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Angry Young Men – Joffrey Baratheon ist aus der Reihe junger Protagonisten, die gegen die alte Generation aufbegehren und eine neue Ordnung einfordern, der wohl unberechenbarste und gefährlichste.

You can’t trust wild thingsQhorin Halfhand

Altes gegen Neues. A Clash of Kings, so lautet der Originaltitel des zweiten Bandes von George R. R. Martins Buchreihe Das Lied von Eis und Feuer, auf dem die zweite Staffel Game of Thrones basiert. Haupthandlungsstrang ist der War of the Five Kings zwischen Joffrey Baratheon, Renly Baratheon, Stannis Baratheon, Robb Stark und Balon Greyjoy. Hinter dem Krieg der selbsternannten Könige steckt nicht zuletzt ein Kampf der Werte, Überzeugungen und Traditionen. The Old Gods and the New, die sechste Folge der zweiten Staffel, spielt diese Auseinandersetzung auf der Ebene eines Generationskonflikts durch. Folglich stehen die jungen Protagonisten der Serie diese Woche im Vordergrund: Theon, Jon, Robb, Arya, Dany, Joffrey und Sansa. Ihnen stehen die erwachsenen Figuren als Vertreter einer altenden Ära gegenüber.

Robb Stark brütet über Schlachtpläne. In Game of Thrones steht das Junge…

Obwohl ein Hauptkonflikt der Serie die Frage zu sein scheint, wie die Kinder des Hauses Stark nach dem Verlust ihres Vaters ihr Leben fortsetzen, liegt der Fokus von The Old Gods and the New auf den beiden „Beinahe-Starks“ Jon Snow und Theon Greyjoy. Beide verbindet interessanterweise der Bezug zu ihrem (Zieh-)Vater Eddard Stark. Theon hat in einer Nacht-und- Nebel-Aktion den kaum beschützten Hauptsitz der Starks eingenommen und sich zum Prinzen von Winterfell ausgerufen. Als erste Amtshandlung und Demonstration seiner Macht muss er den aufmüpfigen Waffenmeister Ser Rodrik Cassel hinrichten – ein symbolisches Losschlagen von dem Haus, das ihn großgezogen hat. Cassel fordert Theon heraus, das Urteil selbst zu vollstrecken, wie es Lord Eddard Stark zu tun pflegte: The man who passes the sentence should swing the sword, sagte Eddard in der ersten Folge der Serie zu Bran, als er einen Deserteuren der Nachtwache enthauptete. Auch wenn er sich einen Titel verleiht, steht Theon in keiner legitimen Nachfolge zum verstorbenen Herren von Winterfell. Er verfügt nicht über Neds Stärke, mit der Ausführung der Hinrichtung ist er sichtlich überfordert. Mehrmals muss er auf Ser Rodriks Hals einschlagen und den fast abgetrennten Kopf schließlich abtreten. Gerechtigkeit wird zur grausigen Farce. Jenseits der Mauer ist auch Jon unfähig, eine ihm auferlegte Enthauptung durchzuführen. Nachdem der Trupp von Qhorin Halfhand ein kleines Wildlingslager überfallen hat, hinterlässt Halfhand Jon mit dem Auftrag, die Wildlingsfrau Ygritte umzubringen. Jon zögert – und gibt Ygritte die Chance, zu fliehen. Als er sie wieder einfängt, hat er sich bereits zu weit von seinen Brüdern der Nachtwache entfernt. Er ist verloren in der Wildnis, noch dazu mit einer trotzigen Wildlingsfrau, an deren Körper er sich Nachts widerwillig schmiegen muss, um nicht zu erfrieren.

Krise des Männlichen und die Frau als Bedrohung – In der Besprechung zu The Ghost of Harrenhal wurde letzte Woche bereits auf diesen Konflikt der männlichen Protagonisten aus Game of Thrones hingewiesen. Herausgefordert durch starke Frauenfiguren stehen die jungen Männer unter Zugzwang, sich unter den Augen ihrer Väter/Vaterfiguren zu beweisen. Sowohl Theon als auch Jon werden ihrem „Übervater“ Eddard Stark nicht gerecht. Mehr noch: Beide lassen sie sich von einer dominant auftretenden Frauenfigur bezwingen – Jon unterliegt Ygritte und Wildling Osha trickst Theon aus, indem sie Theons einzigen Schutz vor dem Zorn des Nordens, die beiden Geiseln Bran und Rickon Stark, aus Winterfell herausschmuggelt. You can’t trust wild things. Noch dazu, wenn sie weiblich sind. Auch Robb, der als erfolgreicher und gerechter Kriegsherr den Anforderungen von Eddard Stark noch am nächsten kommt, droht an einer Frau zu scheitern: Talisa. Seine wachsenden Gefühle für die attraktive wie geheimnisvolle Krankenschwester, die er in Garden of Bones zum ersten Mal traf, stehen seiner Pflicht als König im Wege. Ist er doch einer Tochter von Lord Walder Frey versprochen, dessen Loyalität einen wichtigen Pfeiler seiner Macht bedeutet. Kann Robb dem Leitbild seines Vater folgen, indem er ebenso wie dieser lernt, das private Glück zugunsten des Allgemeinwohls zu opfern?

… dem Alten gegenüber: Lord Tywin Lannister in Harrenhal.

In ihrem Willen zu Überleben und Mut ähnelt Arya ihrem Vater sehr, und doch emanzipiert sie sich zunehmend von ihm. Sie gewinnt so etwas wie eine kritische Distanz von Eddard Stark, wenn sie sagt, dass seine Loyalität ihn umgebracht habe. Von den Stark-Kindern ist sie vielleicht die souveränste, selbst der mächtige Lord Tywin zeigt sich von ihrer Reife beeindruckt und behandelt seine Dienerin mit einem gewissen Respekt, ohne zu wissen, dass sie eine Stark ist. Wieder einmal zählen die Szenen zwischen ihm und Arya zu den besten Momenten der zweiten Staffel. Arya wird zu seiner geheimen Gegenspielerin. Als sie von Amory Lorch dabei erwischt wird, wie sie mit einer Notiz von Lord Tywin betreffend ihres Bruders Robb verschwindet, lässt sie den Lannister-Gefolgsmann von Jaqen H’ghar umbringen. Gewissermaßen als Untergru
ndkämpferin höhlt sie die Macht der Lannisters auf Harrenhal Stück für Stück aus. Auch Arya-Darstellerin Maisie Williams scheint mir ihrer Rolle zu wachsen, unter den talentierten Jungschauspielerinnen der Serie sticht sie auch in dieser Folge bei weitem hervor.

In Qarth trifft Daenerys währenddessen auf den Widerstand der herrschenden Warlocks. Keiner möchte der Drachenkönigin Schiffe zur Verfügung stellen, mit denen sie nach Westeros segeln und den eisernen Thron für sich beanspruchen kann. Ihre jugendlichen, kühnen Träume werden von der berechnenden Logik der alten Händler abgeblockt – ihr Unterfangen scheint zu unsicher und kreditunwürdig, als dass sich eine Investition lohnen würde. Der latente Konflikt wird schließlich offen, als Dany feststellen muss, dass ihre Gefolgschaft in ihrer Abwesenheit ermordet und die Drachen entführt worden sind.

The king shits, the Hand wipes – In King’s Landing hat Tyrion wieder einmal alle Hände damit zu tun, die Fehler seines Neffen auszubügeln.

Der ambitionierten Visionärin Dany steht der von Träumereien blinde König Joffrey gegenüber. Nach der Verabschiedung seiner Schwester Myrcella nach Dorne wird Joffrey auf der Straße in King’s Landing von einem wütendem Mob hungriger Untertanen verbal und physisch attackiert. In seinem Wahn ordnet er an, alle Anwesenden zu exekutieren, was einen Massenaufstand zur Folge hat. In dem Tumult wird Joffrey schmerzhaft damit konfrontiert, dass jenseits seiner wohlbehüteten Burg seine Macht als König auf der Straße keine Bedeutung hat. Tyrion ist aufgebracht über die Stupidität seines Neffen und versucht sein bestes, die Lage zu retten. Die Sieben Königreiche haben unter Joffreys neuer Herrschaft zu leiden wie selten zuvor. Der Aufstand in King’s Landing zeigt, dass das Volk Joffreys Tyrannei nicht kampflos hinnehmen wird. Ohne Tyrions diplomatisches Geschick wäre es gewiss schon längst zu einer Rebellion gekommen.

Aufbegehren gegen die herrschende Ordnung, das Streben nach Unabhängigkeit. The Old Gods and the New demonstriert schließlich, wie sich die Serie Game of Thrones vor allem mit der zweiten Staffel von der Sklaverei der Werktreue zu befreien beginnt. Angefangen bei kleinen Namensänderungen (aus Asha Greyjoy wird Yara Greyjoy, Jeyne Westerling scheint Talisa Maegyr zu heißen), hat sich die Serie aus dramaturgischen Gründen immer mehr Freiheiten gegenüber den Büchern herausgenommen. Handlungsabläufe werden abgekürzt, Nebenfiguren gestrichen oder unter einer einzigen Figur vereint. The Old Gods and the New stellt jedoch bisher einen Höhepunkt in dieser Entwicklung dar: Wichtige Wendepunkte wie der frühe Tod von Ser Rodrik Cassel werden ebenso einen anderen Handlungsverlauf zur Folge haben wie die Ereignisse um die entführten Drachen in Qarth, die in den Büchern nie stattgefunden haben. Da George R. R. Martin sich weiter hin als ausführender Produzent an Game of Thrones beteiligt, ist nicht anzunehmen, dass sich die Serie langfristig derart weit von der Vorlage entfernt wie etwa andere Serienadaptionen (True Blood, Dexter). Doch haben show runner David Benioff und D.B. Weiss bereits angekündigt, einen entscheidenden Wendepunkt aus dem dritten Buch in die zweite Staffel vorzuverlegen. Die komplexer werdende Struktur der weiteren Bücher verlangt eine veränderte Dramaturgie der Geschichte auf dem Bildschirm. Alles ist wieder möglich, anyone can be killed.

Hier gibt es eine Übersicht zur NEGATIV-Besprechung der zweiten Staffel Game of Thrones.

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