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Phönix aus der Asche: Wieder einmal erlebt Daenerys Targaryen zum Staffelfinale von Game of Thrones eine Neugeburt unter Feuer, Rauch und Drachengeschrei.

This war has just begun. It will last for years.Melisandre

Dekonstruktion, Verrat, Täuschung. Valar Morghulis beschließt die zweite Staffel der HBO-Serie Game of Thrones mit dunklen Vorahnungen, ungewissen Schicksalen und wenig Hoffnung. Der düstere Ton der vorangegangenen Folgen, der sich in dem heimlichen Motto „The night is dark and full of terrors“ ausdrückt, lässt die Staffel ausklingen: Für viele der Hauptfiguren ist die finstere Nacht noch nicht überwunden. Und diejenigen, die den Alptraum der vorherigen Folge Blackwater überstanden haben, müssen feststellen, in einem neuem Alptraum aufgewacht zu sein. Der Krieg geht weiter, Frieden ist nicht in Sicht und der lange Sommer neigt sich seinem Ende zu – Winter is coming. Eine Besprechung der letzten Folge von Game of Thrones im Kontext der kompletten zweiten Staffel.

Eine leere Schatzkammer. Obwohl gerade Valar Morghulis unter der Wucht der
Handlungsdichte zu ersticken droht, schafft die Folge es doch, die
verschiedenen Themen und Motive von Game of Thrones mit symbolgewaltigen Bildern und Metaphern in den verschiedenen Erzählersträngen
auf den Punkt zu bringen. Exemplarisch wird dies in Danys Besuch im House of the Undying durchgeführt. Ihr Erforschen dieser seltsamen Kammern erinnert an das Department of Myteries von Harry Potter – Hinter jeder Tür verbirgt sich die Einsicht in ein anderes Geheimnis des Lebens. Dany betritt verschiedene, bedeutungsvolle Visionen, die sich irgendwo zwischen dem Irrealen und dem Möglichen befinden. So gibt es ein Wiedersehen mit dem verlorenen Familienglück in Gestalt von Khal Drogo und ihrem ungeborenem Sohn Raego, das sie ihrem langen Weg zur Macht in der ersten Staffel zum Opfer gefallen ist. Dann betritt sie einen zerstörten, verschneiten (!) Thronsaal in King’s Landing und steht ihrem eigentlichen Objekt der Begierde, dem Eisernen Thron, direkt gegenüber. Doch lässt sie sich von diesen Szenarien nicht verführen. Sie folgt den Schreien ihrer Drachen und zieht weiter. In der finalen Begegnung mit dem magischen Warlock Pyatt Pree erkennt sie, dass sie sich allein auf ihre eigenen Kräfte verlassen muss, wenn sie den Eisernen Thron erobern will. Dany hat die Prüfung bestanden. Zurück in Xaro Xhoan Daxos‘ Domizil sperrt sie den selbsternannten König von Qarth schließlich in seiner eigenen Schatzkammer ein, die sich beim Öffnen als leer erweist. Eine weitere wichtige Lektion, die sie in Qarth gelernt hat: Manchmal kann selbst aus dem Nichts etwas Großes entstehen. Der Zuschauer erinnert sich an Varys‘ Macht-Parabel aus What Is Dead May Never Die: power resides where men believe it resides.

Low Fantasy vs. High Fantasy: Dagmer Cleftjaw fällt Theon in den Rücken.

Leere Worte. Mit zwei gezielten Schlägen erfährt das Genre der High Fantasy sowie naive Ritter-Romantik rund um Pathos, Ruhm und Glorie in Valar Morhulis eine böse Dekonstruktion. Der erste Schlag fällt in Winterfell. Theon ist von einer Armee Nordmänner umzingelt. Maester Luwin rät ihn dazu, zur Nachtwache zu gehen, um Vergebung für seine Verbrechen zu bekommen. Theon lehnt ab, er weiß, dass er bereits viel zu weit gegangen ist. Im Innenhof von Winterfell motiviert er seine verbliebenden Männer mit großen Worten zum Kampf. Es fallen Floskeln wie „Ein glorreicher Heldentod macht den mutigen Krieger unsterblich“, die man in Fantasy- und Ritterfilmen zuhauf gehört hat. Stolz posauniert er den schillernden Kampfruf der Ironborn: „What is dead may never die!“ – und wird hinterrücks von seinem engsten Vertrauten Dagmer Cleftjaw niedergeknüppelt. Boshafter kann sein Handlungsbogen nicht enden. Um sich die Anerkennung unter seinesgleichen zu erkaufen, vollbringt Theon unverzeihliche Taten und merkt doch nicht, wie sinnlos es ist, ein raues Seevolk mit dem Kampf um eine eingenommene Festung an Land zu beeindrucken. Er handelt nach den abstrakten Prinzipien und lebensfremden Genrevorstellungen der High Fantasy, während seine Männer sich ganz nach dem eigennützigen wie realistischen Pragmatismus der Low Fantasy verhalten. Sie verkaufen Theon an den Feind, um die eigene Haut zu retten. Hätte das mal jemand nach der unsäglichen Kampfrede von Snow White getan!

Ein Haufen Pferdescheiße. Mehr scheint die Ehre des Königs nicht wert zu sein, wie der zweite subversive Schlag in King’s Landing ironisch kommentiert. Denn dort nimmt Tywin Lannister hoch zu Ross die Gunst von König Joffrey Baratheon entgegen, als Retter der Stadt und neue Hand des Königs ernannt zu werden – Ohne nicht zuvor eine schöne Ladung Pferdeäpfel vor dem Thronsaal  fallen zu lassen. Eine sarkastische Metapher, die für Buchfans zugleich eine versteckte Anspielung auf den weiteren Verlauf von Tywins Charakterbogen darstellt. Wieder denkt man an Varys zurück: Macht ist eine Farce. Als Dank für die Errettung der Stadt vergibt Joffrey folgenreiche Geschenke: Trickster Littlefinger bekommt als Lord von Harrenhal endlich einen Titel zugeschrieben. So ambivalent die Gabe der verfluchten Ländereien der ewigen Ruine Harrenhal auch sein mag, immerhin bedeutet sie Prestige und Macht. Die Tyrells werden sogar noch großzügigier entlohnt. Zur Sicherung des Thrones löst Joffrey seine Verlobung mit Sansa auf und willigt einer Heirat mit Maegary Tyrell ein. Dass Joffrey mit diesen Gaben den wahrscheinlich gefährlichsten Emporkömmlingen in Westeros zum Aufsteig verholfen hat, kann weder er noch seine Mutter abschätzen. Einzig Varys vermag das Ausmaß von Joffreys Unfähigkeit zu erkennen und geht ein Bündnis mit Littlefingers Prostuierten Ros gegen diesen ein. Eine spannende Verschwörung, gibt es doch in den Büchern dafür kein Pendant. Auch Sansa (richtig, sie ist nicht mit dem Hound geflohen!) zeigt sich trotz ihres diplomatischen Gespürs für die Gefährlichkeit der neuesten Entwicklungen blind: Ein Auflösen der Verlobung mit Joffrey befreit sie noch lange nicht aus seinem sadistischen Griff, wie Littlefinger treffend bemerkt. Ihre Existenz ist bedrohter denn je, doch wird sie durch Littlefingers angebotene Hilfe noch gefährdeter.

The odd couple: Brienne und Jaime auf dem Weg zum buddy-movie

Zwei schnelle Tode und ein langsamer. Auf der King’s Road verschafft sich Brienne den Respekt ihres Gefangenen Jaime Lannister, ohne darauf einen Wert zu legen. Gerade darin liegt ihre Gemeinsamkeit mit dem Königsmörder. Beide sind auf ihre Art charismatische Außenseiter. Unverbesserliche Rebellen, die einen individuellen Gegenentwurf zum gängigen Ritter-Ideal leben. Obwohl sie in ihren Ansichten von Ehre, Ritterlichkeit und Tapferkeit entfernter nicht sein könnten, unterwerfen sie sich beide doch allein ihrem eigenen Gewissen. Auf ihrem Weg treffen sie auf eine kleine Stark-Gefolgschaft, deren Grausamkeit in den von ihnen aufgeknüpften Leichen dreier Schankmädchen zur Schau gestellt wird. Brienne rächt den Tod der Mädchen und bringt die aufdringlich werdenden Männer zur Strecke – zwei schnell, einen langsam. Sie dient Lady Catelyn, doch nicht den Starks. In ihrem unbeugsamen wie auch kraftvollen Willen findet Jaime (und der Zuschauer) dessen in A Man Without Honor präsentiertes Wesen wieder. Ihr gemeinsamer Road Trip verspricht eine der wohl spannendsten Handlungsstränge der dritten Staffel zu werden.

Robb Stark – Die neue Hauptfigur der dritten Staffel von Game of Thrones?

Eine heimliche Hochzeit. Der Konflikt zwischen persönlichem Interesse und der Pflicht, die einem von Außen auferlegt wird – ein Leitmotiv von Game of Thrones. Nachdem bereits Ned Stark in der ersten Staffel an ihm zugrunde gegangen ist, droht das Ähnliche in der Entwicklung seines Sohnes Robb. Dieser vermählt sich heimlich mit seiner gefundenen Liebe Talisa und setzt seinen möglichen Sieg über die Lannisters durch den Eidbruch an Haus Frey aufs Spiel – Wie auch seine Mutter, als sie Brienne mit Jaime zum Austausch für ihre geliebten Töchter nach King’s Landing geschickt hat. Selbstzerstörerische Handlungen aus Leidenschaft. Wieder ein Leitmotiv in Game of Thrones. Der selbstverhangene Untergang einer Hauptfigur. Robb stellt sich in einer Linie mit Eddard Stark und Tyrion Lannister, von dem später die Rede sein wird. Entsprechend stehen die Chancen sehr hoch, dass er zur Hauptfigur der dritten Staffel Game of Thrones aufsteigen könnte.


Of all the things you have seen, this is your question?

Ein zweites Gesicht. Wie schon zu The Prince of Winterfell dargestellt, steht hinter der Kernerzählung der zweiten Staffel Game of Thrones, dem Clash of Kings, nicht zuletzt ein Kampf der Glaubensrichtungen, Prinzipien und Methoden. Damit verbunden kommt dem Fantasy-Element der Magie, das gerade in der zweiten Staffel eine immense Aufwertung erfuhr, eine Schlüsselposition zu. Magie ist der Joker, der im Spiel um die Macht die Karten stets neu mischt. Der Zuschauer wird mit allerlei Geheimnissen konfrontiert, dass er nicht sagen kann, welchen seiner vielen Fragen er die größere Bedeutung zukommen lassen soll. Er befindet sich im ständigen Spiel der falschen Fährten, enttäuschten Erwartungshaltungen und vorgetäuschten Wahrheiten. Es ist kein Zufall, dass die mysteriöse Beschwörungsformel, mit der Jaqen H’ghar eine verwirrte Arya zurücklässt, zugleich der Titel der Folge ist: Valar morghulis. Der kryptische Ausdruck ist ein Versprechen, dass Arya Stark Jaqen H’ghar bald wiedersehen und in die Geheimnisse der Faceless Men und ihrer Todes(kampf-)kunst eingeweiht wird – Wenn sie bereit dazu ist. Vor Aryas Augen verändert der Assasssine Jaqen H’ghar daraufhin sein Gesicht und etabliert ein weiteres, in den kommenden Staffeln von Game of Thrones noch zu ergründendes Motiv der Bücher: Die Verwandlung durch den Tod.

Ein sterbender Maester Luwin schickt seine Schützlinge ins Ungewisse.

Vebrannte Erde. Die zweite Staffel Game of Thrones verfolgt den War of the Five Kings nicht nur aus der Perspektive der großen Machtspieler, sondern auch gelegentlich aus der Sicht der kleinen Fische, die unter die Mühlen des Krieges geraten. In ihrer Drastigkeit entwirft die Serie ein entheroisierendes, nüchternes Bild des Krieges, in dem es nur Opfer zu geben scheint. Nichts hält seiner unbarmherzigen Verwüstung Stand. Selbst eine so erhabene Festung wie Winterfell, die wie für die Ewigkeit gemeißelt wirkt, bleibt von der alles vernichtenden Kraft der Kriegsmaschinerie nicht verschont. Nach einer offensichtlich im Off stattgefundenen Brandschatzug finden sich Bran und Rickon Stark in den verkohlten Ruinen ihres Heimes wieder. Was ist passiert? Mit der Unzuverlässigkeit der ungeklärten Zerstörung Winterfells lässt die zweite Staffel den Zuschauer im Dunklen: Waren es die Ironborn? Oder gar die Männer des Bastardsohnes von Roose Bolton, die Winterfell eigentlich nur zurück erobern sollten? Showrunner und Drehbuchautoren David Benioff und D.B. Weiss spielen mit dem Wissensstand des Zuschauers. Während er in diesem Fall mit zu wenig Informationen eine Neugierde auf das bereits Geschehene entwickelt, empfindet er dank seines Wissensvorsprunges in Hiblick für das Nachfolgende eine Suspense; Der tödlich verwundete Lehrmeister Luwin schickt die beiden Stark-Jungen zusammen mit dem Stallburschen Hodor und der Wildlingsfrau Osha nämlich in den Norden zu Jon an die Mauer, da es dort sicherer sei als im Süden. Wie die Ereignisse jenseits der Mauer zeigen, stehen die Dinge im Norden jedoch keinesfalls besser als im Süden – Der Zuschauer ist gespannt, wie die beiden Jungen der vor ihnen liegenden Gefahr im Norden begegnen werden.

„Schaukampf“ mit tödlichem Ende: Jon Snow und Qhorin Halfhand

Bruder gegen Bruder. Jenseits der Mauer entwickeln sich die Konflikte gemäß der Grundkonstellation der Serie in zwei Richtungen: Auf der einen Seite begegnen wir zusammen mit Jon Snow einer real-unmittelbaren Bedrohung durch den King-Beyond-the-Wall Mance Rayder, der eine Armee von Wildlingen um sich schart und gen Süden zieht. Um sich „undercover“ in das Lager der Wildlinge einzuschleichen, wird Jon von Qhorin Halfhand quasi dazu gezwungen, ihn in einem Zweikampf zu töten. Ein interessantes Bild: Hat Jon doch immer wieder in der zweiten Staffel mit seinem Schwur für die Nachtwache zu kämpfen und den Versuchungen in Form von Ygritte zu widerstehen, jenseits der Mauer seinen Eid zu brechen. An der Oberfläche sieht es so aus, als ob Jon den Scheinkampf gegen seine schwächelnde Loyalität für seine Wacht-Brüder (und den Lord Commander) mit dem Tod von Halfhand gewonnen zu haben; in Wirklichkeit aber hat das bereitwillige Opfer von Halfhand Jon mehr denn je darin bestärkt, der Nachtwache treu zu bleiben und eine drohende Invasion der Wildlinge irgendwie abzuwehren – das ist er Qhorin schuldig. Eine raffinierte Variation des altbewährten Konfliktes „persönliches Interesse vs. Pflicht“.

Drei Hornstöße. Doch scheint die Bedrohung durch die Wildinge nur ein vorübergehender Konflikt zu sein, der von dem der Serie längerfristig unterliegten Fantasy-Plot der White Walkers ablenkt. Zum Staffelfinale darf der Zuschauer mit Sam in den letzten Minuten von Valar Morghulis einen wahrhaft erschreckenden Blick auf den eigentlich einzigen, wahren Feind in der Serie werfen. Hinter ihnen ein Heer von Zombies. Folgt man dem Titel der Buchreihe von George R.R. Martin, die Game of Thrones zugrundeliegt, so müsste dies der Hauptkonflikt der Handlung sein; ihr Rückgrat, dessen finale Auflösung das Epos beenden wird: Das Lied von Eis und Feuer. Doch ist es ein schwelender Konflikt, der von den Machtintrigen und Bürgerkriegen in Westeros derart in den Hintergrund gedrängt wird, dass man in der Serie selbst nur mit wenigen Informationen versorgt wird. Wird es zum Ende der Serie (wie auch der Bücher) zu einem mythsichen Kampf zwischen Eis und Feuer kommen? Interessant ist, dass die Parteien für diesen Kampf noch nicht eindeutig belegt sind. Dass mit dem Eis die White Walkers gemeint sein könnten, ist relativ eindeutig. Doch wer kämpft für die Seite des Feuers? Dany kommt einen als erstes in den Sinn, doch ist sie nicht die einzige. Auch Stannis, dessen Glauben an seine Position als Auserwählter des Roten Gottes durch seine Priesterin Melisandre nach der Niederlage am Blackwater in Dragonstone wieder hergestellt wird, könnte in Frage kommen. Genauso wie es verschiedene Arten gibt, die White Walkers zu töten, kann der Zuschauer auch zwischen möglichen Messias-Kandidaten wählen, die den Kampf gegen das ultimativ Böse anführen könnten. Die Serie wie die Bücher folgen da ganz ihrem Prinzip, typisierte Gut-Böse-Gegenüberstellungen zu unterwandern und ambivalente Konflikte zwischen verschiedenen Parteien zu präsentieren, bei denen die Sympathien der Zuschauer nicht eindeutig verteilt sind. Noch wird der sich an archaischen Mythenstrukturen bedienende Fantasy-Teil der Serie zugunsten der konkret politischen Auseinandersetzungen in Westeros weitestgehend klein gehalten. Doch stellt sich gerade mit der Aufwertung des Magischen in der zweiten Staffel die Frage, wie lang das noch der Fall sein wird.

Das Übernatürliche in Gestalt der tödlichen White Walkers rückt immer weiter nach Westeros vor. Wer wird nach dem Krieg noch übrig sein, um den eisigen Dämonen Paroli bieten zu können, sobald der Winter endlich gekommen ist?

Noch ein zweites Gesicht. Last, but not leat: Tyrion. Springen wir vom Ende Folge noch einmal an ihren Anfang. Valar Morghulis beginnt mit der Detailaufnahme eines Auges. Es ist offen, doch spiegelt sich in ihm der Horror der vergangenen Nacht – Feuer, Tod, Verzweiflung. In den Ohren hallen Kriegslärm und Schmerzensschreie nach. Mit einem beherzten Wimpernschlag werden die traumatischen Erinnerungen weggewischt. Großaufnahme: Tyrion Lannister liegt mit blutigen Bandagen um sein Gesicht in einem Bett. Die Schlacht am Blackwater hat an Körper und Seele tiefe Wunden hinterlassen. Doch ist der Schrecken nicht vorbei – Die erste Person, die er zu Gesicht bekommt, ist Grandmaester Pycelle, jener Verräter, den er in die Kerker hat werfen lassen. Von ihm erfährt Tyrion, dass seine Macht gebrochen ist. Sein Amt als Hand des Königs hat er an seinen Vater verloren, die Stadtwache befindet sich nicht mehr in seiner Kontrolle, Bronn steht ihm nicht mehr zur Seite und seine wilden Stämme haben die Stadt verlassen. Tyrion hat alles gegeben, um die Stadt zu retten und infolge dessen übernacht alles verloren. „There are many who know that without you this city faced certain defeat„, flüstert ihm Varys zu. „The king won’t give you any honors, the histories won’t mention you, but we will not forget.

Das Game of Thrones hat er verloren – vorerst. Die Bitte von Shae, mit ihr die Stadt zu verlassen, muss er ablehnen. Er kann nicht fort, das Spiel der Macht ist das einzige, was ihn in seinem Leben erfüllt. Also muss er weiterspielen, um jeden Preis. Tyrions Handlungsbogen in der zweiten Staffel ist in sich dramaturgisch geschlossen; als beispielhafte Game of Thrones-Erzählung vom Aufstieg und Fall einer Hauptfigur hat sie Anfang, Mitte und Ende. Zu Beginn steigt er mit Selbstzweifel in das Game of Thrones ein, seine erfolgreichen Züge gegen seine Schwester Cersei und seinen Neffen Joffrey geben ihn über die Zeit jedoch Selbstvertrauen und Bestätigung, bis er am Ende alles verliert, weil er das richtige getan hat. Wie Ned Stark. Immerhin das Leben ist ihm geblieben – und mit ihm die Verbitterung.

Qualität statt Quantität. So großartig Tyrions Charakterplot zu Beginn von Valar Morghulis auch aufgelöst ist, seine Inszenierung legt doch eine aufkommende Schwäche der Serie offen. Der Einstieg mit einem sich öffnenden Auge verweist auf den berühmten Anfang von ABCs Lost, einer weiteren Ensemble-Serie mit zahlreichen Hauptfiguren und verworrenen Handlungssträngen. Lost hat das Erzähl-Problem eines breiten Figurenrepertoires dadurch gelöst, dass jeweils eine Figur im Zentrum einer Episode stand; ihre Konflikte auf der Insel wurden mit wesentlichen Momenten der Charakterentwicklung aus Vergangenheit (flashbacks) und Zukunft (flash forwards) gegen montiert. Die Summe aller durchschnittlich 24 (später 16) Folgen einer Staffel entwarf dann ihr komplexes Handlungspanorama. Eine ähnliche Herangehensweise wünscht man sich fast für Game of Thrones. Statt des Schwerpunktes auf einer Figur könnte man sich auch den Schwerpunkt auf einem Handlungsort bzw. auf einer handvoll Figuren vorstellen. Blackwater hat in dieser Hinsicht perfekt funktioniert. Der Fokus auf King’s Landing gab der Serie die Möglichkeit, sich mehr Zeit für die Figuren zu nehmen und die Geschichte in einem angebrachten Tempo zu erzählen. Folgen wie The Prince of Winterfell oder gar Valar Morghulis an einigen Stellen verlieren sich in ihrer Breite; Ereignisse der verschiedenen Erzählstränge werden durchgehächelt, das Springen von einer Handlung lässt dem Zuschauer kaum Zeit, sich in die Figuren wirklich einfühlen zu können. In seinem Blackwater-Drehbuch näherte sich George R.R. Martin der ursprünglichen Dramaturgie seiner Das Lied von Eis und Feuer-Bücher an: Dort wir die Gesamthandlung durch die in sich geschlossenen Point-of-View-Kapitel der einzelnen Charaktere Stück für Stück vorangebracht. Vielleicht lassen sich David Benioff und D.B. Weiss von Blackwater dazu inspirieren, weitere Folgen mit ähnlicher, dramaturgischer Fokussierung zu produzieren. Hohe Budget-Kosten und eine geringe Folgenzahl pro Staffel sind dabei zwar unüberbrückbare Hindernisse, doch lässt das Aufspalten der Adaption des dritten Buches A Storm of Swords in zwei Staffeln darauf hoffen, dass Benioff und Weiss bei wachsender Handlungs-Quantität die Qualität weiterhin nicht zu kurz kommen lassen werden. Bis zum Frühjahr 2013 heißt es dann ausharren. Winter is coming und: The night is dark and full of terrors!