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Auf der King’s Road: Arya alias Arry und Gendry

The Sopranos in Middle-Earth“, so könnte man die HBO-Fantasyserie Game of Thrones zusammenfassen, scherzte einst Serienschöpfer David Benioff. Keine schlechte Beschreibung, benutzt die Serie doch Semantik-Bausteine einer detailreich ausgearbeiteten Fantasywelt wie Tolkiens Mittelerde und fügt sie unter der Syntax einer innovativen HBO-Dramenserie neu zusammen. So ermöglicht das reiche Angebot an vielseitigen Handlungsorten und Charakten aus George R.R. Martins Romanvorlage Das Lied von Eis und Feuer den show runnern David Benioff und D.B. Weiss, auf dieser Basis eine komplex verwobene Serienhandlung zu spinnen. Der Reiz der Serie besteht in seinen visuellen Schauwerten und Genre-Erfüllungen ebenso wie in seiner mehrdimensionalen Narration. So bietet auch The Night Lands, die zweite Folge der zweiten Staffel von Game of Thrones, in seinen sieben Haupthandlungsträngen eine Balance aus neuen, exotischen Schauplätzen, nackter Haut, Gewalt, ein wenig Mystery und einer prägnanten Charakterführung, spannenden Konfliktschürungen und Handlungsinvestitionen.

Begegnung auf der Pyke: Lord Balon Greyjoy und sein Sohn Theon

Iron or Gold?

Nachdem in The North Remembers Dragonstone neu eingeführt wurde, wird in The Night Lands ein weiterer, wichtiger Handlungsort der zweiten Staffel etabliert: Die Pyke, die karge Küstenburg des Hauses Greyjoy. Ein Fokus der Folge liegt nämlich auf dem Erzählstrang von Theon Greyjoy, dem jüngsten Spross der Ironborn-Familie. Nach über neun Jahren als Mündel am Hofe der Starks kehrt Theon an seinen Geburtsort zurück, um seinen Vater, Lord Balon Greyjoy, davon zu überzeugen, Robb Stark im Kampf für die Unabhängigkeit des Nordens zu unterstützen. Doch läuft die Heimkehr anders als erwartet: Zu seiner Ankunft von Niemandem empfangen, von seiner Schwester Yara (Asha in den Büchern) als arroganter Macho vorgeführt und schließlich vom Vater als verweichlichte Enttäuschung abgewiesen, macht Theons aufgeblasenes Ego brutale Bekanntschaft mit der Realität. Dennoch: Ein vielversprechender Aufstieg von einer kleinen Nebenfigur zur weiteren Hauptfigur der zweiten Staffel. Denn Theons innerer Konflikt zwischen der Loyalität zu den Starks, dem Haus, in dem er aufgewachsen aber nicht zugehörig ist, und seiner eigentlichen Familie, die ihn nicht als Ihresgleichen anerkennt, wird sich als bedeutsamer Katalysator kommender Ereignisse im Norden erweisen.

Konfrontation in King’s Landing: Tyrion und Cersei Lannister

I understand how this game is played

Protagonist der Folge ist jedoch wieder einmal Tyrion Lannister. Während er beginnt, in King’s Landing aufzuräumen, stößt er auf erste Widerstände – und Drohungen. Zunächst muss er zu seinem Erschrecken feststellen, dass seine professionelle Geliebte Shae sich ausgerechnet mit Varys unterhalten hat. Der Lord of Whispers beteuert seine Diskretion in der Angelegenheit mit Shae, die Tyrion gegen den Willen seines mächtigen Vaters Tywin mit in die Hauptstadt gebracht hat. Doch versteht Tyrion die mehrdeutigen Worte des Eunuchen als Drohung. Spioniert Varys im Auftrag der Königin? Zu wessen Nutzen wird Tyrions Geheimnis ausgelegt?

Dass Tyrion den Intrigen der Königin nicht so leicht zum Opfer fallen wird wie sein ehrenvoller und (deswegen) toter Vorgänger Ned Stark, beweist sein erster Schachzug zur Schwächung des Einflusses seiner Schwester in einer wunderbar ausgespielten Dialogszene. Die Situation beginnt als harmloses Gespräch zwischen Tyrion und dem Commander der Stadtwache, Janos Slynt. Sie sprechen über den Babymord in Littlefingers Bordell, dann über den Tag, als Slynt die Männer von Eddard Stark im Thronsaal ermorden ließ. Beides ruchlose Taten, die auf blindem Befehl von Cersei Lannister hin erfolgten. Aus einer Plauderei wird eine Auseinandersetzung. Slynt entrüstet sich schließlich darüber, dass seine Ehre durch Tyrions scharfe Bemerkungen in Frage gestellt wird. Tyrion versichert jedoch trocken, seinem Gegenüber nie eine Ehre zugestanden zu haben. Die Konfrontation erreicht ihren Höhepunkt: Bronn erscheint im Hintergrund, Tyrions tatsächliche Realmacht wird offenbar, als er Slynt von den eigenen Männern der Stadtwache abführen und zu einem Schiff Richtung Norden eskortieren lässt – Er verbannt ihn an die Mauer. Eine der ersten Säuberungsmaßnahmen zur „Ent-Konspiration“ des Hofes.
Cerseis Gegenschlag lässt jedoch nicht lang warten. In einer Stichelei bezeichnet sie zynisch Tyrions Geburt als seinen „gelungensten Streich“, kam doch ihre gemeinsame Mutter dabei ums Leben. Ein tiefer Schmerz in der Vergangenheit der Lannisters, der sich hinter
dem ablehnenden Hass der Schwester für ihren grotesken Bruder versteckt. Tyrions Charakter ist von tragischer Ironie verfolgt: Er versucht, das Reich vor der Skrupellosigkeit seiner Schwester zu bewahren, doch wird er wegen seiner Abnormalität von den Menschen nur mit Feindseligkeit begegnet. Sein einziger Schutz ist sein gefährlichster Gegenspieler – seine Familie. Ist sein Handeln von Anfang an zum Scheitern verurteilt?

Schwere Jungs: Rorge, Biter, Jaqen H’ghar und „Arry“

I hate bad investments

Auch in den weiteren fünf Haupthandlungssträngen geht es vorwiegend um das Sähen weiterer Konflikte, dem Investieren in neue Nebenfiguren, dem Vorbereiten von großen Konfrontationen und dem Marsch auf ein festgesetztes Ziel, das in Game of Thrones erfahrungsgemäß jedoch nur selten erreicht wird.

Arya Stark befindet sich auf der King’s Road. Sie reist mit Yoren, der sie getarnt als Junge Arry in den Norden eskortiert, zusammen mit anderen Rekruten für die Nachtwache. Unter ihnen der Schmiedlehrling Gendry, dem wahrscheinlich letzten, unehelichen Sohn des verstorbenen Königs Robert Baratheon. Beide werden von der Königin gesucht. Allzu vertrauenswürdig gibt Arya ihre wahre Identität an Gendry preis, doch scheint ihr Geheimnis bei ihm sicher. Wird der Zug den Häschern der Königin zum Trotz tatsächlich sein Ziel erreichen? Was hat es mit dem geheimnisvollen Gefangenen namens Jaqen H’ghar auf sich? Personen, die von sich nur in der dritten Person reden, versprechen selten Gutes.
Jenseits des großen Meeres harrt Daenerys Targaryen indes weiter in der Roten Wüste aus. Sie hofft auf die Rückkehr einer ihrer Kundschafter, als sich das Pferd ihres Blutreiters Rakharo nähert, bringt es jedoch keine guten Nachrichten mit sich, sondern nur den Kopf seines getöteten Besitzers. Ein weiteres Opfer aus Danys unmittelbarer Nähe. Anscheinend scheint jeder, den sie liebt, ihrer Ambition, den eisernen Thron wieder zu erobern, irgendwann zum Opfer zu fallen. Momentan ist sie ihrem Ziel allerdings entfernter denn je: Verlassen in einer Wüste, umzingelt von Feinden, mit Kranken und Schwachen sowie zu jungen Drachen als Begleiter. Vor ihr steht ein langer Weg, Richtungen müssen eingeschlagen, notwendige Entscheidungen getroffen werden.
Dragonstone: Davos und sein Sohn Matthos reden mit Pirat Salladhor Saan 

Ähnlich hoffnungslos ist auch Stannis Baratheon gestrandet, der ungeliebte Bruder des verstorbenen Königs und eigentlich rechtmäßiger Nachfolger auf den Thron. Seine kühnen Vorbereitungen, die Krone mit Gewalt an sich zu reißen, stehen der nüchteren Tatsache gegenüber, dass er truppenmäßig weder seinem jüngeren Bruder Renly noch dem herrschenden König Joffrey gewachsen ist. Personifiziert sind die beiden Pole, zwischen denen Stannis sich bewegt, durch seine beiden engsten Vertrauten: dem ehemaligen Schmuggler Davos Seaworth und der roten Priesterin Melisandre. Während ersterer als Stimme der Vernunft versucht, das beste aus der militärisch benachteiligten Situation seines Königs zu schlagen, verführt letztere den König nur weiter zum Größenwahn. Ihr mystischer Orakelspruch „death by fire is the purest death“ hallt em Zuschauer als bedrohliches Menetekel im Ohr nach, als Stannis die Vereinigung mit der roten Priesterin auf seinem Tisch, einer Miniaturnachbildung von Westeros, mit gewaltvoller Leidenschaft vollzieht. Ein Spiel mit Feuer – Verzehrt sich Stannis an seinem eigenen Begehren?

Eines der wohl unberechenbarsten Investionen der Folge dürfte die kurze Szene zwischen Littlefinger und der Prostituierten Ros sein, denn sie entbehrt sich jeglicher Grundlage aus den Büchern: Die Figur der Ros wurde bereits in der ersten Staffel von einer in den Büchern flüchtig erwähnten „red-headed whore“ zu einer nicht unwichtigen Nebenfigur ausgebaut – Diente sie doch nicht nur zur Einführung von Tyrion Lannister in der ersten Episode, sondern auch zur Charakterisierung anderer Figuren wie Theon, Littlefinger oder Grand Maester Pycelle. In der zweiten Staffel tritt sie wiederum als ein dramaturgisches Bindeglied zur Vermittlung gewisser Informationen an den Zuschauer auf: In The North Remembers wurde sie Zeuge, wie Janos Slynt den unehelichen Säuglein von König Robert in Littlefingers Etablissement umbrachte, nun dient sie wieder zur Charakterisierung von Littlefinger selbst: Als sie wegen des abscheulichen Verbrechens nicht mehr fähig ist, zu arbeiten, zeigt sich Littlefinger von seiner kühl berechnenden Seite. Als Humankapital habe sie für ihn zu funktionieren, sonst würde er schon Mittel finden, Geld aus ihr herauszuholen. Sein Ausspruch „I hate bad investments“ erweist sich als metareflexiver Kommentar: Wird sich der Ausbau der Figur Ros als rentabel für Benioff und Weiss erweisen? Wie wird die Figur bei den Fans und beim Publikum ankommen? Immerhin gab es (zu recht) kritische Reaktionen auf eine Szene in der ersten Staffel, in der Littlefinger seine Handlungsmotivationen plakativ auslegt und dabei von dem Sex zwischen Ros und einer anderen Prostituierten übertönt wird. Hat sich die Investition in die Figur gelohnt?
Jenseits der Mauer: Gilly bittet Sam und Jon um Hilfe
We do not sow – House Greyjoy
Im letzten Handlungsstrang der Folge kommt Game of Thrones schließlich auf seine lukrativste Handlungsinvestition zurück: das Fantasy-Element der Serie, das sich vor allem in der Bedrohung durch die White Walkers manifestiert. Jenseits der Mauer kommt Jon schließlich dem Geheimnis des Wildlings Craster auf die Spur. Angestachelt hat ihn Gilly, eine von Crasters Töchtern / Gemahlinnen, die um das Kind ihres noch ungeborenen Sohnes fürchtet. Jon weigert sich, ihr zu helfen, schleicht Craster jedoch hinterher, als dieser eines Nachts mit einem Säugling im Wald verschwindet. Während er seine Töchter zur ständigen Reproduktion seiner kleinen, patriarchalen Ordnung behält, überlässt er seine Jungen den White Walkers. In bester hard boiled-Tradition wird Jon nach seiner schockierenden Entdeckung von Craster niedergeschlagen – und der Zuschauer mit einem weiteren Mystery-Teaser zurückgelassen. Ein tückisches Spiel, diente der White Walker-Plot doch bereits im Prolog der Serie als raffinierter Köder.
Pyke, Dragonstone, King’s Landing, jenseits der Mauer, jenseits von Westeros: Wohin wird die Karte im Vorspann von Game of Thrones uns das nächste Mal hinführen? Wie werden sich die gepflanzten Konflikte entwickeln? Die Saat, die in The Night Lands gesetzt ist, verspricht vieles.