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Theon hat sich entschieden und wird als Greyjoy neugeboren.

„What is dead may never die…“

Sceptical Stannis Loyalist und Amazon Blonde Bodyguard: In einem Diskussions-Thread zu What Is Dead May Never Die, der dritten Episode der zweiten Staffel von HBOs Game of Thrones, war ein User erstaunt darüber, dass Zuschauer, die die Bücher nicht gelesen haben, bei all den neuen Charakteren, die jede Woche eingeführt werden, überhaupt noch mitkommen. „Habt ihr irgendwelche Spickzettel, auf die ihr zurückgreifen könnt?“ fragt er in die Runde. Unter den vielen Kommentaren ist mir die Antwort eines Users besonders im Gedächtnis geblieben: Er bekomme zwar die Namen der Charaktere nicht immer mit (etwa bei dem „Sceptical Stannis Loyalist“, der „Red Haired Princess Lady“ oder der „Amazon Blonde Bodyguard“), doch erinnert er sich an deren Charakterisierungen, die einzigartig genug sein, um sich damit zu begnügen.

Unter den vielen Errungschaften der Serie dürfen die showrunner David Benioff und D. B. Weiss auf ihre präzise Figurenzeichnung besonders stolz sein. Dramenserien mit komplexer Ensemblestruktur wie Game of Thrones stehen und fallen mit ihren Figuren. Schaffen sie es nicht, beim Zuschauer Faszination, Neugier und Sympathie zu wecken, können die Themen, Konflikte und Handlungsbögen noch so spannend sein – Sie werden ihr Ziel, den Rezipienten, verfehlen. In der Flut an Namen, Handlungsorten, Hintergründen, Beziehungen, Konflikten und Intrigen sind es die Szenen, in denen die Facetten der Figuren zur Geltung kommen, an denen der Zuschauer sich festhält, um der Informationswucht zu trotzen. Drehbuch, Inszenierung und vor allem das Spiel der Darsteller sind dabei wesentliche Faktoren. Glücklicherweise hat es an solchen Ankern in What Is Dead May Never Die nicht gefehlt.

„….but rise again…“

Da ist zum Beispiel Theon Greyjoy. In der letzten Folge The Night Lands gewann er durch sein „Zwischen-den-Häusern-Stehen“ an Konturen, nun hat er sich für eine Seite entschieden. Mit düsterer Miene übergibt er die Nachricht, in der er Robb vor Balon Greyjosy geplantem Überfall in den Norden warnt, dem Feuer, danach sich selbst dem Wasser: Getauft auf den Namen des Drowned Gods der Ironborn, erlebt Theon eine zweite Geburt als Greyjoy und wäscht sein altes Leben von sich ab. Bevor er sich auf die erbarmungslose Lebensweise seiner Familie einschwört, wirft er einen zögerlichen Blick auf seinen Vater. Seinetwegen verrät Theon alles, womit er am Hofe der Starks groß geworden ist – Überzeugungen, Prinzipien, Freundschaften – nur, um als Ankömmling in seiner Heimat auch angenommen zu werden.

Der Löwenanteil an wunderbar ausgespielten „Charakter-Szenen“ geht selbstverständlich an Tyrion. Um weitere Spione von Cersei im Small Council auszufindig zu machen, weiht er die verbliebenen Mitglieder Varys, Littlefinger und Grand Maester Pycelle in seine Pläne ein, Joffreys Thron zu sichern, indem er dessen junge Schwester Myrcella an den Spross eines mächtigen Hauses verheiratet. In einer Montage miteinander verbunden, variiert er im vertraulichen Gespräch mit der jeweiligen Person jedoch eine Einzelheit und besteht ein jedes Mal darauf: „The queen mustn’t know.“ Die Falle schnappt zu. Pycelle gibt sich als Spitzel der Queen Regent zu erkennen. Als Folge der Konfrontation mit Tyrion verliert er Bart, Amt und Freiheit, während seine professionelle Bettgefährtin von Tyrion extra Gold gewinnt – für die Aufregung. Littlefinger ist empört, für eines von Tyrions Spielchen missbraucht worden zu sein. Der Strippenzieher lässt sich nicht gern selbst manipulieren. Varys hingegen zeigt sich beeindruckt. In seinem Philosophieren über Macht – ist sie doch nur eine Illusion, die dort existiert, wo Menschen ihre Existenz annehmen – gesteht er Tyrion die Fähigkeit zu, im Game of Thrones durchaus bestehen zu können.

Ein gänzlich anderes Spiel betreibt dagegen Renly Baratheon. Statt wie Robb in eine offene Auseinandersetzung mit dem Feind zu treten, wirft Catelyn Stark Renly vor, den Krieg lieber in Turnieren und Schaukämpfen zu spielen. Neds ähnliche Worte an Jaime Lannister aus dem Anfang der ersten Staffel klingeln im Ohr nach. Interessanterweise sind es allerdings vor allem die starken Frauenfiguren, die an Renlys Hof zu überzeugen wissen. Seine Gattin Margaery Tyrell betört durch ihr politisches Denken. Ihre Ehe zu Renly erkennt sie als Zwecksbündnis, das mit einem Kind besiegelt werden muss. Damit setzt Renly seinen Anspruch auf den eisernen Thron gegenüber seinem Bruder Stannis durch, der keine Nachkommen zeugen kann, und lenkt gleichzeitig von seiner Liebesbeziehung zu Magaerys Bruder Ser Loras ab. Im Gegenzug dafür wird Magaery Königin. Ebenso wie Littlefinger ist Magaery ein gefährlichr Emporkömmling. Ihre gemeinsame Stärke ist es, dass sie ihr inneres Begehren ihrem taktischen Streben nach Macht unterwerfen können – im Gegensatz zu anderen Figuren wie Cersei.

The Queen is not amused: Tyrions Wirken als Hand des Königs bringt Cersei nur Leid. Sie schwört Rache…

„…harder and stronger.“

Der wohl beeindruckendste Neuzugang im Game of Thrones-Cast in What Is Dead May Never Die ist zweifelsfrei Gwendoline Christie. Allein visuell: Mit ihren stolzen 1, 90 Meter verleiht sie ihrer Rolle der Brienne of Tarth eine ungeheure körperliche Präsenz. Neben ihr wirkt Brigitte Nielsen wie ein zierliches Rehkitz. Tatsächlich wäre Christie als Hauptrolle in dem auf Eis liegendem Red Sonja Remake ein perfektes Pendant zum neuen Conan, Jason „Khal Drogo“ Momoa. Brienne zählt zu den außergewöhnlichen Außenseiterfiguren in George R. R. Martins Geschichtenkosmos. Wie auch bei Tyrion ist es vor allem ihre Physis, aufgrund derer sie von Anderen verstoßen wird. Zu mannhaft, um Lady zu sein, widers
etzt sich Brienne der herrschenden Geschlechterrrollenzuschreibung und findet ihre Bestimmung im Kampf. Wie Arya fordert sie durch ihr Eindringen in eine Männerdomäne den Stolz eitler Machofiguren heraus: In einem Schaukampf zwingt sie Ser Loras zu Boden und erkämpft sich somit einen Platz in Renlys Leibgarde. Der Ritter der Blumen ist ungehalten, der Schöne eifersüchtig auf das Biest.

Wie auch in anderen Ensembleserien ist das Kommen von neuen mit dem Gehen von alten Figuren verbunden. Immerhin wurde der Figur, die in dieser Folge ausgeschieden ist, ein letzter bad-ass-Auftritt nicht vergönnt. In einer Reminiszenz an Boromirs (Sean Bean) Heldentod in Der Herr der Ringe halten auch in What Is Dead May Never Die diverse Pfeile im Körper die Figur nicht davon ab, etliche Angreifer ins Jenseits zu befördern.

Der Zuspruch „The Sopranos in Middle-Earth“ hat sich wieder einmal bewahrheitet. In einem spannenden „Who gets whacked next week?“ bangt der Zuschauer Folge um Folge darum, nicht eine seiner favorisierten Charaktere unter den Ausgeschiedenen zu sehen. Dass selbst Protagonisten vor einem unerwarteten Ende nicht verschont bleiben, hat Game of Thrones bereits mit der letzten Staffel bewiesen. Die Angst vor dem Verlust kann jedoch auch Positives bedeuten: Immerhin wird dem Zuschauer spürbar, wie sehr er an den Serienfiguren hängt. Die emotionale Bindung an die Figuren wird gestärkt, wenn auch auf drastische Weise.

Hier findet Ihr alle Besprechungen zur zweiten Staffel Game of Thrones.