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Lust for dragons –  In Qarth wird Daenerys von den Warlocks der Stadt umworben, sehr zum Missfallen ihres Freundes und Beraters Jorah Mormont.

Anyone can be killedArya Stark

Bergfest. Mit der fünften Folge The Ghost of Harrenhal hat die zweite Staffel von Game of Thrones ihre erste Hälfte hinter sich gebracht. Nach der auf Spektakel, Schauwert und Exzess ausgelegten vorausgegangenen Folge Garden of Bones konzentriert sich The Ghost of Harrenhal ganz auf das Einfädeln von Erzählsträngen. Keine nackte Haut, kein Splatter, kein Sex, sondern Handlungsumschwünge, charakterzentrierte Dialogszenen, sorgsames Wegbereiten kommender Ereignisse sowie die Ankündigung der großen Konfrontation am Staffelende – Narration statt Attraktion.

The Ghost of Harrenhal setzt direkt nach dem finalen Höhepunkt von Garden of Bones an. Der von Melisandre geborene Schatten verrichtet sein finsteres Werk und lässt Renly Baratheon vor den Augen von Brienne und Catelyn Stark vorzeitig aus dem Krieg der Könige ausscheiden. Von der einst so pompös zurschaugestellten Macht Renlys bleibt wenig übrig: Brienne wird des Mordes verdächtigt und flieht mit Cat, der sie ewige Treue geschworen hat, Margaery und Loras Tyrell verschwinden mit Littlefinger nach King’s Landing und der Rest von Renlys Bannermännern läuft zu Stannis über. „Calling yourself king doesn’t make you one“, kommentiert Margaery trocken den Tod ihres hochmütigen Gemahls. Nach dem Zusammenfall von Renlys Luftschloss erkennt sie, dass sie sich auf tatsächliche Macht berufen muss, um nicht a queen, sondern the queen zu werden. Ihr Ritt nach King’s Landing wird eine parallele, unterschwellige Auseinandersetzung anstoßen: den Krieg der Königinnen zwischen Cersei, Sansa und Margaery.

Tyrion findet in King’s Landing eine Geheimwaffe zum Kampf gegen Stannis

Magic is Might. Renlys plötzliche Niederlage macht deutlich, dass in der Welt von Westeros militärische Stärke allein keinen Krieg gewinnt. Truppenmäßig seinem Bruder Stannis bei weitem überlegen, fiel Renly dennoch Stannis‘ Geheimwaffe zum Opfer – Melisandre. Cerseis realpolitisches Credo „power is power“ aus The North Remembers muss der neuen Erkenntnis von The Ghost of Harrenhal weichen: magic is power. Gerade in dieser Folge wird Magie als feste Größe und geheime Waffe in Westeros eingeführt, sie zieht sich durch sämtliche Handlungsfäden. So hat sich Außenseiter Stannis dank der Vereinigung von Truppenstärke und Melisandres dunkler Zauberkunst zum wahrscheinlich gefährlichsten Herausforderer im Krieg der Könige aufgeschwungen. Dass Davos Stannis davon überzeugt, Melisandre beim Angriff auf King’s Landing nicht teilhaben zu lassen, könnte sich als fatale Entscheidung erweisen.

Jedenfalls tut Tyrion Recht daran, Stannis‘ kommenden Angriff zu fürchten und sich um die Verteidigung von King’s Landing zu sorgen. Durch seinen Spitzel Lancel Lannister erfährt er von einer Geheimwaffe, die König Joffrey in den Katakomben der Stadt von Alchimisten herstellen lässt: Wildfire. Die höchstgefährliche Substanz bringt Eisen, Fels und Fleisch zum schmelzen und war seiner Zeit ein beliebtes Spielzeug des Mad King Aerys II. Targaryen. Ähnliche Kriegswaffen wie Phosphorbomben haben in unserer Geschichte jedoch grausame Art gezeigt, dass der Einsatz einer solchen Geheimwaffe eine ebenso große Gefahr für Angreifer wie für den Verteidiger bedeutet. So sitzt King’s Landing auf einem Pulverfass, mit dem wahnsinnigen König Joffrey an der Zündschnur. Tyrion versucht diese mächtige Waffe unter seine Kontrolle zu bringen und setzt die Wildfire-Produktion unter sein Kommando.

Jenseits von Westeros sind die Mächtigen von Qarth währenddessen an Daenerys‘ Geheimwaffen, ihren Drachen, interessiert. Sie erhält die Einladung, den Sitz der Macht in Qarth, das House of the Undying, zu besuchen, ihr Gastgeber Xaros Xhoan Daxos schlägt der Drachenkönigin einen Handel vor: Er versorgt sie mit Reichtum, Schiffen und einem Heer, um Westeros zu erobern und sie wird im Gegenzug seine Frau.  Jorah rät Dany jedoch zum Abwarten. Eine unterschwellige Bedrohung geht von der paradiesischen Stadt Qarth aus. 

Jaqen H’ghar verrichtet als Geist von Harrenhal für Arya tödliche Dienste

Im Krieg gegen die übermenschlich wirkenden Kräfte von Robb Stark sucht Tywin Lannister hingegen verzweifelt nach einer Geheimwaffe, um seinen erfolgreichen Feind zu bezwingen. Wie bereits Renlys Tod bewiesen hat, gibt es für den Schwachen immer einen Weg, über den Starken zu siegen. „Anyone can be killed“, sagt Arya in einer starken Szene mit Lord Tywin und schaut ihn bedeutungsvoll an. Im Gegensatz zu ihm hat sie bereits ihre Geheimwaffe in Schloss Harrenhal gefunden. Jaqen H’ghar, der mysteriöse Verbrecher, den sie mit zwei anderen vor dem Tod gerettet hat, möchte seine Lebensschuld bei ihr abbezahlen, indem er drei Menschen für sie umbringt. Der Tod des ersten Opfers, der brutale Folterer Tickler aus Garden of Bones, zeigt, dass Aryas Wort allein genügt, um zwei weiteren ihrer Feinde das Leben zu nehmen. Wie praktisch, dass sie sich in ihrer abendlichen Gebetslitanei die Namen ihrer Feinde gut eingeprägt hat…

Mighty Women. In einem Verriss der New York Times wurde HBOs Game of Thrones aufgrund seiner überexpliziten Sexszenen als boy fiction abgetan, verzweifelt auf der Suche nach weiblichen Zuschauerinnen. Tatsächlich können sich einige Folgen (man denke nur an die misslunge „Sexposition“-Szene mit Littlefinger aus You Win or You Die) in ihrem Umgang mit der weiblichen Sexualität nicht dem Urteil entziehen, die ausgelebten Fantasien eines 13-Jährigen zu sein, wie es Saturday Night Live in einem Sketch parodierten. Doch ist dem entgegenzuhalten, dass Game of Thrones wie keine andere Fantasy-Serie von ähnlichem Format mit überaus starken Frauencharakeren aufwartet. Ob konkret in physischer (Brienne, Yara) und magischer Stärke (Melisandre), indirekt in politischem (Margaery, Cersei) und diplomatischem Geschick (Sansa), oder generell an Charaktergröße (Arya, Catelyn, Dany), die Frauen bei Game of Thrones sind den Männern ebenwürtig, wenn nicht überlegen. 

Theons Krise unter den Ironborn ist zugleich eine Krise seiner Männlichkeit, die unter Beweis gestellt werden muss

Tatsächlich geht mit der Aufwertung der Frauenrolle in der mittelaterlichen Fantasy-Erzählung von Game of Thrones eine Krise des Männlichen einher. Viele der männlichen Protagonisten haben gerade mit dem von ihnen verlangten Männerbild zu kämpfen. Ihnen mangelt es an der „richtigen“ körperlichen Statur (Tyrion), der „richtigen“ sexuellen Orientierung (Renly), der „richtigen“ Ehre (Jaime) oder an Potenz (Stannis), um als vollwertiger Mann zu gelten. Oder es fehlt ihnen die nötige Reife – Sie sind zu jung, um die Bürde eines Herrschaftstitels tragen zu können (Bran, Joffrey) und müssen sich gegenüber der patriarchalen Autorität durch Taten erweisen (Jon und Theon). Die Männer bei Game of Thrones stehen unter permanten Zugzwang, nicht selten herausgefordert durch die Frauen. Ihr Geltungsdrang verleitet sie jedoch zu unbedachten oder folgenschweren Entschlüssen. Jons Entscheidung, an der Seite von Qhorin Halfhand sich in das Lager der Wildlinge einzuschleichen, verspricht In The Ghost of Harrenhal ebenso verhängnisvolle Konsequenzen wie Theons Plan, in Winterfell einzufallen.

Zur Mitte der zweiten Staffel wurden in The Ghost of Harrenhal die Karten also noch einmal neugemischt. Neue, bedrohliche Kräfte und Waffen wurden ins Spiel gebracht, im Kampf um den eisernen Thron ist noch nichts entschieden. Mit Magie als neuen großen Unbekannten in der Gleichung wird das Game of Thrones unberechenbarer denn je. Nichts ist gewiss, alles steht offen und: Jeder kann sterben. The Ghost of Harrenhal hinterlässt wie kaum eine andere Folge in der zweiten Staffel den angespannten Zuschauer mit neugieriger Erwartung auf kommende Ereignisse. Bedrohlich liegt der Schatten, den sie vorauswerfen, auf dem Gesehenen – dunkler wie nie zuvor.

Hier geht es zur Übersicht zur gesamten NEGATIV-Besprechung der zweiten Staffel Game of Thrones