Steindrachen heraufzubeschwören, doch richtet Stannis selbst den größeren Schaden an seiner Streitmacht an, wenn er seine Bannermänner für ihren Unglauben auf dem Scheiterhaufen verbrennt. Der unberechenbaren Macht der (schwarzen) Zauberei setzt Davos die Macht des Geldes entgegen: Im Namen seines Königs nimmt er Kontakt zur Iron Bank auf – jener Institution, bei denen die Lannisters aufgrund der horrenden Kriegskosten in der Kreide stehen. Die Iron Bank ist bekannt dafür, ihr Geld einzutreiben – wenn nötig mit Gewalt. Die Gläubiger meiner Feinde sind meine Freunde.

„A dead man doesn't need his silver.“: Arya ist entsetzt über die Skrupellosigkeit des Hounds. © HBO

„A dead man doesn’t need his silver.“: Arya ist entsetzt über die Skrupellosigkeit des Hounds. © HBO

Dass weder Magie noch Gerechtigkeit, sondern Gold die Sieben Königreiche regiert, muss auch Arya in BREAKER OF CHAINS lernen. Als sie zusammen mit dem Hound bei einem hilfsbereiten Bauern und dessen Tochter aufgenommen und bewirtet werden, blitzt die Hoffnung auf ein normales, friedliches Leben auf. Doch wird die Illusion schnell zerstört, zum Dank für ihre Gastfreundschaft werden Vater und Tochter vom Hound attackiert und ausgeraubt. Weder Vertrauen noch Menschlichkeit bringt den Menschen durch den Krieg, sondern allein seine Rücksichtslosigkeit. Gutmenschen wie der Bauer sind für Pragmatiker wie Clegane eine leichte Beute. Für den Hound ist das alles Teil des natürlichen Laufs der Dinge: Spätestens wenn der Winter hereinbricht, werden Schwächlinge wie der Bauer auf natürlichem Wege ausselektiert. Cleganes sozialdarwinistische Ansichten entspringen seinem zynischen Wesen, sie sind seine Überlebensstrategie. In Westeros kommt nicht der ehrbare Mann weiter, sondern nur der pragmatisch veranlagte. Schonungslos versucht er diese Auffassung an Arya weiterzugeben: „I just understand the way things are. How many Starks they gotta behead before you figure things out?“

GESPRENGTE KETTEN

Dass bei Danys Erzählstrang die wichtigen Hauptfiguren wie etwa Daario Naharis von westlichen Schauspielern porträtiert werden, während die bösen Sklavenhändler eine arabisch-aussehende, profillose Menge bleibt, entschärft nicht gerade die Orientalismus-Kritik an der Serie. © HBO

Dass bei Danys Erzählstrang die wichtigen Hauptfiguren wie etwa Daario Naharis von westlichen Schauspielern porträtiert werden, während die bösen Sklavenhändler eine arabisch-aussehende, profillose Menge bleibt, entschärft nicht gerade die Orientalismus-Kritik an der Serie. © HBO

Im Kommentar zu einer Recap von BREAKER OF CHAINS hat ein Zuschauer auf der Onlineseite von Vanity Fair Danaerys Targaryens Handlungsstrang als den feuchten Traum eines Orientalisten bezeichnet. Seit der ersten Staffel stehen die Abenteuer der weißen Frau Dany im Land der wilden Exoten unter Beschuss. Zu sehr erinnern die Bilder an kolonialistische Wunschfantasien: Das reine Mädchen aus dem Westen wird zur Königin der wilden Horde und Bezwingerin des Ostens. Tatsächlich lässt sich die Kritik nicht so ohne weiteres von der Hand weisen – und BREAKER OF CHAINS tut auch nicht gerade sein bestes, diese Anschuldigungen zu entkräften.

Dany hat vor den Toren von Meereen halt gemacht und der letzten Sklavenstadt in Essos den Kampf angesagt. Sie will die Stadt erobern, um den Bewohnern das Geschenk der Freiheit zu geben. Sie bombardiert die Stadt mit aufgebrochenen Eisenfesseln – um ihren Erfolg in Yunkai und Astapor zu demonstrieren und die Sklaven von Meereen gegen ihre Herren aufzuwiegeln. Danys pathetische Geste stellt die Rechtfertigung für das kommende Blutbad dar, dem wir wahrscheinlich nicht beiwohnen werden: Der vielsagende Blick zum Ende der Folge, mit dem ein Sklave von der eingeflogenen Fessel zu seinem Herren aufsieht, hat Bände gesprochen. Wieder einmal hinterlässt Danys Erzählstrang von der Befriedung des Ostens einen bitteren Beigeschmack. Wird sie mit ihrem Weg der (Selbst-)Gerechtigkeit erfolgreich sein? Wenn uns GAME OF THRONES, und die Folge BREAKER OF CHAINS insbesondere, eins gelehrt hat, dann dass eine gute Tat in Westeros nie unbestraft bleibt. Schon gar nicht, wenn sie aus Idealismus begannen wurde.

Andere Gedanken:
* „There has never lived a more loyal squire.” Tyrions Abschied von Podrick war schlicht ergreifend. Nach einer solch bewegenden Szene macht man sich gleich noch mehr Sorgen um das Schicksal der beiden Figuren.
* Jaimes Vergewaltigung seiner Schwester Cersei in der Septa hat im Internet für viel Gesprächsstoff gesorgt. Tatsächlich lässt die Szene einen ratlos zurück, wie man nun zu Jaime stehen soll, der im Verlauf der dritten Staffel sich zu einem Liebling der Zuschauer geläutert hat. Jaime ist und bleibt nicht ohne Ecken und Kanten. Genau das macht ihn jedoch interessant – und verbindet ihn mit den beliebten Anti-Helden des PayTVs wie Tony Soprano, Dexter oder Walter White.
* „I will hurt you for this. The day will come when you think you’re safe and happy, and your joy will turn to ashes in your mouth… and you will know the debt is paid. ” Tyrions Drohung aus THE PRINCE OF WINTERFELL haben anscheinend bei Cersei einen derart tiefen Eindruck hinterlassen, dass sie die Worte fast wortgetreu wiedergeben kann.
* Der Zweck der Handlungsstränge auf und jenseits der Mauer scheint derzeit lediglich darin zu bestehen, den Angriff der Wildlinge weiter aufzubauen. Ob da den Zuschauer ein spektakuläres Staffelfinale à la BLACKWATER erwartet?
* Sams Nebenhandlung mit Gilly stellte einen auflockernden Kontrast zu den besorgten Mienen seiner Brüder und den Brutalitäten der Wildlinge dar. Wie lang ihr Glück wohl halten wird?
* Im Laufe der Belehrung und Manipulation seines Enkels und neuen Königs Tommen kam Tywin Lannister auf das delikate Thema der reproduktiven Pflichten eines Königs zu sprechen. Zu gern hätte ich gehört, wie der Aufklärungsunterricht mit Opa Tywin weitergegangen wäre…
* Die Kettengeschosse waren eine nette Idee, aber woher hat Dany ihre Katapulte? Hatte nicht Daario Naharis noch in SECOND SONS betont, dass ihr zur Eroberung von Yunkai die nötigen Belagerungswaffen fehlten?