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In Qarth wird Daenerys zur ahnungslosen Schachfigur innerhalb einer Verschwörung zum Machtputsch

Was ist Ehre? A Man Without Honor, die siebte Folge der zweiten Staffel von Game of Thrones, vereint seine unterschiedlichen Handlungsstränge unter einem Thema: der Dekonstruktion des romantisierten Blickes auf Heldentum, Ritterlichkeit, Ehre, Macht und Männlichkeit im Subgenre des Ritterfilms, zu dem die Serie Bezug nimmt. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die Figur des Jaime Lannisters, die seit der Premiere The North Remembers ihren ersten großen Auftritt in der zweiten Staffel feiern durfte.

It’s better to be cruel than weak

In seinem verzweifelten Versuch, den Respekt der Ironborn zu gewinnen, begibt sich Theon Greyjoy auf einen immer dunkleren Pfad. Seiner Ansicht nach befindet er sich an einem Punkt, an dem es keine Rückkehr mehr gibt. Irrationalität bestimmt Theons Handeln. Die panische Angst von Seinesgleichen nicht  akzeptiert zu werden, ist zugleich seine größte Schwäche, der Grund für sein tragisches Scheitern. Dargestellt wird dies in der unerbitterlichen wie auch vergeblichen Jagd nach seinen entflohenen Geiseln Bran und Rickon Stark. Am Ende müssen zwei unschuldige Leben für Theons Verfehlen leiden. Sein vermeintlicher Sieg über die Starks ist teuer erkauft, die Aussicht auf Vergebung verspielt. Sollten Robbs Nordmänner tatsächlich vor Theons Schwester Yara in Winterfell ankommen, werden sie ihm seine grausamen Verbrechen nicht minder brutal heimzahlen.

Auch der Jungkönig Joffrey Baratheon versucht sich Respekt und mangelnde Autorität durch übermäßige Brutalität zu erkaufen. Es ist die Pervertierung des Ideals des taffen, harten Kriegers, dessen unbeugsamer Wille ihn zu den wildesten Kühnheiten verleitet. Die Würde der Königskrone ist ihm Rechtfertigung genug, die ehrlosesten Schandtaten zu verrichten. Weder gerechter Herrscher, noch Bewahrer des Reiches, sondern ein wahnsinniger Tyrann – Nicht nur Sansa und Tyrion, auch Cersei hat mittlerweile die wahre Natur ihres Sohnes erkannt. In einem sehr intimen, verletzlichen Moment mit Tyrion fragt sie sich, ob Joffreys Wahn die Strafe für ihre verbotene Vereinigung mit ihrem Bruder Jaime ist. Im Angesicht der nahenden Konfrontation mit Stannis‘ Flotte erweist sich Joffrey jedenfalls nicht als fähiger Kriegsführer.

Grausamkeiten als Machtfestigung: Bei Theon wie auch bei Joffrey vergreift sich der Starke am Schwachen, um sich ihm gegenüber seine überlegene Position zu sichern und Feinde abzuschrecken. Eine leichte Entscheidung für Sadist Joffrey, für Verräter Theon hingegen Seelenqual. Mit jeder Barbarei, der er sich widerwillig hingibt, stirbt in ihm der letzte Rest von Güte. Doch lässt er es zu und verpasst die Gelegenheit zu wirklicher Stärke, dem Wahnsinn der Gewaltdemonstration entgegen zu treten.

You know nothing, Jon Snow

Unterlassene Härte wird Jon Snow jenseits der Mauer wiederum zum Verhängnis. Immer mehr gerät er ins Wanken, ob das von ihm gewählte Leben als Bruder der Nachtwache das Richtige ist. Denn Wildlingsfrau Ygritte bringt sein schwarz-weißes Weltbild weiter ins Wanken. Nachdem er bereits zu Beginn der Staffel von seiner Leitfigur Lord Commander Mormont einen gewissen Abstand gewonnen hat – wusste dieser doch über Crasters grausiges Geheimnis Bescheid und hat es stillschweigend hingenommen lässt Ygritte Jon sein einfaches Feindbild der Wildlinge überdenken. Sind sie doch den Nordmännern gar nicht so verschieden, mit denen sie gemeinsame Vorfahren teilen. Wie schon Tyrion in der ersten Staffel anmerkte, besteht auch für Ygritte der einzige nennenswerte Unterschied darin, dass die Wildlinge das Pech hatten, auf der falschen Seite der Mauer zu stehen, als diese erbaut wurde. Die Überzeugung des Kampfes für die gerechte Sache im Krieg gegen die Wildlinge verliert für Jon an Glaubwürdigkeit. Gleichzeitig wird er von Ygritte versucht, sein Zölibat zu brechen. Doch ehe Jon weiter mit seinem Eid hadern und Ygritte sich zu seinem love interest ausbilden kann, hat sie ihn auch schon in einen Hinterhalt gelockt. Gibt es überhaupt noch etwas, woran man sich festhalten kann?

Dass er sicherlich nicht für die rechte Sache einsteht, ist Sandor Clegane in King’s Landing dagegen schon längst bewusst. Joffreys Leibwache verwehrt sich den Titel eines Ritters. Während noch romantische Träumer wie Bran oder Sansa den Ritter zum selbstlosen, edlen Helden verklären, steckt für Sandor hinter dem Titel nur Heuchelei. Wenn schon ein Monstrum wie sein Bruder Gregor zum Ritter geschlagen wird, dann hat dies mit Ehrbarkeit nur noch wenig zu tun. Vom Schrecken der Welt im wahrsten Sinne des Wortes abgebrüht, weist sein Beiname „The Hound“ auf Sandors wahre Natur hin. Denn noch gefährlicher als sein Schwert ist sein beißender Zynismus, mit dem er die idealisierte Institution „Ritterschaft“ attackiert. Und es wird das einzige sein, das Sansa, die nun zur Frau gereift ist, vor Joffreys Bestialität schützen wird.

Those in the margins often come to control the center…

and those in the center make room for them, willingly or otherwise. Die Ereignisse in Qarth spiegeln eine der vielleicht wesentlichen Konflikte der zweiten Staffel, wenn nicht der gesamten Serie von Game of Thrones wider: Fantasy gegen Realismus, oftmals ausgetragen von jungen Emporkömmlingen, die mithilfe übernatürlicher Kräfte gegen die eingesessenen Machthabenden aufbegehren. So wie Stannis den militärisch überlegenen Renly in The Ghost of Harrenhal mit Melisandres schwarzer Magie bezwungen hat, will auch Dany den eisernen Thron mithilfe ihrer Drachen zurückerobern. Wie es sich herausstellt, hat ihr Gastgeber Xaro Xhoan Daxos jedoch ihre Drachen entführt, um das gleiche in Qarth zu machen. Er ruft sich als König der Stadt aus und tötet mithilfe von Pyatt Prees Magie die übrigen Warlocks der Stadt. Danys Drachen sollen seine neue Herrschaft sichern.

Unlauterer Wettbewerb. Schon damals hielt sich Aegon Targaryen nicht an die Spielregeln des Game of Thrones und brachte durch seine Drachen die Mächtebalance ins Kippen. Wie Lord Tywin Lannister in einer weiteren bemerkenswerten Szene mit Arya erklärt, war Schloss Harrenhal einst die beste Festung des Landes. Kein Heer vermochte es, Harrenhal im Feld einzunehmen, bis Aegon die stolze Burg mit seinen Drachen aus der Luft in Schutt und Asche verwandelte. Eine rabiate, wie auch unkonventionelle Lösung. Arya korrigiert Lord Tywin: Er hat die Tatsache übersehen, dass es Aegons Schwestern waren, mit denen der Ahnsherr der Targaryens den Sieg zusammen davontrug. Magie, Heimlichkeit, Tücke: Nicht selten wird gerade das Weibliche mit diesen “
ehrlosen“ Methoden des Kampfes gleichgesetzt. Doch ob ehrbar oder nicht: Bis jetzt scheinen sie die effektiveren zu sein.

Machtwechsel in Qarth: Aufsteiger Xaro Xhoan Daxos ergreift mithilfe des Schwarzmagiers Pyatt Pree die Macht – und lädt Dany ein, das House of the Undying zu besuchen, in der sie ihre Drachen finden soll

You are a man without honor

Schließlich kulminieren all diese Teilaspekte in dem Handlungsstrang um Königsmörder Jaime Lannister, von Catelyn Stark ausgewiesen als Mann ohne Ehre. Ein Höhepunkt der Folge bildet die Szene zwischen Jaime und seinem Cousin Alton Lannister, die zufällig in einer Zelle landen. Alton bewundert Jaime, schwärmt als Knappe von den Abenteuern des Krieges. Jaime erinnert sich an seine Zeit als Knappe bei dem angesehenen Ritter Ser Baristan Selmy, auch er schwelgt in romantischen Kriegserinnerungen. Kämpfen ist nunmal seine einzige Bestimmung, sagt er. Der Junge und der Ritter begegnen sich in ihrer Kriegerromantik auf Augenhöhe – bis Jaime Alton mit seinen Ketten erwürgt, um einen Fluchtversuch zu starten. Kein eigentlicher Bruch mit dem Pathos des Ritterfilms, sondern seine verkehrte Weiterführung. Sandors zynisches Bild des selbstsüchtigen, gewissenlosen Ritters wird Fleisch.

Was ist Ehre? A Man Without Honor demonstriert, wie weit in Westeros das Ideal und die Realität des Ritters auseinanderklaffen. Von der Erhabenheit des Rittertums bleibt nicht mehr übrig als skrupelloser Geltungsdrang, oppurtunistischer Pragmatismus, unauflösbare Interessenkonflikte und schier endlose Machtkämpfe und Gewaltdemonstrationen. Der ideale Ritter hat mit Eddard Stark bereits Ende der letzten Staffel seinen Kopf verloren – weil er ehrenhaft gehandelt hat. Ihm steht Jaime, der Mann ohne Ehre, gegenüber. Auch wenn er das Game of Thrones nicht gewinnen vermag, wird es auf auf jeden Fall überleben.

Hier findet ihr einen Überlick zur gesamten NEGATIV-Besprechung der zweiten Staffel Game of Thrones.