Seite auswählen
Robb Stark macht sich auf dem Schlachtfeld ein Bild vom Schrecken des Krieges

 A naked man has few secrets, a flayed man noneLord Roose Bolton

Terrorfernsehen. Amputierte Füße und aufgespießte Köpfe, frontal nudity und Sadomaso-Sex, geschundene Leiber und übersinnliche Dämonen-Geburten: Garden of Bones, die vierte Folge der zweiten Staffel von Game of Thrones bot so viele Exzesse an Sex, Gewalt und Horror wie keine Episode zuvor. The night is dark and full of terrors – Das in der Recap zu The North Remembers von Ciprian David prognostizierte Motto der Staffel wird erschreckend konkret. Zuschauer hinterfragen die Notwendigkeit dieser expliziten Darstellungen. HBO wird vorgeworfen, die visuellen Tabubrüche und Grenzüberschreitungen in seinen Serien als Hausmarke auszustellen. Immerhin unterliegt der Pay-TV-Sender nicht der Zensur der FCC, seine einzige Grenze ist der Geschmack des Zuschauers, der kontuierlich auf die Probe gestellt wird. HBO entgeht nicht immer der Gefahr, dass Spektakel und Schauwert in Game of Thrones nur noch einem Selbstzweck zu dienen. Doch bevor man Garden of Bones als schamlose sexploitation und torture porn-Orgie abtut, lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die unterschiedlichen Kategorien von Gewalt und Sex zu werfen, die diese Folge in ihren Szenen anzubieten hat.

Robb ist auf dem Schlachtfeld der Krankenschwester Talisa behilflich

Darstellen des Nicht-Darstellbaren. Große Schlachtszenen, wie sie in George R. R. Martins Buchvorlage Das Lied von Eis und Feuer häufiger beschrieben werden, sind selbst für einen Sender wie HBO aus Zeit- und Geld-Gründen in einer Folge nicht umsetzbar. Die Serie versucht, um solche Szenen herumzuerzählen, ohne dennoch an Reiz zu verlieren. Garden of Bones bietet eine spannende Variante: Eine unsichtbare Bedrohung schleicht sich in der Nacht an zwei Lannister-Wachen heran. Schnitt. Robbs mächtiger CGI-Schattenwolf Grey Wind greift an. Schnitt. Robb mit seiner Armee in der Dunkelheit, bereit für die Attacke. Schnitt. Der Bildschirm ist für einige Sekunden schwarz, dann langsame Aufblende auf eine brutal zugerichtete Leiche. Der Kampf ist vorüber. Auf einem Schlachtfeld voller Verwundete und Tote versorgen Krankenschwester die Überlebenden.

Gewalt ist für Robb ein notwendiges Mittel, um seine Rache zu vollführen. Er versperrt seine Augen nicht vor dem Schrecken des Krieges, glaubt jedoch, ihn wie seine Schattenwolf-Bestie im Zaum halten zu können. Der Vorschlag seines bannerman Roose Boltons, Gefangene zu foltern und zu töten, wird kategorisch abgelehnt. Er will nach den Regeln kämpfen. Die Krankenschwester Talisa belehrt Robb eines Besseren. Einen sauberen oder gerechten Krieg gibt es nicht, nur Opfer, die es sich nicht ausgesucht haben, zu sterben. Dem jungen König des Nordens ist die Gewalt über den Kopf gewachsen, er macht sich keine Gedanken um die Konsequenzen seines Handelns: You’re fighting to overthrow a king and yet you have no plan for what comes after.

Hoch zu Ross begutachtet Lord Tywin die Grausamkeiten in Harrenhal

Ergründen des Unergründlichen. Tywin Lannister ist jedes Mittel recht, den Krieg zu gewinnen. Im Gegensatz zu Robb machen die Barbareien seiner Untergebenen auch vor der Zivilbevölkerung nicht halt. In den gespenstischen Ruinen von Schloss Harrenhal wird Arya Zeuge äußerster Grausamkeit. Wie Vieh in einem Zaun zusammen gefercht, wird Tag für Tag ein neuer Gefangener willkürlich ausgewählt, um der immergleichen brutalen wie ebenso sinnlosen Befragung ausgesetzt zu werden. Ohne Erklärung, ohne Gnade. Am Ende unterliegt der Befragte den Qualen seiner Folter, sein Kopf wird auf einer Mauer aufgespießt. Eine Warnung? Eine Trophäe? Ein Schmuckstück? Man wird es nicht erfahren. Umgeben von Wahnsinn und Abscheulichkeiten ist Rache das einzige, was Arya bei Verstand hält. In einer Litanei betet sie die Namensliste ihrer Todfeinde herunter, die Nacht für Nacht länger wird.

Sadist Joffrey lässt seinen Trieben freien Lauf.

Höhepunkt der Degeneration bildet allerdings König Joffrey. Als er von Tyrion auf gewitzte Art davon abgehalten wird, seine zukünftige Gemahlin Sansa öffentlich zu quälen und zu demütigen, findet Joffrey einen Weg, es seinem Onkel heimzuzahlen. Die zwei Prostituierten, die Tyrion ihm zum „abreagieren“ geschickt hat, zwingt er zu sadistischen Gewaltspielchen. Lust empfindet Joffrey am Leid Anderer, durch Erniedrigung festigt er sein Machtgefühl. Aufgrund seiner Unberechenbarkeit ist er Tyrions gefährlichster Gegenspieler – und wohl die hassenswerteste Figur der Serie.

Schmerz, Lust, Qual, Demütigung, Deformation und Transformation: Ausgangspunkt des bildlichen Tabubruchs ist
stets der zur Schau gestellte Körper. In vielen Punkten ist Game of Thrones dem Horror-Genre näher zugewandt als der Fantasy. Garden of Bones ist ein gutes Beispiel. Anschaulicher Körper-Horror, die Verzahnung von Erotik und Leid sowie eine sadistische Schaulust legen die Mechanismen von Gewalt, Macht und Sexualität offen. Wie schon im modernen Horrorfilm kommt die Bedrohung von Innen, gibt es keine größere Bestie als den Menschen selbst. In den Schock- und Ekeleffekten des „Terrorkinos“ à la Die Nacht der lebenden Toten oder The Texas Chain Saw Messacre liegt der Sprengstoff zur Sozialkritik. True Blood, HBOs blutrünstige Vampir-Serie, lässt grüßen. Doch ist die Gewalt auf dem Bildschirm in Game of Thrones weniger explizit, als man vermutet. Es gibt zwar genug Gore-Szenen, doch werden die wirklichen Schockeffekte der Fantasie des Zuschauers überlassen, angestachelt durch die eindrückliche Tonebene: Der Schmerz der Folter in Harrenhal malt durch die Schreie der Opfer ein ebenso deutliches Bild im Kopf des Zuschauers wie das knirschende Geräusch der Säge bei der Beinamputation, an der Robb behiflich ist.

Ihr Körper strahlt Faszination, Begehren und Bedrohung zugleich aus: Melisandre

Faszination für das Schöne, hinter dem sich eine große Gefahr verstecken kann. Daenerys‘ Einzug in die schöne wie auch mysteriöse Stadt Qarth lässt einen Hoffen und Bangen zugleich. Was hat die Stadt hinter ihren Toren zu verbergen? Das Böse aus dem Inneren – Keine Szene setzt das deutlicher ins Bild als die unheimliche Geburt eines Schattens aus Melisandres Schoß, der Davos Seaworth und der Zuschauer am Ende der Folge widerwillig Zeuge werden. Hier fällt die Psychologie des Horrors schließlich zusammen: Die Furcht vor dem weiblichen Körper – Melisandre schreit bei der Geburt. Aus Schmerz? Aus Lust? Es ist nicht zu unterscheiden. Jedenfalls tritt das Übernatürliche nicht mehr nur im Norden und im Osten an den äußeren Grenzen von Westeros in Erscheinung, sondern ist nun mitten im Geschehen. Schrecken, Terror, Gewalt, Sex, Körper – Unter der abschreckenden Haut des Horrorfilms sind in Folgen wie Garden of Bones einige der besten Geheimnisse von Game of Thrones auszumachen.

Hier geht es zu einer Übersicht zur Besprechung der zweiten Staffel Game of Thrones auf NEGATIV

Pin It on Pinterest