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Morgengrauen in Westeros– GAME OF THRONES: THE RED WOMAN (S06E01)

von | 26 Apr 2016 | Game of Thrones | 5 Kommentare

Erhaben gleitet die Kamera an der Mauer vorbei, über die Dächer von Castle Black hinweg, auf der Suche nach Jon Snow. Das Heulen eines Wolfes lenkt ihren Blick in den Innenhof. Sie findet den Lord Commander der Nachtwache an derselben Stelle, wo wir ihn mit dem letzten Bild der vergangenen Staffel verlassen haben: In der Lache seines eigenen Blutes, tot. MOTHER’S MERCY endete für Jon Snow in einer finsteren Nacht der Messer. The night is dark and full of terrors. Der Morgen danach bringt keine Besserung. Leblos starrt Jons entsetztes Gesicht in den Himmel. Davos Seaworth tritt in den Hof, entdeckt die Leiche, sieht das Schild mit der Aufschrift „Verräter“, und weiß Bescheid. Zusammen mit Edd und den verbliebenen treuen Brüdern der Nachtwache verschanzt er sich in einer Kammer vor den meuternden Krähen.

Stimmungsvoll eröffnet THE RED WOMAN die neueste Staffel GAME OF THRONES. Die Episode greift die Cliffhanger des vergangenen Finales auf. Nördlich von Winterfell sind Theon und Sansa auf der Flucht vor Ramsays Spürhunden. Der mit Myrcellas Tod besiegelte Krieg zwischen Dorne und den Lannisters fordert erste Opfer. Jenseits der Narrow Sea machen sich Tyrion und Varys ein Bild von dem Schlamassel, mit dem Dany sie in Meereen zurücklässt. Die Drachenkönigin wird derweil in die dothrakische Steppe verschleppt. In Braavos setzt die erblindete Arya ihre Killerausbildung fort. THE RED WOMAN rearrangiert die Figuren auf dem Spielbrett der Geschichte, schürt frische Konflikte, schmiedet neue Allianzen und zögert größere Handlungsentwicklungen heraus. Die typische Exposition zu Staffelbeginn, welche erst in der zweiten Folge abgeschlossen sein wird. Geduldig müssen Zuschauer auf die Rückkehr einzelner Hauptfiguren (darunter Bran, Littlefinger sowie Sam und Gilly) sowie auf die angekündigten Handlungsstränge zu den Häusern Greyjoy, Tully und Frey noch eine Woche warten.

 

 Diese Folge in Zahlen:

 

 

Hauptfiguren

Orte

Erste Auftritte

Letzte Auftritte

 

 In Westeros nichts Neues

Nur wenige Hiebe, und Haus Martell ist dahin. Ob Oberyn Martell Ellarias Aktionen gut geheißen hätte? Jedenfalls ist Areo Hotah der nutzloseste Leibwächter der Welt. - HBO

Nur wenige Hiebe, und Haus Martell ist dahin. Ob Oberyn Martell Ellarias Aktionen gut geheißen hätte? Jedenfalls ist Areo Hotah der nutzloseste Leibwächter der Welt. – HBO

 

Die Erwartungen auf die sechste Staffel GAME OF THRONES waren hoch. Immerhin ist es die erste Staffel, zu der noch keine Buchvorlage vorliegt. Showrunner David Benioff und D.B. Weiss haben George R.R. Martin eingeholt, die Fertigstellung des sechsten Band WINDS OF WINTER seiner Fantasy-Saga steht noch aus. Frei von lästigen Vergleichen zum „Original“ können die Zuschauer die HBO-Serie zum ersten Mal ganz als Fantasy-Serie rezipieren und nicht als Romanadaption. Doch wird sie auf eigenen Füßen stehen können? Natürlich. Die Serie hat sich schon in den letzten Staffeln von Martins Vorlage emanzipiert, andere Abzweigungen genommen und somit eine eigene Variante der Geschichte um Westeros produziert. Mehr als den Büchern war die Serie immer sich selbst verpflichtet. Dieser Weg findet jetzt seine konsequente Fortsetzung.

Zum Staffelauftakt präsentieren die Autoren Benioff und Weiss mit Regisseur Jeremy Podeswa trotz kleiner Überraschungen und Schockmomente nichts Neues, dafür viel Bekanntes. Der erste Schritt in die Buchfreiheit beruft sich auf bewährte Erzählkniffe und Inszenierungsweisen. Ähnlich wie bei den Sklavenmeistern in Astapor überrascht Dany die über das weiße Mädchen herziehenden Dothraki-Krieger damit, dass sie ihre Sprache sprechen kann. Nach Tyrion und Bronn, Jaime und Brienne und Sandor Clegane und Arya bilden Jorah Mormont und Daario Naharis indes das neue road-buddy-movie-Dreamteam. Der geschlossene Spannungsbogen des Kampfes zwischen Theon, Sansa und Ramsays Schergen wird durch das oft bemühte Klischee der Last Second Rescue aufgelöst. Das Klischee verdoppelt sich sogar in der Mikrodramaturgie: Im letzten Moment eilen Brienne und Podrick zur Hilfe, wobei Podrick in allerletzter Sekunde wiederum von Theon gerettet wird. Dieser kann den zum tödlichen Schlag ausholenden Angreifer von hinten erstechen. Dass man seinem Gegner nie den Rücken zukehren sollte, muss auch Trystane Martell auf die harte Tour lernen. Noch ehe er sich gegen Nymeria Sand zur Wehr setzen kann, rammt ihm Obara ihren Speer durch den Hinterkopf. Damit wäre auch schon der Gore-Faktor für diese Woche bedient.

Die Orte dieser Folge

THE RED WOMAN ist eine solide Folge. Speziell die Dialoge haben von ihrer Qualität durch die verlorene Buchvorlage an nichts eingebüßt. Zugegeben, hin und wieder gibt es kleinere Schnitzer. Etwa bei Tyrion und Varys: Beim Schlendern durch die Straßen von Meereen erzählt der Eunuch, dass er reiche Männer wie Tyrion in seiner Jugend bestohlen hätte. Keck erwidert der Gnom, dass Varys kein Junge mehr sei. Den Nachtrag „Because you have no cock“ hätte man sich allerdings sparen können. Dann gibt es wieder diese kleinen Momente, die das ansonsten düstere Geschehen aufhellen, die einem zum Lächeln bringen, die Glück in Westeros möglich erscheinen lassen. Wie der Eid, den Brienne vor Sansa ablegt, und die Worte, die Sansa mit Hilfe von Podrick erwidert. Oder die unerwartete Komik, die sich ausgerechnet bei den Dothrakis ereignet. Angesichts Danys Schönheit deklariert Alpha-Männchen Khal Moro: „Seeing a beautiful woman naked for the first time, what is better than that?“ Einen anderen Khal töten, erwidert ein Krieger. Ein wildes Pferd zähmen, ein anderer. Auch der Spaß der Eroberung ist nicht zu verachten. Genervt lenkt der Khal ein: „Seeing a beautiful woman naked for the first time is among the five best things in life.Monty Python lässt grüßen.

Khal Moros Machospruch, der geradezu selbstreflexiv den voyeuristischen Männerblick der Serie ausstellt, findet am Ende von THE RED WOMAN schließlich seine endgültige Ironisierung. Die sicherlich einprägsamste Szene der Folge gebührt der titelgebenden roten Priesterin, die sich einmal mehr entkleiden darf. HBOs wöchentliche showcase an Brüsten, denkt man sich und rollt mit den Augen, während wir Melisandre dabei bewundern, wie sie ihr nacktes Antlitz in einem Spiegelbild bewundert. Dann die Wende: Melisandre legt ihre Halskette ab, deren Edelstein sein rotes Leuchten verliert. Die Reflektion hat sich geändert, das wahre Wesen der roten Hexe ist entblößt. Eine alte Frau mit schlaffem Körper betrachtet ihr gebrechliches Ich im Spiegel. Vergangen die Freude an frontal nudity. Melisandre ist nicht einige Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte alt! Assoziationen an THE SHINING kommen hoch: Einmal mehr materialisiert sich in Melisandre das Monströse des Weiblichen in der Psychologie des Horrorfilms.

Die Figuren der Folge

Hauptfiguren
Nebenfiguren
Erste Auftritte
Letzte Auftritte

Macht, Vergänglichkeit und Tod

Ramsay Bolton trauert um Myranda. War sie die einzige, die den Bastard wirklich verstanden hat? - HBO

Ramsay Bolton trauert um Myranda. War sie die einzige, die den Bastard wirklich verstanden hat? – HBO

 

Schönheit und Sterblichkeit. In den beiden Körpern der roten Hexe manifestiert sich das Thema der Vergänglichkeit, ein wesentliches Leitmotiv in GAME OF THRONES. Valar morghulis, All men must die. Nichts ist im düsteren Westeros von Dauer, schon gar nicht das Schöne. Tod ist die einzige Gewissheit in der Fantasy-Welt, sein Kommen ohne Erbarmen und endgültig. Immer wieder visualisiert es sich in den affizierenden Körperbildern der Serie. Brutal geschundene, offene und zerstörte Körper reduzieren den Menschen auf seine Materialität. Das Nebeneinander dieser abscheulich entstellten Leiber zu den ästhetisierten Frauenkörpern ist dabei kein Kontrast, sondern verstärkt nur den Strudel aus Schaulust, Faszination und Ekel. Ob nun nackte Haut oder toter Körper – der Leib wird zum Abbild fetischisiert.

Wie unterschiedlich die Figuren in THE RED WOMAN auf Tod und Sterblichkeit reagieren, zeigt sich an ihrem Umgang mit der Leiche einer von ihnen geliebten Person. Da wäre zunächst Ramsay, der den Tod von Myranda bedauert. Der Bastard lässt für einen Moment sentimentale, ja menschliche Züge erkennen. Doch wird dieser Moment gebrochen, als er von Maester Wolken gefragt wird, auf welche Weise Myranda beigesetzt werden soll. Buried. Burned. This is good meat. Feed it to the hounds“, ist seine pragmatische Antwort. Für Cersei ist die unter goldenem Leichentuch heimkehrende Myrcella dagegen nur Beweis der Unausweichlichkeit ihres Schicksals. Die Prophezeihung aus THE WARS TO COME (S05E01) scheint sich zu bewahrheiten: Cersei wird ihre Kinder eins nach dem anderen sterben sehen, ehe sie selbst einer jungen Königin weicht.

 

Joffrey starb in Cerseis Armen, Myrcella in Jaimes. Die Erfahrungen des schweren Verlustes lässt die Lannister-Zwillinge erbittern und machen sie nur noch gefährlicher. - HBO

Joffrey starb in Cerseis Armen, Myrcella in Jaimes. Die Erfahrungen des schweren Verlustes lässt die Lannister-Zwillinge erbittern und machen sie nur noch gefährlicher. – HBO

 

Zuletzt Jon Snow. Selbst im Tod weichen ihm seine Freunde nicht von der Seite. Sie verteidigen seine Leiche, seine Ideale, und setzen dem Verrat von Alliser Thorne ein deutliches Zeichen der Treue entgegen. Der Tod einer Hauptfigur in GAME OF THRONES gibt anderen Figuren die Möglichkeit, in den Vordergrund zu rücken. Quasi eine politische Ausformung des Vergänglichkeits-Motivs: Auch Macht ist nicht absolut. Im Wettstreit um den Eisernen Thron werden die Karten stets neu gemischt, die Mächtebalance neu ausgerichtet. Westeros ist eine permanent rotierende Machtzentrifuge: Diejenigen im Mittelpunkt werden an den Rand geschleudert und machen Platz für die Außenseiter, wie Xaro Xhoan Daxos schon in A MAN WITHOUT HONOR (S02E07) prophezeite.

Tatsächlich sind einige Teile von Westeros derzeit ohne Anführer. Meereen hat seine Mhysa verloren, die Nachtwache ihren Lord Commander. Stannis ist geschlagen. Die Lannisters und Tyrells in King’s Landing durch die militante Glaubensbewegung der Sparrows geschwächt. Es ist die Stunde der Zweitplatzierten, welche die Gunst der Stunde nutzen, um nach der Macht greifen: Ser Alliser Thorne in Castle Black. Ellaria Sand in Dorne. Mit einem gezielten Schlag rammt sie Doran Martell das Messer in die Brust, während ihre Töchter Nymeria und Obara seinen Sohn Trystane brutal ermorden. Haus Martell ist nicht mehr. Das Fehlen der Anführer bedeutet die Bewährungsstunde für die Figuren aus der zweiten Reihe: Tyrion, Varys, Davos, Edd, Sam. In der Hinsicht verspricht gerade der Castle Black-Handlungsstrang viel: Welchen Weg werden Davos und Melisandre nach Stannis‘ Tod einschlagen? Was wird aus der Nachtwache werden? Die Konfrontation mit Ser Alliser Thorne wird die erste Bewährungsprobe sein.


 

 

If you were planning to see tomorrow, you picked the wrong room.

 

 

Eddison Tollet

Andere Gedanken:

  • Manchmal zahlt sich das long play doch nicht aus. Ich weiß noch nicht, ob ich Ellarias Staatsputsch gut finden soll oder nicht. Doran war eine faszinierende Figur. Hinter der ihm vorgeworfenen Tatenlosigkeit und Friedfertigkeit steckte im Buch eine umsichtig ausgearbeitete Rache an den Lannisters, die er vor über 20 Jahren zu Planen begann. Sein Tod ist eine Verschwendung von Erzählpotenzial, ebenso wie von Alexander Siddigs Schauspielkunst. Ein harsches Korrektiv, um den lahmenden Dorne-Plot voranzubringen. Aber wenn es diesen Erzählstrang besser macht, nur zu. Schlimmer kann es jedenfalls kaum werden.
  • Baratheons, Martells. Welches Haus ist das nächste? Mit dem Tod von Trystane und Doran Martell ist das Haus Martell in der TV-Version offiziell ausgelöscht. Dorans andere beiden Kinder Quentyn und Arianne Martell wurden bisher nicht erwähnt und werden wohl kaum auftreten. Doch kann Ellaria Sand ohne königliche Herkunft die Herrschaft des Landes ohne Weiteres für sich beanspruchen?
  • When the sun rises in the west… Danys Wiederholung der unheilvollen Worte von Mirri Maz Duur aus FIRE AND BLOOD (S01E10) erinnert an den Fluch der Hexe, der Dany sterilisierte. Wird sie also auch eines Tages das Zeitliche segnen (immerhin liegt ihre Todeswahrscheinlichkeit Münchener Studenten zufolge bei 95%), verschwindet mit ihr das Geschlecht der Targaryens.
  •  Ich bin dafür, den treuen Brüdern der Nachtwache einen coolen Team-Namen zugeben, wie Team Direwolf. Alliser und Co. sind dann die Crows. Wer wird das Home Derby gewinnen? Direwolfs oder Crows?
  • Die ganze Folge über musste ich ständig an THE LORD OF THE RINGS : THE TWO TOWERS denken: Der von Daenerys abgelegte Ring bringt Jorah und Daario auf die Spur der Dothraki, wie schon Aragorn von Pippins Brosche auf die Fährte der Uruk-Hai gelenkt wurde (Nicht umsonst fallen Lóriens Blätter!). Zudem stecken Davos und Team Direwolf in einer ähnlich verzwickten Lage wie Aragorn und Co. während der Schlacht um Helms Klamm am Ende des Films. Ob Edd rechtzeitig mit den Wildlingen den Eingekesselten zur Hilfe kommt? Unsere Augen schauen gen Westen…
  • Myrcellas Tod scheint Cersei und Jaime wieder zusammenzuschweißen. Sie sind in einer bedrohlichen Underdog-Position, da sie jetzt nichts mehr zu verlieren haben, sind sie gefährlicher denn je.
  • Confess! Auch die arme Margaery muss die beinharte Septa Unella ertragen. Immerhin kriegt sie von ihr etwas vorgelesen. Die böse Schwester von King’s Landing wird doch wohl niemanden bevorzugen?
  • Romeo folgt seiner Julia: Unsere beiden star-crossed lovers Myrcella und Trystane sind jetzt immerhin im Tode vereint. Westeros ist wirklich der denkbar ungünstigste Ort für Verliebte.
  • Sollen wir jetzt glauben, dass Melisandre ihr makelloses Aussehen ausschließlich mithilfe ihrer Halskette samt Rubin aufrecht erhält? Tatsächlich ist sie nie ohne die Kette zu sehen. Außer in der Folge MOCKINGBIRD (S04E07), als sie ein recht freizügiges Bad nimmt. Steckt noch mehr dahinter? Oder haben es die Autoren vergessen?

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